Schauspielhaus

Maria Schrader: Eine Rasende wird heimisch

| Lesedauer: 7 Minuten
Volker Behrens

Die Schauspielerin ist zum ersten Mal fest in einem Ensemble. Im Schauspielhaus ist sie jetzt in Karin Beiers erster Hamburger Regiearbeit zu sehen.

Hamburg Das fängt ja gut an. „Mein Kopf ist leer“, sagt Maria Schrader zur Begrüßung. Sieben Stunden lang hat sie gerade im Schauspielhaus für „Die Rasenden“ geprobt, am Tag davor waren es sogar elf. Jetzt kommt sie frisch geduscht, aber etwas abgespannt in die Kantine. Sie trägt ein rotes Shirt und schwarze Jeans. Karin Beiers Stück wird Publikum und Schauspielern einiges abverlangen, denn es wird ein etwa siebenstündiger Antiken-Marathon in dem gleich fünf Stücke von Euripides, Aischylos und Hugo von Hofmannsthal zur Aufführung kommen. Nach etwa zehn Minuten brechen wir das Gespräch ab. Es ist ihr hier einfach zu laut. „Wollen wir nicht in meiner Garderobe weitermachen?“, fragt sie.

Spontan sein kann sie. Wir gehen durch ein Labyrinth von Gängen, die Mitarbeiter grüßen und lächeln, wir kommen an der Bühne vorbei und pirschen uns dorthin, wo noch einige Techniker arbeiten. Äpfel liegen auf dem Boden, mittendrin ein Kronleuchter. Es ist das Bühnenbild zu „Elektra“, dem letzten der fünf Stücke.

Maria Schraders Garderobe ist klein. Stuhl, Tisch, Spiegel, Sofa, einige Kostüme hängen an einer Stange. Auf der Homepage des Theaters sieht man sie in einem davon, im roten, blutüberströmt, den Kopf in den Nacken geworfen, mit einem Beil in der Hand. Ein Zeichen? „Es wird kein Blutbad wie man es vielleicht erwarten könnte“, sagt Maria Schrader. „Klytämnestra erlebt eher einen kurzen Blutrausch. Aber es wird ein opulenter Abend mit sehr unterschiedlichen Farben und Spielformen.“ Für manch einen im Publikum wird es wohl ein Theaterabend mit Rekordlänge. Für sie nicht. Im Stück „Der seidene Schuh“ hat sie schon einmal acht Stunden auf der Bühne gestanden.

Über das Stück von Karin Beier darf sie offenbar nicht zu viel verraten. Ab und zu enden ihre Sätze mit: „Oder soll ich das jetzt noch gar nicht sagen?“ Die Regisseurin und die Schauspielerin kennen sich schon lange. Zum ersten Mal haben sie vor zehn Jahren bei den Nibelungenfestspielen in Worms zusammengearbeitet. Schrader spielte Kriemhild. Auch in Köln haben die Regisseurin und die Schauspielerin später mehrfach zusammengearbeitet, sogar preisgekrönt. Für ihre Medea in Beiers „Das goldene Vlies“ wurde Schrader beim NRW-Theatertreffen 2009 als beste Darstellerin ausgezeichnet.

Schrader schätzt die vielschichtige Arbeitsweise ihrer Intendantin als Regisseurin. „Sie beschreibt zuerst ihr gedankliches und formales Konzept und macht den Schauspielern kräftige Angebote. Beim Proben herrscht dann große Freiheit, und es ist eine sehr partnerschaftliche Arbeit. Man kann sich auch darauf verlassen, dass Karin immer wieder die Vogelperspektive einnimmt, wenn man droht, sich als Schauspieler im Detail zu verlieren.“ Deshalb habe sie auch gar nicht gezögert, als das Angebot vom Schauspielhaus kam.

Für Schrader ist jetzt eine neue Situation eingetreten. „Ich war noch nie fest engagiert. In mir ist eine Sehnsucht gewachsen, eine Theaterheimat zu haben.“ Die soll jetzt in Hamburg sein. Noch pendelt die 48-Jährige zwischen der neuen und der alten Heimat in Berlin. Aber sie hat die Nase voll von der „Halbdazugehörigkeit“ und ist sich ziemlich sicher: „Das ist meine zukünftige Stadt. Ich komme hierher.“ Viele Künstler haben Hamburg schon in Richtung Berlin verlassen. In diesem Fall soll es also umgekehrt sein.

Erste Erfahrungen mit dem Hamburger Publikum machte Schrader 2009 im Thalia Theater, wo sie in „Die Kontrakte des Kaufmanns“ nach Elfriede Jelinek zu sehen war. Im Schauspielhaus hatte Schrader jedoch eines ihrer größten Theatererlebnisse überhaupt: Peter Zadeks „Lulu“ mit Susanne Lothar hat sie tief beeindruckt. Das war Ende der 80er-Jahre. Von dem großen Druck, der angeblich jetzt auf dem Ensemble lastet, will sie nichts wissen. „Es ist ein Spiel. Wir sind nicht aufgefordert, Perfektion abzuliefern.“ Da hilft ihr auch ein Blick auf die Tradition des Hauses und der zahlreichen Mitarbeiter, die hier schon gewirkt habe. „Wir sind hier alle nur Durchgangsbewohner“, sagt sie nüchtern und nachdenklich zugleich.

Zu Beginn ihrer Karriere war Schrader häufig in Kinofilmen zu sehen. Allein sechs hat sie mit ihrem früheren Partner Dani Levy gemacht, den sie noch heute als kritischen Drehbuchleser schätzt. Er sie auch. Und sie hat einer der besten Frauenrollen der 90er-Jahre ihren Stempel aufgedrückt: In „Aimée und Jaguar“ des Hamburger Regisseurs Max Färberböck spielte sie mit Juliane Köhler die Hauptrollen, beide gewannen dafür Silberne Bären. Im April kommt das Amnesie-Drama „Vergiss mein Ich“ mit ihr in die Kinos.

Eigentlich ist es ganz gemütlich in dieser Garderobe. Sie sitzt und raucht ein bisschen am offenen Fenster, nascht Studentenfutter und macht einen zufriedenen Eindruck. Der Kopf wirkt auch nicht mehr leer. Bisher, sagt sie, habe sie in Hamburg immer eine Art „Bohrinsel-Gefühl“ gehabt – arbeiten und gleich wieder weg. Das soll sich nun ändern, sie hat schon einige Impressionen gesammelt. Ihre Schwester lebt hier, sie hat in der Stadt Silvester verbracht, war in der Kunsthalle, ist um die Alster gelaufen und in der Schanze in eine Demonstration geraten. Als das Stichwort Hobbys fällt, bricht wieder dieses durchaus ansteckende Lachen aus ihr heraus. „Hobbys? Ich nehme mir regelmäßig viel vor und schaffe davon knapp ein Fünftel.“

Zu diesem knappen Fünftel gehörte ein einsamer Spaziergang an der Elbe bei Övelgönne. „Plötzlich höre ich dieses gewaltige Schiffshorn hinter mir, und die ‚Queen Mary 2‘ fährt an mir vorbei. Eine schwimmende Stadt, die in der Dämmerung aufs Meer hinauszieht, das ist ein sehr beeindruckendes Bild, auf jeden Fall für eine Neu-Hamburgerin.“

Am Ende steht sie auf und streckt sich wie eine Katze, die zu lang auf einer Stelle gelegen hat. „Mein Rücken“, stöhnt sie. Muskelkater habe sie von den Proben, und viele blaue Flecken. Im Vorfeld der Premiere ließ sie sich von einem Physiotherapeuten des HSV behandeln. Es geht zur Sache in den „Rasenden“. „Eigentlich mag ich das ganz gern“, lacht sie. „Aber irgendwann ist es auch genug.“

„Die Rasenden“ Deutsches Schauspielhaus,

Premiere am 18.1., 17 Uhr, ausverkauft. Weitere Vorstellungen am 24.1., 17 Uhr, 9.2., 15 Uhr

www.schauspielhaus.de