Premiere am Thalia

Bürgerlicher Kleinkrieg als großes Theater

Regisseur Jan Bosse zeigt Ibsens „Hedda Gabler“ mit einer tollen Besetzung am Thalia. In seiner Inszenierung sind alle Figuren liebesunfähige Egomanen, deren Dasein von Leere und Unsicherheit geprägt ist.

Hamburg Ibsens „Hedda Gabler“ ist wieder in Mode. An vielen Theatern wird das 120 Jahre alte Stück über Langeweile und Lüge, die das Zusammenleben von Mann und Frau prägen, wieder gespielt. Der bürgerliche Kleinkrieg als großes Theater, das funktioniert immer. Das Stück, das am Beginn einer krisenhaften Epoche steht, in der sich Bekenntnisse und Bindungen auflösen, kann viel über Konventionen und Usancen der Gesellschaft zeigen.

Nun führt Regisseur Jan Bosse „Hedda Gabler“ mit einer tollen Besetzung am Thalia Theater auf. Er löst sich von der klassischen Erzählung der Salonkomödie, setzt auf Manierismus, leuchtet komische Ecken aus, verzichtet darauf, Heddas Ehemann Tesman als Schwächling zu sehen und dreht einige Selbstverständlichkeiten der Stückinterpretation einmal um. Dabei sind aufregende Szenen entstanden, gelegentlich irrlichtert die Aufführung aber auch umher, sodass man Wollen und Willen der Figuren nicht mehr erkennen kann, so sehr haben sie sich von sich selbst entfernt.

Hedda ist nicht mehr die Generalstochter, die an der Kleinkariertheit ihrer Umwelt scheitert. Sie und auch all die anderen sind liebesunfähige Egomanen, deren inneres und äußeres Dasein von Leere, Auflösung und Unsicherheit geprägt ist. Den Figuren Ibsens, nach dramaturgischen Effekten zusammengesetzt, müssen die Schauspieler jeweils viel zur Begründung hinzufügen, um über sich Auskunft zu geben. Hier sieht man ein Personal aus exzentrischer Stummfilmdiva (Hedda), verschroben-wahnsinnigem Karrieristen (Tesman) und grotesker Slapsticküberzeichnung à la Herbert Fritsch (Brack, Hedda, Tesman) herumrennen und sich mit Gemeinheiten traktieren.

Die schöne, wohlerzogene Hedda Gabler, das Weibchen, das böse Spiele betreibt, ihr Ehemann, der pseudokluge Wissenschaftler Tesman, der bestenfalls verschroben ist, Heddas Jugendliebe Lövborg, ein brillanter, leider auch gefährdeter Kerl, der penetrante Assessor Brack, der schmierig eine Dreiecksbeziehung fordert und die emsige Frau Elvstedt, die ihren ungeliebten Mann verlassen hat – sie alle treffen freundlich deformiert aufeinander.

Bosse lässt den Abend live von einem Streichquartett begleiten. Moral, Erziehung, Umgangsformen, sie schweben noch im Raum, doch niemand hält sich mehr daran. Das bürgerliche Wohnzimmer (Bühne: Stéphane Laimé) hat keine Möbel mehr, sie stehen nur noch in den Nebenräumen, denn alles ist in Auflösung begriffen. Die Menschen begegnen sich voller Berechnung. Die Liebe, die zwei Menschen verbinden soll, ist immer woanders, gilt nie dem Partner. Unter Schönheit und Konventionen getarnt, lauert pure Brutalität. Aber auch viel Irrsinn. Am Ende gab’s Applaus für die Schauspieler und auch Buhs für den Regisseur.

Hedda wird von Patrycia Ziolkowska als exzentrischer Engel gespielt, sie rollt mit den groß umrandeten Augen wie eine Stummfilmheroine, sie stöhnt, greift theatralisch ins Leere, galoppiert in ihrem schwarz-silberfarbenen Kleid wie ein Pferd über die Bühne. Ihren Ehemann, den schrulligen Jörgen Tesman, hat die viel Verehrte geheiratet, weil sie sich „müde getanzt hatte. Meine Zeit war um.“ Hedda ist die Inkarnation des Schönen, aber sie ist böse, überspannt, eine selbstverliebte Zicke, eine Bestie. Sie will „einmal Macht über einen Menschen haben“ und intrigiert, was das Zeug hält. Für ihren Ehemann hat sie nichts übrig, schreit nur immer „Nein“, wenn er etwas will. Doch der, gewöhnlich ein harmloser Trottel, ein Weichei, ist bei Jens Harzer ein entrückter Wahnsinniger, der Hausmantel trägt und Herrenabende liebt, der immerzu „na ja“, sagt und sich dann im Endlosen verliert. Er ist kein Kopfmensch, eher ein Getriebener, er hasst seine Frau mehr, als dass er sie liebt, schreit sie an, kämpft mit ihr, wendet sich gleichgültig ab. Ein aggressiver Bonvivant und irgendwie modern.

Die merkwürdige Atmosphäre im Hause Tesman zeigt sich gleich zu Beginn, als das Ehepaar von der Hochzeitsreise zurückkehrt. Ins leere Wohnzimmer. Das Dienstmädchen Berte wird anrührend und wunderbar geerdet von Julian Greis gespielt. Er ist der einzige Schauspieler, der den dreistündigen Abend lang ganz bei sich bleibt. Alle anderen rasten auch mal aus, verrennen sich. Vielleicht ist das ein Sinnbild unserer Zeit: Keiner weiß, wohin es geht, doch jeder haut mächtig auf die Tonne.

Alexander Simon ist der labile, aber geniale Konkurrent Lövborg. Männlicher, mutiger und klüger als Tesman und zu leidenschaftlichen Ausbrüchen fähig. Ihn hat wohl einmal die Liebe mit Hedda verbunden. Jetzt ist ihm Frau Elvstedt verfallen, die bei Marina Galic sehr viel Wahrhaftigkeit und Entschlossenheit bekommt. Doch deren Glück muss Hedda zerstören. Nicht, dass sie es ihnen neidet. Sie will ihr langweiliges Leben ein wenig aufpeppen. Richter Brack, der Hedda begehrt, wirkt bei Daniel Lommatzsch, der eigentlich zu jung für die Rolle des schmierigen Zausels ist, wie ein breitbeiniger Boxpromoter: ordinär. Und Karin Neuhäuser als Tesmans Tante ist für all diese aufgeregten Irren viel zu normal. Am Ende knallt’s, die Wände der Wohnung sind längst verschwunden. Aber das scheint auch nur eine weitere Überspanntheit.

„Hedda Gabler“ nächste Vorstellungen: 29.11., 14.12., Thalia Theater, Alstertor; thalia-theater.de