Theater

Paul Herwig: Alles begann mit der Schwarzwaldklinik

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Armgard Seegers

Der Schauspieler ist neu im Ensemble des Deutschen Schauspielhauses. Mehr als zehn Jahre hat er an Münchner Staatsbühnen gespielt. Am Sonntag wirkt er in „Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino“ mit.

Hamburg. Auf den allerersten Blick kann Paul Herwig martialisch aussehen. Schaut man genauer hin, bemerkt man einen eher zarten, besonnenen Mann, der ruhig und leise spricht. „Paul Herwig, auch mit Anfang 40 noch mit jungenhafter Ausstrahlung“, schrieb ein Kritiker unlängst über ihn. Und als Bruno Ganz 2010 die Laudatio auf Paul Herwig hielt, der mit dem Alfred-Kerr-Darstellerpreis ausgezeichnet wurde, sagte er über seinen Kollegen: „Er kann so schnell und so agil sein, er schwebt immer irgendwie in der Luft, auch wenn er schwer geschlagen ist. Ja, und er lässt mich ins Innere sehen und damit auch in mein eigenes.“

Paul Herwig hat mehr als zehn Jahre an den Münchner Staatsbühnen Theater gespielt und viele Hauptrollen. Er hat eine ganze Reihe von Filmen gedreht und neben dem Grimme-Preis auch den Deutschen Theaterpreis Faust bekommen. Vor fünf Jahren fiel ihm in München „die Decke auf den Kopf“. Er ging mit seiner Frau nach London, wurde Vater einer Tochter und blieb erst mal. Er drehte ein paar Filme und „flog viel hin und her. Zu viel“. Jetzt ist er wieder fest im Engagement.

Herwig war mit zwölf Jahren Schlagzeuger in einer Berliner Band. Ein Requisiteur vom Film wollte sich das Schlagzeug borgen, und Herwig musste den Filmjungen ins Spielen einweisen. Die Agentin des Filmjungen machte drei Polaroidfotos vom jungen Paul, nahm ihn in ihre Kartei auf und wenig später hatte Herwig eine Episodenhauptrolle in der „Schwarzwaldklinik“. „Ich spielte einen misshandelten Jungen. Gedreht wurde im Studio Hamburg in Tonndorf. Später haben wir noch fürs ‚Traumschiff‘ im Studio Hamburg gedreht, da war ich 14 Jahre alt. Es war aufregend, aber auch ein bisschen peinlich, weil ich ja eigentlich Schlagzeuger in einer Punkband war.“ Dort, wo Paul Herwigs Schauspielkarriere begann, wird er nun auf der Bühne stehen, denn seit dieser Spielzeit gehört er zum Ensemble des Schauspielhauses. Dass eine der Eröffnungspremieren ins Studio ausgelagert wurde, das war zwar nicht geplant, ist für Herwig aber wohl ein gutes Omen.

Schon wieder Griechen, könnte man denken, wenn man mit Paul Herwig über die erste Rolle spricht, die er im neuen Schauspielhaus-Ensemble spielen wird. Intendantin Karin Beier wollte ja ursprünglich mit einem Marathon aus vier antiken griechischen Stücken eröffnen, unter dem Titel „Die Rasenden“, bis nach einem Bühnenunfall mit dem Eisernen Vorhang diese Inszenierung erst mal verschoben werden musste. So liegt denn auf Katie Mitchells Uraufführung des Stückes „Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino“, die am 24. November auf dem Studio-Hamburg-Gelände herauskommen wird, eine besondere Erwartung. „Ich spiele Kreon“, sagt Herwig über seine Rolle. „Es ist nicht einfach, das Stück zu beschreiben. Das, was wir spielen, wird im Jahr 2026 stattfinden, mit einer Familie aus der Bronzezeit.“

„In einer Sprache, die nahtlos zwischen antikem Tragödienton, Slang und aktuellem Militär-, Politik- und Wirtschaftsvokabular wechselt, zeigt Martin Crimp, wie die Lösung eines Rätsels nur weitere Rätsel produzierte und eine Spirale der Gewalt in Gang setzte, deren Wucht bis heute wirkt“ heißt es in der Ankündigung des Stückes. Jetzt wird es spannend. Herwig lacht, „wir haben lange über die Frage nachgedacht, wie diese Menschen in die Zukunft geraten sein könnten. Ich will nicht zu viel verraten, aber es ist so, als seien die Toten wieder ins Leben geholt worden. Für mich geht es in dem Stück um den Versuch des Menschen, sich die Welt erklärbar zu machen. Egal, wie viel wir wissen, eine Unsicherheit wird immer bleiben. Die Grundidee erinnert mich ein wenig an die Vertreibung aus dem Paradies.“

Ähnlich wie bei den antiken griechischen Stücken, geht es in Martin Crimps Stück für die Figuren darum, dass man nichts steuern kann. Das Leben und seine Schicksalsschläge, es bleibt unerklärlich. „Man kann aber in diesen antiken griechischen Stücken die Figuren wunderbar psychologisch ausleuchten“, erklärt Herwig. „Man muss ihnen und den Zuschauern die Chance geben, alles, was im Stück steht, wirklich zu denken. Dann wird es zu einer emotionalen Reise. Ich interessiere mich besonders für die inneren Abläufe, die in den Gedanken der Figuren stattfinden. Meiner Erfahrung nach kommt der Gedanke immer zuerst, den Gedanken muss man wie einen Bleistift anspitzen. Erst danach kommt die Emotion.“ Eine ganze Welt könne man gelegentlich in einem Satz entdecken, weiß Paul Herwig. Etwa, wenn man zwei Menschen beobachtet und der Satz fällt: „Das will ich nicht.“ Wer das so spielen kann, dass die Tragödie dahinter sichtbar wird, der gehört zu den Meistern.

„Ich habe meinen Beruf ergriffen, weil ich Menschen ergründen wollte“, erzählt Herwig. Und schließt an, wie ihm, dem Jungen, die reifen Stars Lola Müthel oder Heli Finkenzeller den Floh ins Ohr gesetzt haben: „Du musst zur Schauspielschule, Paul, da lernst du reiten und fechten.“ „Ich fand das toll und wollte, wie in einer Zeitmaschine, mit einem Zwicker auf der Nase, Tschechow spielen oder Shakespeares Welt erleben. Aber das alles ist mir nie begegnet. Ich empfinde es aber als großen Genuss, dass ich mich als Schauspieler in verschiedene Fantasiewelten der Autoren und Regisseure hineinträumen kann. Weil es mir Gelegenheit gibt, die Welt aus verschiedenen Blickwinkeln wahrzunehmen. Es gibt eben nicht nur eine Form von Realismus, sondern auch viele unterschiedliche Wahrnehmungen.“

Fragt man Paul Herwig, was sein Beruf ihm beigebracht habe, überlegt er eine Weile und sagt dann: „Die Liebe zum Leben. Es klingt sentimental, aber ich bin ein sentimentaler Mensch.“ Die Beschäftigung mit den Bühnenfiguren habe ihm klargemacht, dass das, was vom Menschen bleibe, Mitgefühl sei. Sein sollte. „Am Ende gibt es doch nur eines, das zählt, das sind die Menschen, die man liebt.“

Premiere So 24.11., 20.00, Studio Hamburg, Atelier A, Karten unter T. 24 87 13

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