Theater

"Hamburger Jedermann": Auch der Tod macht mal Feierabend

Foto: Marcelo Hernandez

Der "Hamburger Jedermann" feiert 20. Jubiläum. Ein Besuch hinter den Kulissen des traditionsreichen Erfolgsstücks, das bis Ende August jeweils freitags, sonnabends und sonntags zu erleben ist.

Hamburg. Auf ihrem Stuhl sitzt der Tod. "Wenn der Tod erledigt ist, ist die Hauptarbeit erst mal vorbei," sagt Tatjana Kraus. Der Tod ist geduldig und hält still. Nur so kann die Maskenbildnerin Wolfgang Hartmann das furchtbare Antlitz mit den schwarz umrandeten Augen aufmalen, die später auf der Bühne wie abgrundtiefe Höhlen aussehen. Seit 20 Jahren spielt Hartmann die Rolle im "Hamburger Jedermann". 21-mal pro Saison unterzieht er sich der halbstündigen Prozedur vor dem mit Pinseln, Farbdosen und Cremes übersäten Schminktisch. Die anderen Schauspieler sind bereits fertig geschminkt und versammeln sich nebenan im Magazinraum und schmettern den "Hamborger Veermaster", um die Stimmen auf Betriebstemperatur zu bringen.

"Früher sind die Schauspieler zum Einsingen nach gegenüber an den Sandtorhafen gegangen", erzählt Michael Batz. Früher bedeutet 1994, als der von ihm geschriebene "Hamburger Jedermann" Premiere auf der Open-Air-Bühne in der Speicherstadt feierte. Vor 20 Jahren gab es noch keine HafenCity, und es mussten noch keine Buslinien verlegt werden, die durch die Straße Auf dem Sande fahren wie seit ein paar Jahren. Der Autor, Theaterleiter und Lichtkünstler ist entspannt. Die Auftaktpremiere zur 20. Spielzeit am Freitag verlief bei sonnigem Wetter wie geschmiert, die Anspielungen auf aktuelle politische und kulturelle Ereignisse kamen gut an, das Publikum lachte an den richtigen Stellen und applaudierte begeistert. "Dies ist kein Museumsstück wie die Vorlage von Hugo von Hoffmannsthal, sondern eine Hamburger Erzählung, die Jahr für Jahr fortgeschrieben wird", sagt Batz. In diesem Jahr geht es unter anderem um Steuerparadiese, die Sexskandale von Silvio Berlusconi und das Kraftwerk in Moorburg mit seinem "Dreckschleuder"-Ruf.

Noch 20 Minuten bis zum Vorstellungsbeginn. Batz schickt einen prüfenden Blick in den Himmel, nach Regen sieht es nicht aus, nur aus Westen weht eine kräftige Brise. "Da muss man beim Sprechen etwas mehr Druck geben", sagt Erik Schäffler. Er spielt seit 20 Jahren den Teufel in diesem allegorischen Spiel über Kapitalismus und Tod, über krumme Geschäfte und den Kampf um Jedermanns Seele. Kurz vor 20 Uhr huscht er in seinem Fellmantel an den Zuschauern vorbei, um später aus dem Brooksfleet vom Fleetenkieker (Johannes Haag) auf die Bühne gehievt zu werden. Im Café Jedermann versorgt sich das Publikum mit Wein und Wurst, Isabell Krügermann, für den Abenddienst verantwortlich, hilft Zuschauern bei der Suche nach dem richtigen Platz, hinter den Kulissen laufen ein paar Rituale ab: Batz zeigt dem Fleetenkieker zwei nach oben gerichtete Daumen, am Kassentischchen balgen sich ein paar Schauspieler im Matrosenornat um ein Glas mit Lakritz und Weingummi. Punkt 20 Uhr geht es los, der Fleetenkieker balanciert auf dem halbrunden Brückengeländer über dem Brooksfleet, das Publikum hört konzentriert zu.

In der Garderobe gegenüber dem Spielort hat "Kostüm-Ingrid" alle Hände voll zu tun. Die Frau mit den rötlichen Locken bereitet den ersten Kostümwechsel vor. Die sieben Matrosen stürmen zu ihr hinein und verwandeln sich blitzschnell in eine bunte Schar von Trinkern, Huren und Obdachlosen. Gleich werden sie auf der Bühne den von Robin Brosch gespielten Jedermann zur Rechenschaft ziehen. Der ist inzwischen reifenquietschend in einer Limousine vorgefahren und in Begleitung seiner Geliebten (Jantje Billker) auf die Bühne gerauscht.

Die Zuschauer ziehen ihre Vliesjacken etwas enger, um sich gegen die Kälte zu schützen, während Jantje Billker im schulterfreien knallroten Sommerkleid gegen den Wind anspielt. "Ich hatte einen durchsichtigen Ganzkörper-Body an", erzählt sie später, "der schützt ein wenig." Ingrid Voigt wartet im Treppenhaus von Auf dem Sande 1 auf die junge Schauspielerin. Nächster Kostümwechsel. Gegenüber läuft Johannes Haag in Richtung Garderobe, um sich vom Kleinen Mann in den Schönen Mann zu verwandeln. Nachdem sie die Bühne verlassen haben, geht es für die 14 Schauspieler meistens im Sprint zum nächsten Kostümwechsel, doch alles läuft am Schnürchen, weil das Team hinter den Kulissen perfekt aufeinander abgestimmt ist.

Richtig aus der Puste kommen Dagmar Dreke und Mignon Remé. Die beiden Schauspielerinnen müssen in Windeseile von der Bühne auf den fünften Boden des Speichers am Brooksfleet hetzen. Keuchend kommen sie oben an, werfen sich weite Umhänge über, befestigen einen ballähnliche Kopfschmuck unterm Kinn und rufen ihre Botschaften hinunter, um anschließend für das Schlussbild die Stiegen erneut im Sturmlauf zu nehmen.

Um Punkt 22 Uhr endet das "Hamburger Jedermann"-Spektakel. Das Publikum ist durchgefroren, aber hochzufrieden, die Schauspieler sind glücklich über den begeisterten Applaus. Isabel Krügermann und ihr Team klappen die 900 Stühle zusammen und heben die Straßensperrung auf, die Schauspieler kommen nach und nach ins Café Jedermann, bestellen sich Wurst und Bier und werden von Michael Batz beglückwünscht. Am längsten hat Tatjana Kraus zu tun. Abschminken dauert genau so lang wie das kunstvolle Auftragen der Maske. Wieder sitzt Wolfgang Hartmann vor ihrem Spiegel, diesmal mit einem Glas Weißwein in der Hand. Der Tod hat Feierabend.

Der "Hamburger Jedermann" läuft bis zum 25.8. freitags/sonnabends , 20 Uhr, sonntags, 19 Uhr

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