Schauspielhaus

Die Rasenden: Es hätte so schön sein können

Am heutigen Freitag sollte am Schauspielhaus die Saison mit Karin Beiers „Die Rasenden“ beginnen. Doch ein Bühnenunfall hat die mit Hochspannung erwartete Premiere verhindert. Ein Besuch am Ort des Geschehens.

Genau hier hätte er passieren sollen, heute Abend um 17 Uhr, der ganz große Neubeginn. Vorhang auf und Bühne frei für Die Rasenden. Sechs Stunden antike Wucht, frontal verabreicht, eine Maßarbeit, ein steiles Dramen-Massiv aus Worten, Gesten, Bildern und Tönen. Iphigenie, Die Troerinnen, Agamemnon, Elektra. Blut, Schweiß und Tränen satt, klassischer Sprengstoff. Schicksals-Tiefschläge, fürchterliche Daseinskrisen, auswegloses Elend. Etwa drei Dutzend Rollen stehen auf der Besetzungsliste. Sie ist mit Gaststars und prominenten Ensemble-Neulingen gespickt, dazu kommen auch noch die Musiker vom Ensemble Resonanz für die Vertonung des Trojanischen Kriegs. Volles künstlerisches Risiko vor vollem Haus, so war das alles gedacht.

Maria Schrader: als Klytaimnestra

Wochenlang war für diese Premiere geprobt worden, wie wild, sagen die, die tatsächlich schon etwas davon auf der Probebühne gesehen hatten. Wie rasend. Eintrittskarten? Konnte man sich schon seit Ewigkeiten abschminken. Beim Stiftermahl der Hamburgischen Kulturstiftung im Rathaus-Festsaal wurden kürzlich zwei Tickets für diese ganz besondere Spielzeiteröffnung versteigert, sie gingen für 3000 Euro weg.

Aber jetzt? Jetzt schmeckt die Luft in Reihe 9 Mitte nicht nach beispielloser Premierenaufregung. Kein Sehen und Gesehenwerden im Foyer und an den Garderoben, keine Vorfreude, keine Spannung in der Luft. Sie schmeckt bloß nach Staub, nach fiesem, hartnäckigem, stinknormalem Baustellenstaub. Der Saal ist entzaubert, und kühl ist es hier auch. Er kann einem leid tun, jetzt, so verwundet und verfremdet, wie er aussieht. Als Spielfeld für Träume und Ängste ist die Bühne des größten deutschen Sprechtheaters nur theoretisch vorhanden. Eine weitere Hamburger Kultur-Großbaustelle, viel älter als das junge Konzerthaus in der HafenCity und viel fertiger, aber gerade jetzt ähnlich pechbehaftet. Tout Hambourg musste Ende Oktober den 15. November 2013 wieder aus dem Kalender streichen, das größte Kultur-Event der letzten Jahre fiel kurzfristig aus. In dieser Liga spielen nur noch die aus ganz anderen Gründen abgesagten Elbphilharmonie-Eröffnungen.

Götz Schubert: als Agamemnon

Die Bretter, die die Welt bedeuten, sind gleich doppelt versteckt, durch den fast geschlossenen Eisernen Vorhang, auf dessen Rückseite in altertümlicher Schrift „VORSICHT ist der beste Unfallschutz!“ steht, und durch eine riesige Plastikplane, die zumindest versuchen soll, das Zuckerbäcker-Dekor und den roten Theatersamt im Zuschauerraum vor der Katastrophen-Patina zu schützen. In einer Seitenloge spachtelt ein Handwerker an einer Wand herum. Das gleichmäßige Bohrgeräusch hinter dem Eisernen Vorhang wird hin und wieder durch dumpfes Rumpeln aus dem Maschinenraum des Hauses unterbrochen. Die Scheinwerfer am Rande des Bühnenhimmels hat jemand in blaue Mülltüten verpackt, als seien sie nervöse Rennpferde, die vor dem Start durch nichts mehr abgelenkt werden sollen.

In diesem riesigen Raum wurde jahrzehntelang Theatergeschichte geschrieben. Könnten die frisch geputzten Putten an den Balkonfronten sprechen, hätten sie viel zu erzählen, von Klassikern, Skandalen und Freudentränen, von fürchterlicher Langeweile und atemberaubender Dramatik. Wie viele in diesem Rampenlicht schon gestorben sind, sich verliebt, verraten oder entliebt haben, diese Statistik ist leider nicht enthalten im 314 Seiten dicken Lebenslauf, der 1999 zum 100. Geburtstag des Hauses erschien. Der Wälzer liegt, sicher ist sicher, auf dem Nebensitz.

Lina Beckmann: als Andromache

Die neue Intendantin Karin Beier, höchstmotiviert und ins Übermächtige verliebt, wollte und sollte es allen zeigen an diesem Abend. Das Schauspielhaus wartete auf sie und ihre Regie-Ideen, das Publikum wartet auf sie. Die deutsche Theaterwelt wartet auf sie, an dieser verblassten Prestigeadresse. Einige Groß-Kritiker hatten sich die Feiertags-Spiralblöcke wohl schon bereitgelegt. Nach Jahren der Dürre, des Zweifelns und des Schlingerns waren die Erwartungen und Hoffnungen so hoch, dass es niemanden gewundert hätte, wenn die vom Kölner Theater gekommene Wundenheilerin auch noch übers Elbwasser wandeln könnte.

Ein Theater, das dann nicht plangemäß bespielt werden kann, obwohl alle sich danach sehnen, so ein ausgestöpseltes Haus liegt wie ein gestrandeter Wal in der Normalität des Alltags. Ausgebremst und mitleiderregend.

Angelika Richter: als Helena

Schauspielhaus-Stillstand also statt rasender Trojaner aus der Antike. Am 23. Oktober war Kultursenatorin Barbara Kisseler um 11 Uhr morgens herbeigeeilt, um sich ein Bild vom Trauerspiel mit dem wild gewordenen Eisernen Vorhang zu machen. Kisseler hat unter anderem Theaterwissenschaft studiert und versteht schon deswegen, welche Wunden solche Desaster in Theaterseelen reißen können.

Direkt neben dem Eingang in die vorderste Loge rechts gelangt man durch eine kaum sichtbare Tapetentür in den Garderobenbereich. Wenn die Parkettgäste wüssten, dass nur wenige Meter entfernt private Einpersonendramen ablaufen können, Panikattacken in den letzten Minuten, weil auf einmal gut gelernter Text rückstandslos weg ist aus dem Hirn und die Nerven im Eimer sind. Aber heute nicht. Denn heute ist hier niemand wegen des Theaters gekommen, weder ins Parkett noch in die Garderoben.

Birgit Minichmayr: als Elektra

Dieser Betriebsunfall ist ein tragischer Anlass, um vor Ort ungestört darüber nachzudenken, was Theater in dieser Stadt sein soll, kann und muss. Was dieses Kulturgut mit dem Leben zu tun hat. Aus einem Radio hinter dem Eisernen Vorhang dudelt NDR 2, Alphaville, „Forever Young“. Schön wär’s, sich so zu fühlen, doch das schafft vielleicht nicht mal das Theater von Karin Beier. Jedenfalls nicht für mehr als einige Stunden in seiner empfindlichen Dunkelheit des Geschichtenbesichtigens. Durch die drei Seitenfenster im zweiten Rang fällt Tageslicht, fremdelnd und verstörend falsch wirkt auch das. Der Tag hat mit seiner normalen Erhellung im Theater nichts zu suchen.

Die ersten Stunden sind vorbei. Langweilig waren sie nicht. Hätte es heute den Fall von Troja auf dieser Bühne gegeben, wären jetzt wohl schon etliche Schicksale besiegelt und Leben verwirkt. Stattdessen zieht Essensgeruch aus der Theaterkantine ins Parkett. Auf der Speisekarte stehen unter anderem Gulaschsuppe mit Champignons, 2,60Euro, und Spaghetti mit Lamm-Bolognese, 4,90 Euro.

Joachim Meyerhoff, Michael Wittenborn und Gustav Peter Wöhler: als Greise

Stunde vier beginnt gleich. Auf einmal ist es für einige Minuten ganz still im Saal. Kein NDR 2. Auch keine Handwerker-Geräusche hinter dem Eisernen Vorhang. Es ist so still, als wäre Vorstellung. Ist ja auch, irgendwie. Doch niemand spricht, niemand erzählt etwas von sich oder etwas ganz anderem, weder Bekanntes noch Unbekanntes. So überwältigend still wird es hoffentlich bald ständig sein im Schauspielhaus, in Reihe 9 Mitte und überhaupt. Für solche Momente wurde das Theater erfunden, dafür wurde dieses hier gebaut. Allein sein mit sich selbst und einem Staatstheater? Welcher Luxus.

1999, auf dem Höhepunkt seiner Intendanten-Kunst, hatte Frank Baumbauer in diesem Raum Luk Percevals zwölfstündigen Shakespeare-Marathon „Schlachten“ gewuchtet, das Thalia hat 2011 bei sich einen Achteinhalb-Stunden-Faust abgeliefert. Superschwergewichte gegen das Vielerlei einer normalen Theater-Saison. Seltene Nächte, die man nicht vergessen soll. Abgründe, die nur das Theater zeigen kann, nicht das Kino und auch die beste TV-Serie nicht. Kein Buch ist so stark formuliert, kein Bild so vielschichtig gemalt, wenn alles gut geht und passt.

Maria Schrader: als Klytaimnestra.

Götz Schubert: als Agamemnon.

Lina Beckmann: als Andromache.

Angelika Richter: als Helena.

Birgit Minichmayr: als Elektra.

Joachim Meyerhoff, Michael Wittenborn und Gustav Peter Wöhler: als Greise.

Es hätte so rasend schön werden können heute Abend.