Eine Frau, „bestens bewaffnet“

Mit Désirée Nick feiert die Komödie „Jumpy“ im Ernst Deutsch Theater deutschsprachige Erstaufführung

Ernst Deutsch Theater. Die Dame will noch shoppen. Im Alsterhaus. So weit das Klischee. Insofern passt der Treff im Petit Café in der Innenstadt. Aber der Begriff Dame? Steht nicht auf der großen Visitenkarte von Désirée Nick. Die Spanne der dort abgedruckten Bezeichnungen reicht von A wie Adelsexpertin über D wie Designerin und Diseuse bis zu W wie Weddingplaner. Insgesamt sind es 26, darunter auch Theaterstar“.

Probenfotos zeigen die Blondine in gewagtem schwarzen Lack-und-Leder-Burlesque-Outfit. „Ich bin ja nicht eine von denen, die mit Anfang 20 für irgendeinen Typus entdeckt wurden und dann 70 Jahre dieselben Rollen spielen à la Horst Tappert“, sagt Nick. „Ich übe den Beruf in einer sehr bodenständigen Art der Verwandlungskunst aus.“

Letzteres mag manche überraschen. Ist Désirée Amneris Saskia Pamela Aida Nick, wie die Frau aus Berlin-Charlottenburg mit vollem Namen heißt, doch aus dem Fernsehen als glamourös bekannt. Davon ist jetzt, nach dem Probentag im Ernst Deutsch Theater, bei Pflaumenkuchen (mit Sahne) und Latte macchiato wenig zu spüren. Ohne Glitzerkleid und High Heels, in Hosen und die wärmende Winterjacke neben sich auf dem Sofa, setzt die Entertainerin, dezent geschminkt, nun auf ihre Worte. Von Donnerstag an spielt sie in der deutschsprachigen Erstaufführung der Komödie „Jumpy“.

Die Nick gibt Frances, eine angehende Burlesque-Tänzerin und die beste Freundin der Hauptfigur, der 50-jährigen Hilary (Ulli Maier), bei der es in Job und Ehe kriselt und deren 16-jährige Tochter sich nichts mehr sagen lässt. „Eine Leckerbissen-Rolle“ sei die ihre, meint Désirée Nick. „Es heißt bei mir ja bei jeder Rolle, sie sei mir auf den Leib geschrieben“, sagt sie. Auch als die Nick 2010 zuletzt in Hamburg als exzentrische US-Opernsängerin Florence Foster Jenkins in „Souvenir“ im St. Pauli Theater begeisterte.

Das neue Stück der englischen Theaterautorin April De Angelis gilt als scharfsinniges Porträt der Generation 50 plus. Das Interessante sei, dass in komödiantischer Weise sozialkritisch die Generation der Baby-Boomer und deren Problematik dargestellt werde, meint Nick. Anders ausgedrückt: „Die einen fangen an zu vögeln, die anderen hören auf zu vögeln. Und ich bin die unabhängige Singlefrau, die sich von all diesen bürgerlichen, bourgeoisen und vor allem biederen Maßstäben nicht beeindrucken lässt und eigentlich vorlebt, wie man autark, unabhängig sein Leben ohne derartigen Verpflichtungen meistert.“ Wie viel von Frances steckt in ihr? Sie holt aus: „Dieses Stück ist eines übers Loslassen. Loslassen von abgewrackten Beziehungen, Loslassen von Kindern, Ehen und Verbindungen in der Sackgasse, Loslassen von Vorstellungen, Loslassen von alten Lebensmodellen, Loslassen von der Jugend, auch von Idealen, Illusionen und Utopien. Diese Figur hat in ihrem Leben sehr oft losgelassen. Das verbindet sie mit mir.“

Schon mit Anfang 20 musste die Tochter eines Philosophieprofessors und einer Schauspielerin den Beruf der Balletttänzerin aufgeben, nachdem sie als Kind dafür geschuftet hatte. „Da versteht man von Hause aus, was Zynismus ist.“ Lernt sie auch jetzt, im Alter von 57, nie aus? „Ich wiederhole mich ungern! Ich docke nicht an Sachen an, die ich vor zehn Jahren gemacht habe.“

2004 aß sie in der umstrittenen RTL-Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ Maden und Würmer. Verschluckt hat sie sich im Dschungelcamp nicht, andere eher an ihren frechen Sprüchen, die ihr den Titel Dschungel-Queen brachten. „Ich würde jetzt nicht in den Dschungel gehen!“ Vor zehn Jahren war das genau richtig: „Wo kann man zwei Wochen lang täglich zwölf Millionen Menschen abholen und sich wählen lassen von elf Millionen?“

Sie hat die Bekanntheit zur geschickten Selbstvermarktung genutzt. Die beherrscht sie bis heute. „Wer Désirée Nick nicht auf einer Bühne gesehen hat, hat von mir gar keinen Schimmer“, sagt sie. Schauspiel sei ihr „Kerngeschäft seit 25 Jahren. Theater ist echt, unverfälscht, man atmet mit dem Publikum.“ Und Luft zum Atmen, zum Sprechen werden die Kollegen in „Jumpy“ bekommen. Dafür soll Torsten Fischer sorgen, der mit Nick „Souvenir“ und das Drama „Odyssee“ inszeniert hatte. Letztgenanntes bei den Bad Hersfelder Festspielen! „Herr Fischer ist ein Suchender“, spricht sie respektvoll vom Regisseur.

Gut bezahlte Ausflüge ins Fernsehen erlaubt sich Désirée Nick nur noch, um als Schauspielerin arbeiten zu können. „Auf einer Theaterbühne bist du nackt. Am nacktesten sind auf der Bühne die, die kein Talent besitzen. Und deshalb hab ich vor Bühnen keine Angst. Ich bin bestens bewaffnet!“

„Jumpy“ Premiere Do 16.1., 19.30, bis 16.2., Ernst Deutsch Theater (U Mundsburg), Friedrich-Schütter-Platz 1, Karten zu 18,- bis 37,- unter T. 22 70 14 20; www.ernst-deutsch-theater.de