ARD-Vorsitzender im Interview

Lutz Marmor: "Ich halte mein Gehalt für vertretbar"

ARD-Vorsitzender Lutz Marmor verdient 291.000 Euro, lehnt Boni für gute Quoten ab und möchte Jörg Pilawa im Vorabendprogramm einsetzen.

Hamburg. NDR-Intendant Lutz Marmor, der seit Jahresbeginn auch ARD-Vorsitzender ist, hat sich Zeit genommen: Geschlagene Eindreiviertelstunden spricht er mit dem Abendblatt über Hamburg-"Tatort", Rundfunkbeitrag und "Tagesschau"-App.

Abendblatt: Herr Marmor, hat Ihnen Til Schweigers Hamburg-"Tatort" gefallen?
Lutz Marmor: Ich fand ihn gelungen. Dass so viele Menschen zugesehen haben, insbesondere auch Jüngere, hat mich sehr gefreut. Auch ein Erfolgsformat wie der "Tatort" braucht mal einen neuen Impuls. Deshalb haben wir bei diesem "Tatort" bewusst auf Action und einen Star wie Til Schweiger gesetzt, der sonst nicht in TV-Produktionen zu sehen ist.

Schweiger bestand auf der Mitwirkung seiner Tochter. Und dass der Hamburger "Tatort" nicht mehr nur von Studio Hamburg, sondern von der Münchner Constantin produziert wird, soll an seinem Berater, dem Constantin-Aufsichtsratsvorsitzenden Fred Kogel gelegen haben.
Marmor: Wenn ich bestimmte Dinge nur im Paket bekomme, muss ich mir überlegen, ob ich sie mache oder nicht. Nicht jeder unserer Filme muss bei der NDR-Enkeltochter Studio Hamburg produziert werden. Wenn dem so wäre, würden sowohl andere Produzenten als auch Politiker protestieren.

Ganz billig dürfte der Schweiger-"Tatort" nicht gewesen sein.
Marmor: Im Schnitt kostet ein "Tatort" 1,3 Millionen Euro. Dieser war teurer. Auch weil wir 24 statt 22 Drehtage hatten. Ich finde es aber richtig. Es kann "Tatort"-Folgen geben, die aufwendiger produziert werden als andere. Das sieht man dem Film auch an.

Sie haben 2010 Ihr Gehalt öffentlich gemacht. Es liegt derzeit bei etwa 291.000 Euro. Halten Sie es für angemessen?
Marmor: Das eigene Gehalt zu beurteilen ist immer schwierig. Durch die Vergütung wird ja auch Wertschätzung ausgedrückt. Wenn Sie bedenken, dass der Generaldirektor der BBC mehr als doppelt so viel bekommt und man als Fernsehvorstand der ProSieben Sat.1 Media AG etwa 1,8 Millionen verdienen kann, halte ich mein Gehalt für vertretbar.

Warum macht die ARD Honorare von Stars wie Günther Jauch nicht publik?
Marmor: Günther Jauch hat ziemlich konkrete Vorstellungen über die Ausgestaltung seines Vertrages. Er kam von einem Sender, der sein Honorar nicht veröffentlicht hat. Und so gab es dann auch in seinem Vertrag mit der ARD eine Verschwiegenheitsklausel. Dafür gibt es gute Gründe: Ist Ihrem Wettbewerber bekannt, was ein Moderator verdient, den er gerne verpflichten möchte, weiß er ganz genau, was er ausgeben muss, wenn er ihn abwerben will. Ich registriere aber, dass die Gesellschaft sich von den Öffentlich-Rechtlichen mehr Transparenz wünscht. Wir wollen diesem Wunsch grundsätzlich nachkommen. Dazu gehört auch, die vielen Rechenschaftsberichte, die es heute schon gibt, für die Öffentlichkeit besser aufzubereiten.

Wieso halten Sie die Kosten Ihrer Bundesligarechte geheim? Der Pay-TV-Sender Sky tut das doch auch nicht.
Marmor: Das ist unglücklich gelaufen. Wir mussten uns gegenüber der Deutschen Fußball Liga zu Verschwiegenheit verpflichten. Sky musste das offenbar nicht. Eine solche Verschwiegenheitsklausel sollte es meines Erachtens künftig auch für die ARD nicht mehr geben, wenn andere sie auch nicht haben.

Bei der Einführung des Rundfunkbeitrags gab es Probleme. Die Kommunen etwa fürchteten massive Mehrkosten. Die Stadt Köln drohte gar damit, die Zahlungen auszusetzen.
Marmor: Die Kölner zahlen den alten Beitrag. Im Staatsvertrag ist das, solange es noch Klärungsbedarf gibt, auch so vorgesehen. Einige Kommunen glaubten für Einrichtungen - wie etwa Freiwillige Feuerwehren - zahlen zu müssen, für die überhaupt keine Beitragspflicht besteht. Andere haben bisher so wenig gezahlt, dass wir uns fragen, wie das sein kann. Wir haben nun ein unabhängiges Wirtschaftsinstitut damit beauftragt, alle Problemfälle zu erfassen und zu analysieren.

Filialunternehmen wie die Drogeriekette Rossmann, die gegen den Rundfunkbeitrag klagt, zahlen nun deutlich mehr.
Marmor: Das wird voraussichtlich so sein. Allerdings bewegt sich das gemessen am Umsatz der betroffenen Unternehmen im Promillebereich. Andere zahlen auch deutlich weniger: Die klassische Eckkneipe musste früher pro Fernseher 17,98 Euro berappen. Heute zahlt eine Kneipe mit bis zu acht Beschäftigten nur noch 5,99 Euro.

Im Ersten gibt es fünf Talkshows. Manche finden, das sei zu viel.
Marmor: Ich kann mit fünf gut leben, aber grundsätzlich auch mit einer anderen Variante. Man kann prüfen, ob wegen der Talkshows andere Farben im Programm zu kurz kommen. Da gibt es eine ergebnisoffene Diskussion, die wir derzeit führen. Das Hauptproblem des Ersten sind aber wirklich nicht die Talkshows, denn diese sind gut gemacht und haben Erfolg beim Publikum.

Die Talkmoderatorin Sandra Maischberger ist jahrelang nach Quote bezahlt worden. Ein Sendersprecher sagte, dies sei nicht unüblich. Welcher Talker in der ARD wird noch nach Quote bezahlt?
Marmor: Keiner. Und auch Frau Maischberger nicht mehr. Sie lief im WDR unter Unterhaltung. Dort hat es quotenabhängige Bezahlung gegeben.

Was halten Sie denn von quotenabhängiger Bezahlung bei Talks?
Marmor: Im NDR machen wir es ja nicht. Quotenziele könnten allenfalls bei Unterhaltungsformaten sinnvoll sein. Wir haben aber den Anspruch, nicht nur auf die Quote zu schauen. Deshalb halte ich nichts von Boni.

Wieso haben Sie Jörg Pilawa zurückgeholt? In der ARD herrscht doch kein Mangel an Moderatoren.
Marmor: Nicht alles in der ARD-Unterhaltung hat herausragenden Erfolg. Jörg Pilawa ist deswegen eine ausgezeichnete Verstärkung. Als NDR-Intendant freue ich mich auch, dass ein Hamburger zu uns zurückkehrt. Wir hätten ihn auch gern im NDR Fernsehen. Im Vorabend des Ersten kann er uns ebenfalls helfen. Insgesamt aber wird Pilawa vom Volumen her weniger machen als früher.

Der WDR sucht einen neuen Intendanten. Sind Sie als einstiger WDR-Verwaltungsdirektor angesprochen worden?
Marmor: Es gab vorsichtige Anfragen.

Wären Sie nicht ARD-Vorsitzender, hätten Sie über einen Wechsel nachgedacht?
Marmor: Dann hätte ich es mir vielleicht überlegt. Aber in meiner jetzigen Position geht das nicht. Ich fühle mich beim NDR sehr wohl.

Das ZDF will ZDFkultur abschalten, einen seiner drei Digitalkanäle. Die ARD verfügt ebenfalls über drei Digitalkanäle. Tragen Sie sich mit ähnlichen Plänen?
Marmor: Wir würden gerne zusammen mit dem ZDF unseren Digitalkanal Eins Plus in einen Jugendkanal umwandeln. Und zwar deutlich vor 2017. In diesem Punkt gibt es noch Meinungsunterschiede mit dem ZDF. Für einen solchen Kanal werden wir kein zusätzliches Geld beantragen. Aber dies sieht das ZDF anders. Allerdings wäre es extrem schwierig, einen solchen Kanal allein zu stemmen. Deshalb brauchen wir das ZDF. Es wäre sehr gut, wenn das Zweite Formate von ZDFkultur und vielleicht auch einige von ZDFneo einbringen könnte.

Was würde der Jugendkanal kosten?
Marmor: Wir könnten uns einen Start-Etat von insgesamt etwa 35 Millionen Euro vorstellen. Dem Beitragszahler würden dabei keine zusätzlichen Kosten entstehen - auch deshalb nicht, weil wir bereits vorhandene junge Programme in dem Kanal bündeln würden.

Vor dem Landgericht Köln hat die ARD eine herbe Niederlage hinnehmen müssen: Die Zeitungsverleger hatten gegen die kostenlose "Tagesschau"-App geklagt. Die Richter entschieden, dass Sie die App-Ausgabe vom 15. Juni 2011 so nicht hätten freischalten dürfen. Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?
Marmor: Gegen dieses Urteil haben wir Berufung eingelegt. Wir haben trotzdem schon Konsequenzen gezogen. Die "Tagesschau"-App hat nun einen viel deutlicheren Sendungsbezug. Zudem hat die erste Seite der App schon jetzt einen stärkeren Video-Schwerpunkt. Das war den Verlegern besonders wichtig. In diese Richtung werden wir weiterarbeiten: Wir werden alle Internet- und Mobil-Angebote der "Tagesschau" Ende April einem großen Relaunch unterziehen. Zum Beispiel wollen wir die Videos noch deutlicher in den Vordergrund stellen. Aber ob wir am Ende mit den Verlegern auf einen Nenner kommen, weiß ich nicht.

Gegen Ihren Fernsehdirektor Frank Beckmann ermittelt im Zusammenhang mit dem Ki.Ka-Skandal die Staatsanwaltschaft Erfurt wegen des Verdachts der Untreue. Sie haben die Verlängerung von Beckmanns Vertrag ausgesetzt, der am 31. Oktober ausläuft. Wie geht es jetzt weiter?
Marmor: Wir müssen prüfen, ob die Vorwürfe stichhaltig sind. Es gilt die Unschuldsvermutung. Wir haben teilweise Akteneinsicht. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dauern allerdings noch an.

Bis zum 31. Oktober ist es nicht mehr so lange hin. Was, wenn die Ermittlungen dann noch nicht abgeschlossen sind?
Marmor: Wir sind uns mit Frank Beckmann einig, dass es keinen Zeitdruck gibt. Er ist ein erfolgreicher Fernsehdirektor. Seine Leistung stimmt. Alles andere ist Kaffeesatzleserei.