Ausstellung

Künstler Per Kirkeby: Der Natur verfallen

Eine großartige Werkschau des dänischen Malers, Bildhauers und Dichters Kirkeby ist bis Februar im Ernst Barlach Museum Wedel zu sehen.

Wedel. Viele Querköpfe und Schulabbrecher landen als Erwachsene am Rand der Gesellschaft oder fallen völlig aus ihr heraus. Es kann aber auch passieren, dass aus solchen Menschen, die in kein Schema passen, die anders denken, anders verknüpfen und als Legastheniker die Schulzeit mehr erleiden als genießen, weltbekannte Künstler wie Per Kirkeby werden. "Ich galt als dumm": Mit diesem niederschmetternden Satz bringt der Maler seine Kindheit auf den Punkt. Um diesem Stigma etwas entgegenzusetzen, begann er, immer wenn es darum ging, etwas zu zeichnen oder zu malen, sich dort auszuleben: "Bald wusste ich, dass ich Künstler werden wollte." Das Barlach Museum in Wedel widmet dem 74 Jahre alten dänischen Maler, Bildhauer und Dichter bis zum 2. Februar 2013 eine Werkschau.

Wenn man Per Kirkeby privat treffen will, muss man eine längere Reise auf sich nehmen. Mitten im Kattegat, rund 100 Kilometer vom dänischen Festland entfernt, verbringt er die meiste Zeit des Jahres auf der Insel Læsø, zwischen struppigem Seegras, uraltem, aufgeworfenem Gestein und einem gigantischen Himmelszelt mit ständig wechselnden Dramen.

Bevor Kirkeby mit ungefähr 35 endlich seinem alten Traum von der Malerei folgte, arbeitete er als Geologe, unternahm Expeditionen nach Grönland und lernte, geduldig die Natur zu beobachten. Die Jahre als Forscher waren nicht verloren, sondern sie bilden bis heute das gestalterische, philosophische und ästhetische Fundament für seine Kunst. Irgendwann hatte Per Kirkeby den Punkt erreicht, wo er der Natur in ihrer schieren Größe, Erhabenheit und Weisheit verfiel. Dem Lärm der Welt setzt er seitdem Monumente der ewigen Wiederkehr entgegen.

Vergeblich sucht man deshalb in seinen Bildern etwas Urbanes. Allenfalls als kleine, gegenständliche Zitate arbeitet er Zitate des städtischen Lebens in seine fast vollkommen abstrakten Gemälde ein. Während er in den 80er/90er-Jahren noch meist tonige Erdfarben benutzte, hat er seine Kunst in den vergangenen Jahren noch mal zu einer neuen Blüte gebracht: Waldgrüne Landschaften umfangen den Besucher im Erdgeschoss des Barlach Museums, sie lassen den ganzen Raum vibrieren. Nie sind die Bilder von Per Kirkeby flach und vordergründig, immer kann man aus ihren vielen Schichten Tiefe und die Substanz des Ewigen herauslesen.

Kurator Jürgen Doppelstein, der mit seiner Begeisterung für den Dänen gern andere ansteckt, wenn er auf offene Ohren stößt, hat versucht, den Maler, den Bildhauer und den Dichter Kirkeby "in ein feines dialogisches Gewebe" einzubinden. Seine Malerei übertreffe die poetischen Metaphern, die er im Kopf habe, sagt Kirkeby selbstkritisch. Doppelstein hat seine Gedichte zwischen die Gemälde gehängt, "nicht als Kommentar, sondern als eigene poetische Linie".

Dschungelgrün also ist die Farbe, die das Erdgeschoss in einen Naturraum verwandelt, zu einer großen Landschaft mit immer neuen Ausblicken. Als Geologen interessiert es Kirkeby, jene Schichtungen, die er in der Natur überall findet, in die Malerei zu übertragen: "In der Geologie spaltet eine Verwerfung Gesteinsschichten. In dem Spalt verschiebt sich alles. In dem Spalt entsteht eine andere Mineralstruktur. Das ist relativ einfach. Im Bild verschiebt sich das so, dass man es sehen kann: Oben ist ein roter Balken in der einen Ecke, unten ist ein roter in der anderen Ecke. Die gehörten früher zusammen."

Das klingt nüchtern, ist es aber nicht. Es spiegelt die beständige Naturanschauung des Künstlers, der in einer Landschaft lebt, die erst das Licht verzaubert. Das aber so nachhaltig und vielgestaltig, dass diese Metamorphosen in seine Bilder eingeschrieben sind und ihnen Magie und Tiefe geben. Und die Leuchtkraft einer inzwischen hoch pigmentierten Farbskala, die aus dem Dickicht der Strukturen hervortritt und das Abgestorbene, Sedimente und Gestrüpp wie von innen durchglüht.

Ein weiterer Raum im ersten Stock ist der Vergänglichkeit gewidmet - und den Chimären seines gepeinigten Unterbewussten. Eine "danse macabre" ziert die hintere Wand, in der ein Mann ein Skelett zum Tanz aufgefordert hat. Links daneben ein Großformat, das die ganze Wand einnimmt und eigentlich etwas mehr Abstand bräuchte, inhaltlich aber bestens hier aufgehoben ist. In diesem sehr dynamischen, alptraumhaft in sich zusammenstürzenden Bild entdeckt man marschierende Unterschenkel in schweren Schuhen, eine Faust, die Energie der Zerstörung und den Tod.

Kirkeby geht tiefe, intensive Beziehungen zu seinen Bildern ein. Oft malt er viele Monate, sogar ein oder mehrere Jahre an einem Bild, immer wieder sieht er es an, wie um zu ergründen, was es von ihm, von seinen Armen und Händen fordert, die fast in all seinen Skulpturen den Gegenstand bilden, und natürlich von seinem aus einem hoch aufragenden Stück geformten Kopf, der den ganzen Prozess ausbrütet.

Der Schaffensprozess aber, lauscht man Per Kirkeby, bedeutet andauerndes Leiden an der eigenen Unzulänglichkeit und Langsamkeit, aber auch jedes Mal das Triumphgefühl, am Ende ein Bild "in einem Rutsch durchgemalt" zu haben. Dann ist der Maler befreit, bis er das nächste Mal den Pinsel in die Hand nimmt und seine Schöpferkraft von neuem sammelt, um die Erde in ihrem Urzustand zu malen, wie Gott sie geschaffen hat.

Ausstellung Per Kirkeby bis 10.2.2013. Ernst Barlach Museum Wedel, Mühlenstraße 1, Wedel. Eintritt: 6 Euro, ermäßigt 4 Euro. Di bis So, 11 bis 18 Uhr; www.ernst-barlach.de