Opus Dei, Illuminati

Neues Buch über Geheimbünde: Der Reiz des Verborgenen

Opus Dei, Dan Browns Illuminati oder Tempelritter – Geheimbünde üben eine magische Anziehungskraft aus. Viele dieser Netzwerke sind allerdings frei erfunden, wie ein neues Buch beschreibt.

Dan Brown ist daran schuld, sagt Gisela Graichen. An ihrem neuen Buch und dem ZDF-Dreiteiler. Seine mystisch-düsteren Thriller über allerlei Verschwörungstheorien und Strippenzieher in den dunklen Ecken von Geschichte und Gesellschaft hatte die Hamburger Wissenschafts- und Dokumentarfilmerin schon länger interessiert beobachtet. Und sich gefragt, was den Kern von Browns Fakten- und Mythenmix, nämlich all die Tempelritter, Illuminati, Freimaurer, die katholische Vereinigung Opus Dei oder schon 1998 – sehr weitblickend – in „Diabolus“ die Geheimdienstler der NSA, fürs Publikum so faszinierend macht.

Diese seltsamen Geheimbünde, die über verborgenes Wissen verfügen sollen – geheimnisvolle Rituale hier, ein Spürchen vom Heiligen Gral da, dort etwas Maya-Kalender oder ein Pyramidenstein oder eben gewaltige geheime Datensammlungen. „Ohne Zweifel hat Dan Brown spannende Bücher geschrieben“, sagt Gisela Graichen. „Aber man sollte sie nur als fiktive Romane betrachten. Etwa ‚Sakrileg‘: Da schreibt er im Vorwort, dass es den angeblich 1099 gegründeten Geheimbund ‚Prieuré de Sion‘ tatsächlich gibt. Das ist völliger Blödsinn. Den hat es nie gegeben, Dan Brown weiß das auch. Er hat sich einfach eine hübsche und zugkräftige Verschwörungstheorie gebastelt.“ Doch Dan Brown ist nicht allein: Im Internet, das hat sie bei ihrer Recherche erfahren, „fühlt man sich manchmal wie in einer Parallelwelt, in der die skurrilsten Verschwörungstheorien diskutiert und gepflegt werden“.

Aufmerksam werden ließen Graichen auch die vielen Fragen nach ihrer Mitgliedschaft bei den Rotariern, deren Abzeichen, ein kleines Rad, sie manchmal am Revers trägt. „Da werde ich öfter angesprochen: ‚Ach, Sie gehören auch zu dieser weltweiten Sekte ...‘ – ein typisches Beispiel für eine nachgeplapperte Verschwörungstheorie im Kopf der Umgebung.“ Bei Rotary und den anderen Serviceclubs, erklärt sie, werden die Präsidenten gewählt und wechseln jährlich. Es gibt keine geheimen Rituale, keine Stufen der Erleuchtung, keine Geheimhaltung, keine verpflichtenden Meinungen oder Glaubenssätze. „Rotary ist weder Geheimbund noch Sekte.“

Ausgehend von solchem Raunen, von Gerüchten, Missverständnissen und Verschwörungstheorien hat sie mit ihrem Co-Autor Alexander Hesse das Buch „Geheimbünde“ (Rowohlt Verlag, 384 S., 19,95 €) geschrieben und dazu den TV-Dreiteiler konzipiert, um die Laterne der Aufklärung auf ganz unterschiedliche Gemeinschaften zu richten wie die extrem exklusive, geheimnisumrankte Studentenvereinigung der amerikanischen Yale-Universität Skull & Bones, die vor allem ein extrem effizientes Buddy-Network für die Top-Führungskräfte der Nation ist. Oder das ebenso elitäre, autoritäre und ultrakonservative katholische Opus Dei mit seinen strengen Bußritualen und Gehorsamspflichten. Auf die italienische Terrorloge P2 und die „Prieuré de Sion“ – die angeblichen Bewahrer der Blutlinie Jesu, auf Freimaurer, Illuminaten, Rosenkreuzer. Auf die Tempelritter und ihren durch die Jahrhunderte gern gesuchten Schatz, auf den Mysterienkult des Mithras in römischer Zeit. Und auf Verschwörungstheorien wie jene, die erste Mondlandung habe nie stattgefunden, bis hin zur angeblichen Beteiligung der CIA an den Attentaten des 11. September 2001.

Natürlich muss ein solches Buch zunächst genüsslich und unterhaltsam jeden Part dieser bunten Mischung vorstellen und erzählen, worum es bei den ehrenwerten Gesellschaften und Verschwörungstheorien eigentlich geht, bevor es ebenso genüsslich mit dem Skalpell der Vernunft aus dem Vermuteten das Tatsächliche, aus dem Geraunten das Gesicherte und aus den Legenden die Historie herauspräpariert und die Geheimbünde sortiert. In solche, die es wirklich gibt oder gab – Skull and Bones, Opus Dei oder die italienische P2, die als handfeste ideologisch-ökonomisch-politische Netzwerke agieren. In Geheimbünde mit dem Ziel geistiger und menschlicher Vervollkommnung – zum Beispiel die Freimaurer. Und in die Märchen. Ja, auch die Illuminaten haben einmal existiert, genau wie die Templer – aber nur, bis sie verboten und verfolgt wurden. „Über ihr Weiterbestehen wird gern geflüstert, aber ich bin in zwei Jahren Recherche keinem begegnet“, amüsiert sich die Autorin. Die Rosenkreuzer mit ihren esoterisch-mystischen Lehren sollen in Deutschland noch 4500 Anhänger haben. Der Mithraskult, eine einflussreiche orientalische Mysterienreligion im vielgöttrigen Römischen Reich, ging vollständig unter, als die Christen sich mit staatlicher Rückendeckung intensiver mit der Konkurrenz befassten. Und die „Prieuré de Sion“ war eine bewusste Fälschung.

Gisela Graichen treibt vor allem die Frage um: Was macht diese Geheimbünde so attraktiv? „Sie locken natürlich ganz bewusst mit den Geheimnissen, die sie umgeben, seien es tatsächliche oder nur in den Köpfen der Leute existierende. Mit dem Reiz des Verborgenen.“ Dazu kommt ein striktes Geheimnis um das Initiationsritual. Das Gelübde des Schweigens und Gehorsams. Die Furcht vor Ächtung und Strafen. Und rätselhafte Riten, exklusives Wissen, verborgene Codes, verschlüsselte Erkennungszeichen und Symbole, verstohlene Signale, vertrauliche Passwörter und Parolen, Exklusivität der Mitgliedschaft. „Und sie geben ihren Anwärtern das Gefühl, dass es eine Ehre ist, aufgenommen zu werden: Man kann sich nicht selbst bewerben. Man wird auserwählt. Man ist etwas Besonderes. Das hebt sie aus der Masse hervor. Sie bekommen Schutz, Orientierung, sind aufgehoben. Und auch nie mehr allein. Das war auch früher so“, sagt Graichen, „als das Römische Reich wankte, als später Aufklärung und Revolution das bisherige Weltbild zum Einsturz brachten.“ Auch heute haben viele das Gefühl von Ungewissheit und Umwälzungen, mit denen sie sich alleingelassen fühlen. Die Kirche kann oft kein Seelenheil mehr vermitteln, der Staat keine Ideale, die Großfamilie gibt es kaum mehr. „So ein Vakuum zieht immer Neues an. Die Suche nach wirtschaftlicher, politischer und privater Sicherheit und Sinngebung führt dann zunehmend ins Esoterische, Spirituelle und auch in die vermeintlich schützenden Arme verschwiegener Gemeinschaften.“ Ebenso regelmäßig ranken sich um tatsächlich wie um nur in der Fantasie existente Geheimbünde immer wieder Verschwörungstheorien, die zuweilen zu ganz handfestem Terror ausarten. Der historische Tempel der Hamburger Freimaurer in der Nähe des Gänsemarkts zum Beispiel wurde von den Nazis 1937/38 Stein für Stein abgerissen – auf der Suche nach den Geheimnissen der Freimaurer. Gefunden wurde nichts.

Verschwörungstheorien werden brandgefährlich, wenn mit ihnen ein Feindbild zementiert wird. So wie in dem antisemitischen Pamphlet „Protokolle der Weisen von Zion“, dessen Verbreitung schon zum Aufstieg Hitlers beitrug. Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden, hat es bis heute eine unerträgliche Wirkung: Obwohl längst als Fälschung entlarvt, glauben Antisemiten und Verschwörungstheoretiker in der ganzen Welt an seine Authentizität. Insbesondere in den arabischen Staaten kursiert es im Internet, und die Palästinenser-Organisation Hamas benutzt in ihrer Charta die Protokolle der angeblich zionistischen Geheimversammlung zur Begründung ihrer terroristischen Ziele.“ Wenn das funktioniert, muss man sich nicht mehr wundern, wenn sich ein gestörter norwegischer Massenmörder in der Tradition der Tempelritter auf einem Kreuzzug sehen will.

Manchmal haben Verschwörungstheorien aber auch einen wahren Kern. Das musste auch Dan Brown schon erfahren, als er nach seinem ersten Bestseller „Diabolus“ plötzlich selbst Ziel von Ausspähen und Abhören durch die NSA-Geheimdienstler wurde, herzliche Einladung zum neugierigen Gespräch inklusive. 15 Jahre nach der Niederschrift und nach Edward Snowdens gezielten Indiskretionen über die Arbeitsmethoden der NSA und ihren globalen Datensammelwahn darf Brown sich noch einmal bestätigt fühlen. Den Verkauf seiner Bücher wird die einst ungeahnte Nähe zur Realität weiter ankurbeln – und das erregte irrationale Geraune wieder anschwellen lassen: Ist an den Geheimnissen seiner anderen Mysterienthriller vielleicht doch etwas dran?

Gisela Graichen: „Geheimbünde“. Dreiteiler im ZDF am 5., 12., 19.1.2014, jeweils Sonntag 19.30, in der Reihe „Terra X“