Kulturpolitik

Was Hamburg von Berlin lernen kann - und umgekehrt

Ein Gespräch mit Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler (Ex-Berlinerin) und Berlins Kultur-Staatssekretär Tim Renner (Ex-Hamburger) über Chancen und Fehler in Berlin und Hamburg.

Hamburg/Berlin. Barbara Kisseler und Tim Renner haben in ihren ehemaligen Heimatstädten für ihre aktuellen Jobs so einiges gelernt. In Berlin war die jetzige Hamburger Kultursenatorin Chefin der Senatskanzlei. Renner ist in der Musikbranche groß und bekannt geworden. Der frühere Chef der damals noch in Hamburg beheimateten Plattenfirma Universal Music wiederum machte sich in Berlin selbstständig – bis ihn Kisselers Ex-Chef Klaus Wowereit in die Politik holte. Beide haben sehr ähnliche Probleme. Aber die Fragen, die wir ihnen per E-Mail stellten, zeigen, dass sie darauf mit sehr unterschiedlichen Antworten reagieren.

Hamburger Abendblatt: Was kann Hamburg von Berlin lernen?

Barbara Kisseler: Manchmal wünsche ich mir etwas mehr von dem lauten unbekümmerten Berliner Selbstbewusstsein statt der selbstgenügsamen Hamburger Zurückhaltung.

Was kann Berlin von Hamburg lernen?

Tim Renner: Echtes Selbstbewusstsein. Die Hamburger sind stolz auf ihre Stadt, die Berliner stellen gerne alles infrage – zumindest wenn nicht gerade einer von außerhalb zuhört.

Berlin gilt immer noch als „arm, aber sexy“ – dann ist Hamburg also: …?

Kisseler: Ganz bestimmt nicht so reich, wie manche Berliner denken, aber von einer äußerst anziehenden, kühlen Erotik.

Renner: Schön und solide. Wo in Berlin vieles Improvisation und somit vergänglich ist, wird in Hamburg auf langfristige Planung gesetzt. Das sorgt für Stabilität, aber nicht unbedingt für Beweglichkeit und Spannung...

Welchen Teil der Berliner Kulturpolitik vermissen Sie hier in Hamburg?

Kisseler: Die Bereitschaft zum ästhetischen Risiko und manchmal die ungebremste Sinnenfreude.

Welchen Teil der Hamburger Kulturpolitik vermissen Sie in Berlin?

Renner: Da ich in Hamburg noch nicht Kulturpolitik gemacht habe, fällt mir der Vergleich schwer. Sicher ist aber, dass Kultur in Hamburg wichtig, für Berlin aber überlebenswichtig ist. Hier lebt man förmlich von ihr. Zudem habe ich es leichter als meine Kollegin: Ich kann eine erfolgreiche Kulturpolitik fortsetzen, während Barbara Kisseler erst mal erfolgreich eine Richtungsänderung einleiten und diverse Missstände beseitigen musste…

Welche Rolle wird die Kulturpolitik bei der nächsten Wahl in Hamburg spielen und warum?

Kisseler: Hamburg hat durch die Fehler des Vorgängersenats verstanden, welche Bedeutung die Kultur für eine attraktive und funktionierende Stadt hat. Wir haben der Kultur in den letzten Jahren die Wertschätzung zurückgegeben, die ihr gebührt, und versucht, den Einrichtungen die Planungssicherheit zu geben, die sie brauchen. Kulturpolitik spielt in Hamburg daher kontinuierlich eine wichtige Rolle, taugt aber nicht für Wahlkampfgetöse.

Welche Rolle wird die Kulturpolitik bei der nächsten Wahl in Berlin spielen und warum?

Renner: Eine wichtige, denn für Berlin ist Kultur das, was für Hamburg der Hafen ist. Sie sorgt nicht nur für die Identität, sondern auch für Wertschöpfung und Arbeitsplätze. Kultur- und Kreativwirtschaft als auch der Tourismus (der bei uns ja zu über 75 Prozent von der Kultur der Stadt getrieben wird) sorgen für 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und für mehr als 400.000 Arbeitsplätze, also mehr als ein Viertel der Workforce der Hauptstadt.

In Hamburg wird der Mangel verwaltet, in Berlin dagegen wird die Vielfalt überschätzt?

Kisseler: Die Feststellung hat in dieser Schlichtheit etwas Bestechendes. Aber im Ernst: Beide Städte könnten mehr Geld für die Kultur vertragen, und beide Städte sind auf ihre Art einzigartig!

Renner: Jede Metropole braucht Vielfalt. Kultur lebt von Unterschiedlichkeit, speist sich aus den vermeintlich hintersten Ecken und Nischen der Gesellschaft…

Sie nennen Berlin gern und süffisant „die andere Kulturmetropole“. Warum fehlt in Hamburg trotz der vielen privaten Mäzene immer wieder der Ehrgeiz, besser und unverwechselbarer sein zu wollen?

Kisseler: Welche Stadt nun besser und unverwechselbarer ist, kann jeder für sich entscheiden. Beide Städte sind anders, und Hamburg hat vielleicht nicht immer diesen Drang, sich ganz vorne auf die Bühne zu stellen oder, um es im „Theaterjargon“ zu sagen: Hamburg ist keine „Rampensau“. Und das Engagement nicht zuletzt der Mäzene bringt so etwas Unverwechselbares wie zum Beispiel die Kunsthalle mit ihrer baulichen Neugestaltung hervor.

Sie haben Hamburg als „saturiert“ bezeichnet und stolz verkündet: „Fast 15 Prozent der Wertschöpfung in Berlin kommen aus Kultur- und Kreativwirtschaft und Tourismus.“

Renner: Wenn ich das feststelle, dann ohne Stolz. Ich zähle lediglich Tatsachen auf. Kultur als Treiber ist in Berlin eine Notwendigkeit, denn die Stadt wurde infolge der deutschen Geschichte deindustrialisiert. Faktisch waren vor dem Krieg die meisten börsennotierten Unternehmen wie Siemens, Deutsche Bank und Co. in Berlin beheimatet. Teilungsbedingt ist in Berlin aktuell kein einziges DAX-Unternehmen mehr zu Hause.

Ihr größter Misserfolg, in einer Antwort formuliert, in der das Wort Geld nicht vorkommt?

Kisseler: Dass der Finanzsenator, wenn wir uns treffen, mich nicht mit den Worten begrüßt: „Was kann ich für dich tun?“

Ihr größtes Problem, in einer Antwort formuliert, in der das Wort Geld nicht vorkommt?

Renner: Meine Sorge ist, dass durch den wirtschaftlichen Erfolg Berlins Flächen für Kultur in der Stadt knapp werden. Das wäre dramatisch, denn die aufgewerteten Quartiere verdanken ihr Wachstum gerade der Kultur, die sie zu verdrängen drohen.

Ohne das viele Geld vom Bund wäre Berlins Kulturlandschaft fast so gut wie die in Hamburg?

Kisseler: Mit dem vielen Geld vom Bund ist Berlins Kulturlandschaft fast so gut wie die in Hamburg.

Renner: Berlin ist als Hauptstadt das Schaufenster der Bundesrepublik, repräsentiert also auch Hamburg. Dafür gibt der Bund nicht einmal die Hälfte seines ohnehin nicht üppigen Kulturbudgets her. Eine Investition, aus der alle Bundesländer Nutzen ziehen.

Hamburg hat eine fast fertige Elbphilharmonie, Berlin den Flughafen und außerdem die Staatsoper als riesige Baustellen ohne absehbares Ende. Was sagt uns das?

Kisseler: Dass es Hamburg nach einer sehr schweren Krise um den Bau der Elbphilharmonie geschafft hat, das Projekt erfolgreich neu zu ordnen.

Renner: Das sagt uns erst mal, dass Berlin fast doppelt so groß wie Hamburg ist und es deshalb hier auch doppelt so viele Baustellen gibt. Ich hoffe weder der Flughafen noch die Sanierung der Staatsoper überschreiten die Bauzeit und prozentual die Kosten so krass, wie es bei der Elbphilharmonie der Fall sein wird.

Ganz spontan: Was halten Sie von der Idee der Olympia-Bewerbung von Berlin bzw. Hamburg? Wer soll aus Ihrer Sicht die Spiele bekommen und warum?

Kisseler: Das Wichtigste ist, dass die Strukturen beim IOC erfolgreich reformiert werden und die Einrichtungen sinnvoll nachgenutzt werden können. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn Berlin und Hamburg kooperieren – das geht aber nach den IOC-Regularien offensichtlich nicht. Vor dem Hintergrund ist natürlich die Bewerbung aus Hamburg die bessere – weil das Konzept von innenstadtnahen Olympischen Spielen am Wasser die ganze Welt begeistern wird.

Renner: Gemeinsam ist immer besser, aber leider entspricht das nicht den Regularien des IOC: Orte, die Olympische Spiele austragen, dürfen mit der Ausnahme der Fußball- und Segelwettbewerbe nicht weiter als 80 km auseinanderliegen. Im Sinne der Nachhaltigkeit bin ich deshalb für Berlin – hier stehen schon das Olympiastadion sowie viele für die Spiele bestens geeignete Sportanlagen.

Hamburg hat die Kulturtaxe, von der aber eine Menge nicht in die Kultur geht. Berlin hat eine City Tax, die zu wenig bringt, um die Etatlücken zu füllen. Was ist schlimmer?

Kisseler: Ich kann nichts Schlimmes daran finden, durch die Kulturtaxe über fünf Millionen Euro mehr für die Kultur zur Verfügung zu haben. Schlimm wäre es, weder eine Kulturtaxe noch eine City Tax zu haben, wie es in beiden Städten bis vor Kurzem Realität war.

Renner: In Berlin sieht der aktuelle Haushalt vor, dass die Kultur erst von der City Tax profitiert, wenn die Einnahmen die Grenze von 25 Millionen Euro pro Jahr überschreiten. Davor werden die Gelder zur Kredittilgung genutzt. Nachvollziehbar, aber dennoch suboptimal, da die Berlinbesucher ja nicht von unseren Schulden, sondern von der Kultur angezogen werden.

Eine überregionale Zeitung schrieb, Berlin sei die Hauptstadt des Hätte-werden-Könnens. Und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zitierte Sie: „Eine ordentliche Verwaltung kann noch jeden Politiker über den Tisch ziehen.“

Kisseler: Darum hilft es mir, die Verwaltung zu kennen und genau zu wissen, was man will.

Die „FAZ“ schrieb: „An schlechten Tagen wirkt Hamburg nur noch wie eine Schlafstadt für all jene Kulturinteressierten, die zu unbeweglich sind, um nach Berlin zu ziehen.“ Die „Süddeutsche Zeitung“ nannte Sie „Selfmade-Möchtgern-Rebell“.

Renner: Der Zusammenhang beider Zitate erschließt sich mir, ehrlich gesagt, nicht wirklich. Außer, dass beide falsch sind. Hamburg hat ja nicht zuletzt aufgrund der guten Arbeit der Kollegin Kisseler ein sehr gutes Kulturangebot, und ich bin kein Selfmademan, denn ich komme aus der oberen Mittelschicht und habe eine ordentliche, hanseatische Schulbildung genossen.

Warum sollten Künstler aus Hamburg nach Berlin gehen?

Kisseler: Um festzustellen, dass in Berlin auch nur mit Wasser gekocht wird und man in Hamburg von der Kunst zumindest besser leben kann.

Warum sollten Künstler nicht aus Berlin nach Hamburg gehen?

Renner: Weshalb sollten sie das tun? Sicher ist in Hamburg die Kaufkraft höher, aber seit wann gehen Kultur-Produzenten dahin, wo die Kunden sind? Künstler siedeln sich dort an, wo sie die größte Inspiration und die besten Arbeitsbedingungen vermuten.

Welchen Künstler würden Sie gern von Berlin nach Hamburg locken – und wie?

Kisseler: Da fallen mir einige ein. Das schafft man aber nicht alleine, sondern nur, indem man mit vereinten Kräften die Rahmenbedingungen für Künstler verbessert. Im Übrigen haben wir ja sehr überzeugende Künstlerpersönlichkeiten zum Beispiel aus Wien, Basel, München nach Hamburg gelockt – es muss nicht immer Berlin sein.

Welchen Künstler würden Sie gern von Hamburg nach Berlin locken – und wie?

Renner: Berlin lockt mit Vielfalt, Freiheit und – noch –mit geringen Kosten. Es ist Aufgabe der Politik, diese Rahmenbedingungen zu erhalten, nicht aber Künstler abzuwerben – egal woher.

Hamburg hat Senatsmitglieder, die man nie in Kulturveranstaltungen sieht. Ist das entschuldbar oder typisch?

Kisseler: Das ist bedauerlich, aber ich bin ja auch nicht jeden Samstag im Fußballstadion. Im Übrigen: Warum beschränken Sie das auf Hamburg?

Berlin hat seit acht Jahren keinen Kultursenator mehr. Ist das dumm oder nur pragmatisch?

Renner: Berlin hat seit fast 13 Jahren einen Regierenden Bürgermeister, der hochgradig kulturaffin ist. Kultur gilt hier deshalb als Chefsache.

Den zweiten Teil des Interviews lesen Sie am Montag im Kulturteil des Abendblatts