Filmfest Hamburg

Wiederentdeckt: Als Winnetou durch die DDR paddelte

Spannender Blick über die Mauer: Beim Filmfest Hamburg gibt es die aufregende Reihe „DDR Deluxe“. Kein nostalgischer Rückblick auf den Sozialismus, sondern verblüffende Entdeckungen.

Hamburg. Es gibt Ereignisse, die sich so ins Gedächtnis einbrennen, dass man sie gleich mit dem eigenen Leben in Verbindung setzt. Man weiß dann eben, wo man war, als man erfuhr, dass... Zum Beispiel, als die Mauer fiel. Auch der im Osten der Republik aufgewachsene Regisseur Andreas Dresen („Halt auf freier Strecke“, „Sommer vorm Balkon“) kann sich daran gut erinnern. Der 51-Jährige hat für das Filmfest die Reihe „DDR Deluxe“ zusammengestellt.

Er hat dabei mit Bedacht Filme ausgewählt, die den Bürgern im Westen womöglich weniger bekannt sind. „Die Leute aus dem Osten kannten sehr viel mehr Filme aus dem Westen als umgekehrt. In der DDR war das Kino ein Sehnsuchtsort. Wenn ich die Welt schon nicht sehen kann, gucke ich Filme, da kann ich wenigstens einen Teil davon erahnen“, sagt er. Das Filmfest würdigt mit dieser Reihe das Jubiläum des Mauerfalls vor 25 Jahren.

Als die Mauer fiel, studierte Dresen gerade in Babelsberg an der Filmhochschule. In der entscheidenden Nacht war er im Internat. Die Schule lag direkt neben der Mauer. „Wir konnten aus unserer Kantine auf den Posten gucken. Wenn man wollte, konnte man fast über die Mauer hinwegsehen“, erinnert er sich.

Dresen hat an dem Abend die mittlerweile berühmte Pressekonferenz von Politbüro-Mitglied Günter Schabowski („Das tritt nach meiner Kenntnis... ist das sofort, unverzüglich“) angesehen. „Ich habe daraus aber nicht geschlussfolgert, dass jetzt die Mauer fällt.“ Als er am nächsten Morgen in die Kantine kam, traf er Kommilitonen, die nicht, wie sonst üblich, um West-Berlin herum, sondern durch West-Berlin hindurch gefahren waren.

“Das war natürlich eine atemberaubende Geschichte. Am selben Abend habe ich das mit einem Freund selbst gemacht.“ Für Dresen tragen die dramatischen Ereignisse mit ihren Missverständnissen und Überraschungen „Züge einer Gesellschaftskomödie. So ist Geschichte halt, sie beinhaltet immer auch ein gewisses Maß an Slapstick. Dabei denken die Menschen immer, sie seien die Beherrscher dieser Welt. Aber so einfach ist die Sache eben doch nicht.“

Nach 1989 brach die DDR-Filmwirtschaft zusammen, das Westdeutsche Fördersystem wurde auf den Osten übertragen. Dresen bedauert das. „Die große Chance der Wiedervereinigung, das Beste aus jedem System zu nehmen und etwas Neues zu kreieren, ist vertan worden.“ Viele DEFA-Regisseure besonders der älteren und mittleren Generation, hatten danach keine Chance mehr neue Filme zu drehen. „Ich hatte großes Glück, weil ich gerade frisch von der Filmhochschule kam und es eine gewisse Neugier auf den Nachwuchs gab. Das war aber auch nur ein schmales Zeitfenster.“

Bevor er auf die einzelnen Filme eingeht, gibt der Regisseur eine generelle Einschätzung der DEFA-Qualitäten. „Sie konnte in den besseren Filmen gut auf eine empathische Art über Menschen und ihre Schicksale erzählen. Dabei zeigte sie eine Zuwendung zu den einfachen Leuten. Das war ihre Spezialstrecke. Es gibt unter den von mir ausgesuchten Filmen einige, die zeigen, dass die Kulturszene in der DDR etwas ersetzt hat, was sonst in der offiziellen Meinungsbildung nicht vorkam. Es gab im Theater und in Filmen eine Kunst, Dinge zwischen den Zeilen zu verstecken.“

Das verleihe den besseren der Filme eine besondere poetische Qualität. Dresen dabei vergleicht die Ausgangssituation der DDR-Filme mit der des Kinos im Iran.

Seine Auswahlkriterien: „Ich habe etwas unbekanntere Filme gewählt, die mir auch persönlich etwas bedeuten. Außerdem habe ich versucht einen Querschnitt aus unterschiedlichen Sichtweisen, Genres und einem kleinen historischen Abriss der DDR zu finden.“

In „Der Fall Gleiwitz“ aus dem Jahr 1961 geht es um SS-Leute, die als polnische Freischärler verkleidet, 1939 den deutschen Sender Gleiwitz einnehmen. Dort verlasen sie eine Kampfansage an Deutschland. Die Aktion liefert Hitler den Anlass für den Angriff aus Polen.

„Der Film stellt die Ereignisse in ihrem Ablauf dar und hält sich scheinbar mit einer Wertung zurück. Das wurde ihm angekreidet, denn das entsprach nicht der pathetischen Darstellung der Arbeiterklasse, wie sie andere Filme der Zeit zeigten.“ Das Drehbuch zum Film schrieb übrigens Wolfgang Kohlhaase, der gerade, mehr als ein halbes Jahrhundert später, auch das Buch zu Dresens neuem Film „Als wir träumten“ verfasst hat. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Clemens Meyer befindet sich zurzeit in der Postproduktion.

„Chingachgook, die große Schlange“ ist ein Indianerfilm aus dem Jahr 1967 nach James Fenimore Cooper mit Gojko Mitic in der Hauptrolle. Der Film eröffnet die Reihe am Freitag, Mitic stellt ihn vor. „Das ist einer der besten Indianerfilme. Eigentlich sollte man die ost- und westdeutschen Filme dieses Genres mal vergleichen. In diesem geht es sehr viel mehr um die Rechte der Indianer als bei den Karl-May-Verfilmungen. Heute wirken beide unfreiwillig komisch. Natürlich habe ich die Karl-May-Filme im Westfernsehen geguckt und bei Winnetous Tod geweint. Als Mitic in einem der Filme starb, aber auch. Da waren sich Ost und West ganz nahe. Ich hatte auch als Kind eine Indianerhaube.“

„Der nackte Mann auf dem Sportplatz“ In dem Film aus dem Jahr 1973 geht es um einen verkannten Bildhauer. „Vorbild für den Protagonisten war der DDR-Bildhauer Werner Stötzer. Die Skulpturen im Film sind von ihm und er spielt als Bürgermeister auch selbst mit. „Der Film ist ein leises Gleichnis über Künstler in der DDR. Sie sollten der Arbeiterklasse besonders nahe sein. Hier merkt man aber, welche Schwierigkeiten beide Seiten damit hatten, einander überhaupt zu verstehen. Er ist eigentlich ein Vorläufer von ‚Solo Sunny’, der ungleich populärer war. Aber Schlagersänger sind ja auch beliebter als Bildhauer. Ich habe den Regisseur Konrad Wolf aufgrund seiner filmischen Arbeit und Geradlinigkeit sehr geschätzt. Er war einfach ein aufrechter Mann.“

„Anto der Zauberer“ ist aus dem Jahr 1977 und erzählt von einem schlitzohrigen Automechaniker, der sich fintenreich immer wieder aus der Bredouille befreit. „Diese Komödie von meinem Mentor und Förderer Günter Reisch erzählt eine sehr schöne Geschichte. Er sollte eigentlich 1977 im Wettbewerb der Berlinale laufen. Er war auch da und traf Rainer Werner Fassbinder in seinem weißen Smoking, der ‚Die Ehe der Maria Braun’ am Start hatte. Leider haben alle sozialistischen Länder in dem Jahr ihre Filme aus Protest gegen ‚The Deer Hunter’ zurückgezogen. Die Sowjetunion warf ihm Kriegsverherrlichung und die Denunziation der Vietnamesen vor, was natürlich Unfug war. Für Günter Reisch war das ein schwerer Knick in seiner Biografie. Trotzdem ist das eine der erfolgreichsten DEFA-Komödien.“

„Winter adé“, ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 1988 , zeigt Frauenporträts während einer Zugfahrt von Gera an die Ostsee. „Das ist ein Gesellschaftsgemälde Ostdeutschlands kurz vor dem Mauerfall. Es ist eine Reise mit Frauen, die selbstbewusst sind und ihre Fragen und Enttäuschungen unverstellt in die Kamera geben. Als ich den Film das erste Mal gesehen habe, hat er mich umgehauen. Helke Misselwitz war eine der wenigen Regisseurinnen der DEFA. Aber da nehmen sich Ost und West ja nicht viel.“

Die anderen Filme der Reihe: „Die Beunruhigung“, 1981, von Lothar Warneke. „Märkische Forschungen“, 1982, von Roland Gräf. „Erscheinen Pflicht“, 1983, von Helmut Dziuba. „Die Küche“, 1986, und „Rangierer“, 1984, beide von Jürgen Böttcher.

Das Filmfest Hamburg findet vom 25. September bis zum 4. Oktober statt. Alle wichtigen Informationen können Sie der Internetseite des Filmfests entnehmen.

Die Festivalkinos sind:

Cinemaxx Dammtor: Dammtordamm 1
Metropolis: Kleine Theaterstraße 10
Passage: Mönckebergstraße 17
3001: Schanzenstraße 75-77
Abaton: Allende-Platz 3
Studio: Bernstorffstraße 93-95
„Cap San Diego“: Überseebrücke

Karten gibt es im Levantehaus an der Mönckebergstraße 7, in den Festivalkinos selbst oder auf der Internetseite des Filmfests. Die Karten der einzelnen Vorstellungen kosten 8,50 Euro. Die Karten für das Jugend- und Kinderfilmfest sind für vier Euro je Vorstellung zu erwerben.