Neuer Verlag

Im literarischen Reich der Königskinder

Barbara König hat elf Jahre erfolgreich für Carlsen Bücher lektoriert, jetzt hat sie einen eigenen Verlag. Besuch bei einer Frau, die in digitalen Zeiten auf die Kunst des gedruckten Wortes setzt.

Hamburg. Dass gleich im Eingangsbereich des Verlags Königskinder ein großes Bücherregal steht, wäre eigentlich nicht erwähnenswert. Schließlich dreht sich hier ja alles um das gedruckte Wort. Besonders macht das Bord, wie die Buchrücken darin ästhetisch miteinander harmonieren. Sieben Titel sind es bislang, alle unterschiedlich groß und dick. Und trotzdem wie aus einem Guss. Eine Komposition in Schwarz, Weiß, Gold – immer mit einem kleinen Krönchen. Zieht man sie heraus, fühlen sich die Buchdeckel glatt an, und auch mal weich. Eigentlich möchte man jetzt wissen, warum das so ist. „Am besten selbst lesen“, sagt die frischgebackene Verlegerin Barbara König und lächelt mild. Natürlich ist genau das erwünscht. Willkommen im Reich der Königskinder.

Auf den ersten Blick ist es schon ein bisschen verwegen, in diesen Zeiten einen neuen Buchverlag zu gründen, angesichts von annähernd 90.000 Neuerscheinungen pro Jahr allein auf dem deutschen Markt. „Mir war sehr bewusst, dass niemand auf uns wartet“, sagt Barbara König. Dass sie es trotzdem wagt, hat mit ihrer „Freude am Buch als Gesamtkunstwerk“ zu tun und mit dem Carlsen-Verlag, in dem sie elf Jahre lang den Programmbereich Hardcover leitete.

Dabei war die 46-Jährige, die Starschreiberin Stephenie Meyer und ihre „Bis(s)“-Serie ebenso nach Deutschland holte wie die Halbgott-Abenteuer eines Percy Jackson, so erfolgreich, dass sie unter dem Dach des renommierten Hauses die Chance für eine Neugründung bekam. „Eine Art Verlag im Verlag“, beschreibt sie, was Buchmenschen Imprint nennen. Dass sie dem neuen Verlag ihren Namen gab, zeigt, wie ernst es ihr ist.

Räumlich sind die Königskinder, zu denen außer der Namensgeberin noch drei weitere Mitarbeiterinnen für Lektorat, Gestaltung und Herstellung gehören, nur wenige Gehminuten vom Mutterhaus auf einem ehemaligen Industriegelände im hippen Ottensener Westen entfernt. Das ändere aber nichts an der „programmatischen Eigenständigkeit“, sagt die Verlagschefin, die ihr Geschäft Anfang der 1990er-Jahre beim damals neuen Berlin-Verlag lernte. Die Königskinder sollen das Programm des Comic-, Kinder- und Jugendbuchhauses, das mit den Abenteuern von Harry Potter riesigen Erfolg hatte und hat, um eine „explizit literarische Facette“ erweitern.

Der Startschuss fiel vor gut einem Jahr, am 1. Oktober 2013. Wie im Rausch sei die Zeit seitdem vergangen. „Die ersten Monate habe ich gelesen, gelesen, gelesen. Wir mussten ja praktisch bei null anfangen und ein Programm zusammenstellen“, erzählt Barbara König, die übrigens nicht etwa Literatur studiert hat, sondern Slawistik, Geschichte und Politik – unter anderem in Moskau. Sie kontaktierte Literaturagenten und ausländische Verlage, wühlte sich durch ungezählte Manuskripte – immer auf der Suche nach dem Stoff, der Teenager anspricht und alle anderen auch.

In Rekordzeit trafen sie und ihre Mitarbeiterin ihre Auswahl. Sehr unterschiedliche Titel, auch einige Debütwerke, fast immer Übersetzungen, unter anderem von preisgekrönten Autorinnen wie der Neuseeländerin Kate de Goldi, die in „Die Anarchie der Buchstaben“ herzerwärmend über Demenz erzählt, oder der Amerikanerin Ruth Sepetys, die ihre Coming-of-Age-Geschichte „Ein Glück für immer“ im New Orleans der 50er-Jahre ansiedelt.

Die Romane handeln vom Sich-selbst-Finden, von Liebe und vom Anderssein. Sie sind intensiv, atmosphärisch dicht, manchmal magisch – und nie kitschig. Wie König ihre Titel findet? Die Verlagsleiterin schüttelt den Kopf. Ein Rezept gibt es nicht, sagt sie. „Für mich ist ein Programm wie ein Gemälde. Es muss passen.“ Besonderer Coup: Andreas Steinhöfel, einer der bekanntesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren („Rico, Oscar und die Tieferschatten“, „Die Mitte der Welt“), wechselte zu den Königskindern. Barbara König war lange seine Lektorin bei Carlsen. Sein neuestes Buch „Anders“ über Felix, der nach einem schweren Unfall lange im Koma liegt und sich danach Anders nennt, hat übrigens einen Umschlag, der sich weich anfühlt, wenn man darüberstreicht.

Die ersten Rückmeldungen sind viel versprechend. Auf der Buchmesse in Frankfurt hat die neue Verlegerin Anfang Oktober die ersten vier Königskinder-Titel präsentiert. Die kamen direkt vom Drucker, seit November sind alle sieben Titel auf dem Markt. „Ich war sehr gespannt, ob es so wird, wie ich es mir vorgestellt habe“, sagt Barbara König und weist auf farblich abgestimmte Lesebändchen hin und golden gewirktes Vorsatzpapier. Dahinter, sagt sie, stecke schon eine gewisse Detailverliebtheit.

Das trifft offenbar ein Bedürfnis. Als jugendliche Leser kürzlich ihre Lieblingsbücher in der Hamburger Buchhandlung des Jahres, bei Christiansen in Ottensen, vorstellten, waren gleich zwei Titel von den Königskindern dabei. Schon jetzt sind mehrere Bücher für Preise wie „Lovelybooks“ nominiert. Die Facebook-Seite der Königskinder, auf der es immer montags ein „Wort der Woche“ gibt, hat 800 Likes. Eine Buchhändlerin hat ein Foto gepostet mit einem Plakat: „Diesen Verlag möchte ich heiraten“. Natürlich freut sich die Verlagsleiterin darüber, über den kommerziellen Erfolg sagt es allerdings nichts. Für konkrete Verkaufzahlen sei es noch zu früh, erklärt Barbara König. „Aber wenn es so weitergeht, wird alles gut.“ Schließlich wolle sie „nicht in Schönheit sterben, sondern mit Büchern Geld verdienen“. Alle Titel gebe es auch als E-Books, betont König, die sich selbst als „digitalen Menschen“ bezeichnet („Ich liebe mein iPhone“). Praktisch sind diese E-Books natürlich, aber für das auf sinnliche Erfahrungen ausgelegte Buchprogramm ist das Format nur bedingt geeignet.

Auf der anderen Seite des Regals im Königskinder-Foyer stehen übrigens schon die Vor-Exemplare für die fünf Titel des nächsten Programms. Statt Schwarz, Weiß, Gold wird es im Frühjahr ziemlich bunt, mit vielen Blumen. Man kann sie fast riechen, und man möchte auch diese Bücher unbedingt aufschlagen und lesen. So schnell wie möglich.

Internet: www.carlsen.de/koenigskinder