Ouvertüre mit Nagano

Der Münchner Stardirigent Kent Nagano wechselt 2015 an die Hamburger Staatsoper. Gestern wurde die Personalie bestätigt. Am Vortag sprach das Abendblatt mit ihm

Zur Begrüßung brennt die Münchner Oper ab. Na ja, fast. Brüllend laute Alarmsirenen zum Händeschütteln? Tolles Timing. Kent Nagano kommt gerade aus einer Konzertprobe; Hartmann, Beethoven, Schostakowitsch. Nachdem wir uns mit der Staatsopern-Belegschaft durch fünf Treppenhaus-Etagen geschoben haben, geht der Small Talk draußen weiter, während Feuerwehrleute die Probealarm-Show abrunden. Nagano - ruhig, zierlich - berichtet in seiner Englisch-Deutsch-Privatmischung von Pilgerreisen zur NDR-Dirigentenlegende Günter Wand. Als die Aufregung vorüber ist, geht es zurück in Naganos extrem aufgeräumtes Büro. Das wird der Amerikaner 2013 räumen, um ab 2015 Generalmusikdirektor in Hamburg zu werden.

Hamburger Abendblatt:

Nach sieben Jahren in München gehen Sie nach Hamburg. Glauben Sie, Sie verkraften diesen Kulturschock?

Kent Nagano:

Wieso Kulturschock?! München hat ein bedeutendes Kulturangebot und eine lange Geschichte. Aber Hamburg ist für mich sehr faszinierend, die Stadt hat ein ganz anderes Profil, eine ganz andere Geschichte. Die Stadt ist Hafenstadt und seit jeher eine freie Handelsstadt, ein Tor zur Internationalität. Sie hat eine lange und wirklich einzigartige Musikgeschichte.

Ganz schlicht gefragt: Warum wollen Sie Generalmusikdirektor in Hamburg sein?

Nagano:

Es geht nicht darum, einen Posten zu übernehmen, sondern entscheidend darum, eine Kommune beziehungsweise urbane Gesellschaft in ihren kulturellen Ansprüchen und Bedürfnissen zu unterstützen und mit zu formen. Die Frage war für mich: Was ist Hamburg heute? Es gibt ein Potenzial, die Oper, das Orchester. Die Stadt ist heute eine der lebendigsten und interessantesten weltweit. Klar - es gibt auch Probleme mit der Elbphilharmonie. Ich sehe das als Teil einer Stadt, die eine Vision hat, die ehrgeizig ist. Ich halte es für einen guten Zeitpunkt, in Hamburg aktiv zu werden.

Von der Münchner zur Hamburger Staatsoper - ist das ein Aufstieg?

Nagano:

Aufstieg oder was auch immer ist für mich kein Thema. Es geht um künstlerische Arbeit und um Rechtfertigung dieser Arbeit. Wie definieren Sie Aufstieg? Über Haushaltszahlen? Diesbezüglich kann man Hamburg und München sicher nicht vergleichen.

Reputation und Qualität.

Nagano:

Qualität ist immer auch mit Elementen verbunden, die fließend sind, die wechseln. Diese Elemente sind nicht immer vorhanden. Qualität wird erreicht durch enorme Hingabe und Arbeit. Qualität kann auch einfach einmal verloren gegangen sein, doch die Elemente, die Qualität bedingen, sind für mich in Hamburg vorhanden.

Wenn ich heute Kritiker-Kollegen frage, sagen elf (!) von zehn: München ist das bessere Haus. Liegen die alle verkehrt?

Nagano:

"Besseres Haus" ist für mich keine Frage. Es geht um Perspektiven.

Vom Bayerischen zum Hamburgischen Staatsorchester - ist das ein Aufstieg?

Nagano:

Wie schon gesagt, eine solche Frage empfinde ich als merkwürdig. Aufstieg hat etwas damit zu tun, wie man arbeitet und was man dafür bekommt. Eines meiner ersten Konzerte in Deutschland, Anfang der 90er, war mit den Philharmonikern. Damals schon habe ich empfunden, dass das ein besonderes Ensemble ist. Es hat echte Persönlichkeit, eine echte Geschichte. Die Frage ist: Wie können wir dieser "Persönlichkeit" zu neuer Geltung verhelfen?

Wie klug ist es, sich als Chefdirigent für ein Orchester verpflichten zu lassen, das man in den letzten Jahren nicht ein einziges Mal vor dem Taktstock hatte?

Nagano:

Wie wir uns das Leben wünschen - stabil und berechenbar -, so einfach ist es leider nicht. Es gibt natürlich immer Risiken. Ich hatte lange Gespräche mit dem Vorstand, dabei haben sich wichtige Dinge ergeben: Wir haben gemeinsame Werte und glauben an diese. Wir sind hungrig auf neue Erfahrungen und wollen gemeinsam eine künstlerische Entwicklung. Das ist viel.

Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

Nagano:

Ein "bestes" Opernorchester der Welt zu werden.

War die Aussicht, als Chefdirigent mit den Philharmonikern in die Elbphilharmonie zu kommen, für Sie der größere Köder als die Staatsoper?

Nagano:

Einerseits ist das Orchester in der Staatsoper beheimatet, aber wo ist sein anderer Teil zu Hause? Es gibt die Laeiszhalle und, irgendwann, die Elbphilharmonie. Es ist sehr wichtig, die Perspektive einer Heimat zu haben. Es kann keine Orchesterentwicklung ohne Heimstätte geben. Nicht nur wegen der Akustik, auch wegen der Identität. Die Laeiszhalle soll Heimat der Symphoniker werden. Es gibt nur eine Wahl.

Doch da sitzt schon Thomas Hengelbrock mit dem NDR Sinfonieorchester.

Nagano:

Die geben viel mehr Konzerte, aber sie können nicht allein alles leisten, was von dem Haus erwartet wird.

Die Hamburger Philharmoniker haben den Beinamen "Dirigentenkiller".

Nagano:

Man kann die Zukunft nicht kontrollieren und soll es auch nicht. Die gemeinsame Arbeit muss auch Freude und Spaß bereiten. Und sicher muss man immer hart darum kämpfen, ein höheres Niveau zu erreichen.

Sie haben immer wieder Ärger mit Ihrem Münchner Intendanten Nikolaus Bachler gehabt. Welche Vorkehrungen haben Sie getroffen, damit Ihnen das nicht auch mit Georges Delnon in Hamburg passiert?

Nagano:

Ich kann nicht sagen, dass wir Ärger hatten. Wir haben manchmal verschiedene Meinungen, aber das macht ein Opernhaus interessant. Delnon und ich, wir haben ein großes Vertrauensverhältnis gefunden.

Sie haben sich - hoffentlich - den Stück-Bestand der Staatsoper angesehen. Wo sind für Sie Stärken und Schwächen?

Nagano:

Bislang habe ich mir das Repertoire nur oberflächlich angesehen, alles Weitere werden unsere Gespräche zu klären haben. Es braucht eine richtige Balance, das Haus muss eine Reflexion der Gesellschaft sein. Man muss Hamburgs Identität auf der Bühne der Oper empfinden können.

Welche Akzente wollen Sie als Gegengewicht zum Profil der NDR-Sinfoniker im Konzertprogramm setzen?

Nagano:

Respekt vor Kollegen ist immer wichtig. Meine Priorität ist: Welche Stücke muss das Orchester spielen, welche dienen ihm am besten? Wo liegen Entwicklungs- und Intensivierungsmöglichkeiten? Das wird zu klären sein.

Ihr erstes Konzert nach der Berufung dirigieren Sie Anfang November drolligerweise beim NDR Sinfonieorchester ...

Nagano:

Diese Verpflichtung reicht zeitlich weit zurück.

... Wie wollen Sie sich vom NDR-Kollegen Hengelbrock unterscheiden, der ja ein komplett anderer Charakter ist?

Nagano:

Richtig, wir sind sehr unterschiedlich. Aber wir sind seit Langem befreundet. Ich finde, er hat viele wunderbare Ideen. Wenn Hamburg wie Paris, London, Wien oder New York wirklich eine kulturell interessierte Stadt ist, muss auch Platz sein für verschiedene musikalische Motoren.

Eine große Hoffnung der Philharmoniker ist mehr Präsenz auf Tourneen in wichtigen Musikstädten und bei großen Festspielen wie Salzburg oder Luzern. Glauben Sie, Ihr guter Name genügt, um das möglich zu machen?

Nagano:

Immer weniger Orchester reisen, Sponsoren werden weniger, die Reisen werden immer teurer. Aber durch die Kommunikationsmöglichkeiten, die alles sofort weltweit verfügbar machen, stellt sich eine interessante Frage: Warum soll man Tourneen machen? Ich glaube an die Kultur der Stadt Hamburg und an das, was sie repräsentiert. Wenn wir reisen sollten, müssen wir den Namen Hamburg mit all seinen Traditionen im Gepäck haben.

Simone Young hat sich das Auswärtsdirigieren weitestgehend verboten. Sie haben einen Chefposten in Montreal - und bespielen dort seit 2011 einen neuen Konzertsaal - und sind als Dudamel-Nachfolger zum Ersten Gastdirigenten in Göteborg berufen worden. Wie wollen Sie das unter einen Hut bekommen?

Nagano:

Für mich war es immer interessant, beide Seiten des Repertoires nicht zu trennen. Das ist für mich unnatürlich. Also habe ich immer einen Konzertorchesterposten mit einem Opernamt ausbalanciert: Boston und Berkeley Symphony, Lyon und Manchester, das DSO in Berlin und die Los Angeles Opera, jetzt Montreal und München. Man muss vorsichtig sein, nicht zu viel zu tun. Andererseits stimuliert ein Genre das andere. Montreal wird verlängert. Hamburg beginnt 2015. Wir werden sehen, was passiert.

Werden Sie nach Hamburg ziehen?

Nagano:

Meine Tochter geht in Paris zur Schule, mein Haus ist in San Francisco, ich wohne heute in München und in Montreal ...

... und wo befindet sich Ihre Familie?

Nagano:

... Das werde ich oft gefragt. Es ist kompliziert und noch komplizierter, weil meine Frau Pianistin ist. Wir haben beschlossen, dass zu Hause da ist, wo die Familie sich gerade befindet. Ob wir nach Hamburg ziehen, wird sich ergeben.

Wenn Sie jetzt Wünsche frei hätten für den Start an der Oper, welche wären das?

Nagano:

Meine Tendenz ist, nicht in solche Richtungen zu denken. Ich finde nicht vorrangig: Was möchte ich tun? Ich frage lieber: Was braucht das Haus, was braucht Hamburg?

Der Wermutstropfen zum Schluss für Sie als begeisterter Surfer aus Kalifornien: Surfen beim Arbeitsplatz können Sie vergessen. Die Stadt liegt nicht am Meer.

Nagano

(lacht): Das geht nicht?

Nein. Sylt ist drei Zugstunden entfernt.

Nagano:

Ich war niemals in der Nordsee, ich habe sie nur als Tourist gesehen. Mein Eindruck war, dass sie kalt ist.

Sehr kalt.

Nagano:

Tja. Das ist schade. Aber das Leben eines Surfers erreicht seinen Höhepunkt mit 17, davon bin ich inzwischen weit entfernt.

Die Langfassung des Interviews lesen Sie unter www.abendblatt.de/kentnagano