Dramatiker im Interview

Moritz Rinke: "Komik ist eine ernste Sache"

Moritz Rinke, erfolgreichster deutscher Gegenwartsdramatiker, über sein neues Stück, Schauspieler-Theater und gute Dialoge. Am Sonntag ist Premiere.

Hamburg. Der großstädtische Staatstheaterbetrieb setzt schon seit Langem nicht mehr aufs Kammerspiel. Dieses Schauspiel im intimen Rahmen, in dem unter wenigen Schauspielern Probleme verhandelt werden, gilt den einen Verantwortlichen als zu altmodisch, den anderen als zu boulevardesk, den dritten gar als nicht zeitgemäß. Schade ist das, denn Kammerspiele bieten wunderbare Rollen für Schauspieler.

Wie ungewöhnlich, dass nun ein deutscher Dramatiker, Moritz Rinke, ein modernes Kammerspiel geschrieben hat, das sich köstlich und pointiert den Problemen widmet, die Männer und Frauen mit ihren Beziehungen, Beschäftigungen und dem Überangebot an Optionen heute haben. Rinkes "Wir lieben und wissen nichts" wird damit zum meistgespielten Stück der Saison. Elf deutsche Bühnen führen es auf. Die Premiere an den Hamburger Kammerspielen findet am 17. März statt.

Zwei Paare und ein Wohnungstausch stehen im Mittelpunkt: Die nervöse Hannah gibt gestressten Bankern Kurse in Intuition und Bewegungsmeditation, ihr zerquälter Freund Sebastian ist freischaffender Kulturwissenschaftler. Eigentlich möchte er über den Dionysoskult schreiben, doch was er liefern soll, ist ein Aufsatz über Katzen. Da beide planen, nach Zürich umzuziehen, wollen sie mit Roman, einem Informatiker, und Magdalena, Tiertherapeutin in Teilzeit, für zwei Monate das Zuhause tauschen. Bei der Übergabe der Wohnung begegnen sich die Vier. Doch statt sich schleunigst ins neue Leben aufzumachen, beginnen die Paare einen Seelen-Striptease, bei dem es um Schmuddelfilme und Kinderwunsch, um beschleunigte Arbeitswelten und Wirklichkeitsverdrängung geht. Autor Moritz Rinke, der während der Arbeit immer wieder mit befreundeten Schauspielern wie Ulrich Matthes oder Maren Eggert über Sprache und Inhalte seines Stückes gesprochen hat, legt Wert darauf, "dass die Dialoge auch sprechbar sein müssen".

Hamburger Abendblatt: Zwei Paare - worin liegt der Reiz, über zwei Frauen und zwei Männer zu schreiben?
Moritz Rinke: Ich wollte sehr konzentriert sein. Über diese Paarkonstellation kann ich viel über Menschen erzählen, zumindest so, wie ich sie erlebe. Mittlerweile merke ich, dass dieses Stück offenbar einen Nerv trifft. Vielleicht ist es wirklich dieser komisch-verzweifelte Blick auf diese Paare: ihre Zerrissenheit, ihre Sehnsüchte, Lebenslügen und verdrängte Gefühle. Und dann ist es natürlich ein Schauspielerstück! Vier große Rollen! Ich schreibe nun mal, um es ganz altmodisch zu sagen, Theaterstücke mit Rollen für Schauspieler, und da trifft das Stück auf jeden Fall einen Nerv bei den Schauspielern. Theaterleiter müssten sich eigentlich viel mehr auf den Instinkt ihrer Schauspieler verlassen, wenn sie das Publikum erreichen wollen.

Ein Mann ist ein Schlaffi, einer ein Spinner, eine Frau eine Macherin, die andere ein Häschen. Sind das Sinnbilder moderner Männer und Frauen?
Rinke: Ich kann diese Figuren gar nicht so typisieren wie Sie. Ich sehe sie vielschichtiger. Sebastian bedroht in dem Stück seinen Gegner Roman mit seiner klassischen Pistole, er solle den Satellitenabschuss sofort stoppen oder etwas ins All schießen, das alles wieder abschaltet. Aber unsere Welt funktioniert wie Roman, dann wären wir also alle Spinner. Sebastian und Magdalena stehen in dem Stück eher für etwas altmodischere Begriffe wie Hingabe und Aufmerksamkeit und wie schwer es solche Qualitäten haben, unserem heutigen Tempo, unserer Autonomie und unserem überstrukturierten Leben standzuhalten. Magdalena ist ja kein Dummchen, sondern eine Frau, die das Machtspiel zwischen Männern und Frauen unterlaufen will, die durchaus versteht, dass man vielleicht nicht Prinzessin und Regentin in einem sein kann, wie Hannah es glaubt. Und zu Sebastian: Ich würde nie von einem "Schlaffi" sprechen. Eher von einer ohnmächtigen Wut, aber einem Klarblick auf unsere Welt, den ich auch gerne hätte.

Warum sind diese Typen so komisch?
Rinke: Offen gestanden setze ich gar nicht so genretypisch nur auf die Komödie. Komödie wird ja im deutschen Theaterverständnis immer mit einer einseitigen, schenkelklopfenden Erheiterung verwechselt. Ich empfinde Komik eher, wenn sie aus einem tragischen Scheitern entsteht. Wenn man in meinen Stücken nicht an den ernsten Anliegen der Figuren arbeitet, wird es nicht komisch. Komik ist eine ernste Sache.

Wer hat recht in den Beziehungen?
Rinke: Alle. Alle! Ein Dramatiker muss jede seiner Figuren verteidigen. Denken Sie an Richard III von Shakespeare!

Was macht ein Stück lebendig, genaue Beobachtung von Zeitgenossen?
Rinke: Man wird bei diesem Stück merken, dass es sich in seinem Genre nicht festlegt, dass es balanciert, dass es gradwandert zwischen Komischem und Tragischem.

Wie schreibt man gute Dialoge?
Rinke: Frau Seegers, wenn ich das wüsste!

Worum geht's diesen Typen?
Rinke: Hannah hat ihre frühere Selbstsuche von innen nach außen als Erfolgsmodell verlagert und verkauft, sie bietet Bankern und Führungskräften die Kunst der Meditation an. Ihr Freund, der Kulturhistoriker Sebastian, hat kein Erfolgsmodell realisieren können. Je stärker sich Hannah im erfolgreichen Außen definiert, umso mehr straft Sebastian ihre Außenwelt ab, bäumt sich gegen eine Erfolgswelt auf, die offenbar alles nimmt, nur nicht sein Wissen und sein Talent, das ihm zunehmend nutzloser erscheint. Bei Roman und Magdalena, dem anderen Paar, geht die Erfolgswelt ebenfalls als Riss durch die Beziehung. Roman ist ein Macher, er schießt Raketen mit Satelliten zum Himmel, die unsere Welt noch schneller machen sollen, und er würde nie auf die Idee kommen, seine Frau zu fragen, was sie eigentlich in der physiotherapeutischen Praxis für Tiere tut, in der sie arbeitet. Der einzige Erfolg, den er ihr einräumt und von der auch er Nutzen trägt, ist der erfolgreiche Kampf gegen ihre Cellulite. Roman ist ein Verwandter von Arthur Millers Willy Loman, denn er will nicht wahrhaben, was Magdalena schon längst weiß. Roman erspielt sich seine eigene erfolgreiche Welt, obwohl sie im Außen für ihn nicht mehr existiert, während Hannah immer mehr erkennt, das sie in Sebastian einen Erfolg versprechenden Mann liebte, den es schon lange nicht mehr gibt.

Sollte man "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" oder Yasmina Reza kennen, wenn man so schreiben will?

Rinke: Na ja, schaden kann es nicht.