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Snowden-Reporter bei Hamburger Kongress

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Zum Auftakt der internationalen Konferenz der Medien-Ombudsleute sprechen Olaf Scholz und der "Guardian"-Reporter Ewen MacAskill. Livestream bei abendblatt.de

Hamburg. Wie das wohl ist, wenn man tagelang in einem Hotelzimmer eingesperrt ist mit dem meistgesuchten Mann der Welt? In einem Land, in dem die Pressefreiheit so wenig wert geschätzt wird wie das Leben eines Wanderarbeiters aus der Erdbebenprovinz Sichuan? Ewen MacAskill, Journalist beim britischen "The Guardian", weiß es. Doch für einen Nachrichtenmann im Newsroom oder einen Reporter im Minenfeld der Berichterstattung gilt dasselbe: Professionalität zuerst.

Das musste MacAskill auch beherzigen, als er mit seinem Kollegen Glenn Greenwald in Hongkong in einer wahren Interview-Session den NSA-Enthüller Edward Snowden befragte. Immer wieder fühlten die Reporter Snowden auf den Zahn: Warum enthüllen Sie das jetzt? Wann genau haben Sie sich dazu durchgerungen? Woher stammt das Material? Sehen Sie sich als Kriminellen an? Warum ausgerechnet Hongkong? Weiß Ihre Familie Bescheid?

Tagelang ging das so, bis den Reportern und später auch den Medien weltweit klar war: Der Fall Edward Snowden, dieser milchbubigesichtige Computer-Fredi, ist eine der global gesehen wichtigsten Nachrichtengeschichten des Jahres. Die Konsequenzen reichten von der Strafverfolgung und Flucht Snowdens nach Moskau, diplomatischen Verspannungen über Kontinente hinweg bis hin zu Beschimpfungen, Bedrohungen, Geheimdienst-Operationen, Gewalt und anhaltenden politischen Kurswechseln.

Snowden und die Dokumente, die er ans Licht der Öffentlichkeit zerrte, haben auch das Verhältnis der Politik und der Geheimdienste zu den Medien und wiederum das der Medien zu ihren Lesern und Nutzern dramatisch verändert. Darf man das? Das mussten sich Reporter wie MacAskill fragen lassen. Wird durch die Veröffentlichung nicht auch die öffentliche Sicherheit bedroht? Sterben sogar unmittelbar durch die enthüllten Dokumente Menschen, weil auch Terroristen von den Dokumenten profitieren könnten?

Während Snowden für viele ein Held ist, weil er von verschiedenen Seiten mit dem Tod bedroht wird, ist der Überbringer der Nachricht meist der Lump. Auch wenn er wie MacAskill und Greenwald einen Pulitzer-Preis dafür gewonnen hat. Ewen MacAskill hat am heutigen Montag die Gelegenheit, auf einer internationalen Tagung in Hamburg beim Abendblatt die Dinge zu schildern, wie er sie sieht. Der "Guardian"-Mann, der sich seit Jahren um delikate Themen wie Verteidigungspolitik und Geheimdienste kümmert, wird sich bei der jährlichen Konferenz der Organization of News Ombudsmen (ONO) den Fragen der Kollegen stellen. Auf abendblatt.de kann man den Auftritt von Ewen MacAskill am heutigen Montag im livestream von 15.30 Uhr an verfolgen.

Zur Tagung der weltweiten Vereinigung von Medienombudsleuten wird auch Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) eine Rede halten, von der viele sagen, dass sie Grundsatzcharakter haben wird. Wird Scholz sich zu Snowden äußern? Sein Parteifreund Sigmar Gabriel hat ja bereits durchblicken lassen, dass es keine so gute Idee wäre, Snowden in Deutschland im NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags zu befragen. Der Bundeswirtschaftsminister rechnet damit, dass die Amerikaner Snowden in Deutschland verhaften und in die USA verfrachten würden.

Die Tagung der renommierten Organisation dreht sich auch um andere Fragen: Wie kann man die Qualität von Zeitungen steigern? Welche Rolle haben Medien künftig im Spannungsfeld zwischen NSA-Spionage, Sicherheitsinteressen von Staaten und öffentlichen Interessen von Bürgern? Wie weit dürfen sie gehen?

Medien-Ombudsleute vermitteln bei Anliegen und Beschwerden der Öffentlichkeit zwischen Bürgern und den Medien. In der ONO arbeiten auch Ombudsleute der "New York Times", der französischen "Le Monde" sowie des britischen TV-Senders BBC. Das Hamburger Abendblatt ist mit seinem Leserbotschafter und Ombudsmann Ralf Nehmzow Mitglied. Im vergangenen Jahr wurde Nehmzow in den ONO-Vorstand berufen. Zu den Konferenzteilnehmern zählen auch Journalistikprofessoren und Vertreter von Medieninstitutionen aus Europa, den USA und Kanada. Die Tagungsteilnehmer besuchen unter anderem auch den NDR und diskutieren dort mit Chefredakteuren.

Reden wird außerdem der oscarnominierte britische Schauspieler, Komiker und Drehbuchautor Steve Coogan. Sein Auftritt ist ein weiteres Highlight, das auch bei abendblatt.de zu sehen sein wird, im livestream am morgigen Dienstag um 11.30 Uhr. Das Hamburger Abendblatt wird auf seiner Online-Plattform in Texten, Bildern und Videos berichten. Mit großer Spannung wird auf der ONO-Konferenz der türkische Kolumnist Yavuz Baydar erwartet. Er erhielt kürzlich den Europäischen Pressepreis für seinen Kampf für die Pressefreiheit. Was der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan von Pressefreiheit hält, weiß man ja spätestens seit seinem öffentlichen Disput mit dem Bundespräsidenten Joachim Gauck.

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