"Coexist"

The XX: Die sanften britischen Dramatiker

| Lesedauer: 4 Minuten
Annette Stiekele

Das britische Trio The XX erweist sich auch auf "Coexist" als die Band der Stunde und bewältigen souverän das Trauma des zweiten Albums.

Hamburg. Nun hat auch die derzeit angesagteste Band, The XX , das Trauma des zweiten Albums bewältigt. Und das äußerst hörbar. "Coexist" kann nur alle jene enttäuschen, die sich noch mehr Reduktion und Konsequenz, mehr Musik des Verschwindens gewünscht haben. Alle anderen dürften jubilieren über den weiter verhaltenen Gestus ihrer Nokturnen, die zitternden Gitarren, die monoton depressiven Bassläufe und die gelegentlich sogar tanzbaren Rhythmen. Über Songs wie "Fiction" mit diesen dunklen, aber doch so jugendlich zirpenden Gitarren und der suggestiven Stimme von Oliver Sim. Die immer schon so anämisch klingt, jenseitssehnsüchtig und so, als hätte der fahle junge, gerade mal 22-jährige Brite mehr von der Welt gesehen als jeder Greis. Oder über das elegische "Chained", das auf so ätherische Art weise klingt. Dabei melodiös. Versöhnlich. "Wir waren doch mal näher als hier, vermisst du das?", haucht Sims gleichaltrige Kollegin, die Gitarristin, Sängerin und Songwriterin Romy Madley Croft in dem Song. Auch sie ginge mühelos als lichtscheue Untote durch. Dank einer schon geisterhaften Unauffälligkeit. Das ist das Markenzeichen auch des dritten Mitglieds David Smith, der - obwohl ein gefragter Remixer - sich lieber im Hintergrund hält und für den wohldosierten Einsatz des Drumcomputers und die Produktion dieser minimalistischen Hybride aus Soul-Dubstep-Elektronica verantwortlich ist, von vielen als Erneuerer des Shoegaze gefeiert.

Sim und Madley Croft sind Sandkastenfreunde. Mehr aus dem Gefühl eines Überdrusses und der Langeweile heraus, begannen sie Songs zu schreiben. Aus dem nichts war damals das Debütalbum "XX" in die Öffentlichkeit geschlichen, ging eine Million Mal weltweit über den Tresen und wurde von der Kritik einhellig bejubelt.

Man kann sich vorstellen, wie der Erfolg diese feinsinnigen, introspektiven Musiker verschreckt hat. Doch sie musizierten unbeirrt weiter. Noch immer identifizieren sie sich mit den Songs, die sie als Teenager verfassten. Auch wenn sich die Gefühle der Bandmitglieder zu ihren Arbeiten naturgemäß weiterentwickelt haben. Das Prinzip der Reduktion setzt sich in den Titeln des neuen Albums fort, sie bestehen aus einem Wort, maximal aus zwei - wie das wunderbare "Tides", in dem zarter Geigenklang die Atmosphäre durchzieht. Besonders gut funktioniert das, wenn beide im Gesang zusammenfinden. So wie in "Reunion", in dem sie die zärtlichsten Gesänge über Liebe, Erkennen und Ewigkeit über einen glucksenden Drumcomputer legen. Und man sieht förmlich, wie Sim seinen stets Verweigerung assoziierenden Blick auflegt. Hat jemals jemand diesem Mann ein Lächeln entlockt?

Die Stilmittel sind weitgehend geblieben, die sanfte Dramatik, die kunstvollen Leerstellen, die Auslassungen und das Zögern. Gleichzeitig diese brennende Ernsthaftigkeit, dieses Spiel, als ginge es um alles. Auch wenn sich gelegentlich, wie in "Tides" ein zaghafter Beat einschleicht oder wiederum in "Reunion" ein Drumcomputer als Herzschrittmacher fungiert. Es wäre übertrieben zu behaupten, The XX dränge plötzlich auf die Tanzfläche.

Das Trio trifft noch immer den Nerv der Zeit, gerade weil es so sehr nach Krisensymptomen klingt. In einem Sinne, wie sie nicht nur die Jugend für die Menschheit bereithält. Diese Verzweiflung in Moll, bei der am Ende kein erlösender Upbeat wartet. Dafür das Wunder der Entschleunigung. Dieses Gefühl von einer heillosen Verworrenheit im Gestrüpp des Seins, in Finanzmisere, Demokratieverdruss und Globalisierungswehen aus denen es kein Entrinnen zu geben scheint. Es sei denn in einer absoluten Innerlichkeit.

Sim und Madley Croft entsprangen der erwiesenen Hipster-Schmiede Elliott School in London, die schon Hot Chip oder Burial hervorgebracht hatte. Im Alter von 15 Jahren gründeten sie die Band zunächst als Duo. Kurzzeitmitglied Keyboarderin Baria Qureshi verließ die Band, angeblich wegen Ausgebranntheit, offenbar entzweite man sich aber über Inhalte.

Die Band hat auf allen wichtigen Festivals gespielt, war 2011 für etliche Brit Awards nominiert und räumte den Mercury Prize 2010 ab. Bis heute hat sie sich trotz des weltweiten Hypes eine maximale Unschuld bewahrt. Coole Partys und demolierte Hotelzimmer zählen nicht zum Repertoire von The XX. Dafür die Kunst, Melancholie als pure Schönheit zu begreifen.

The XX: "Coexist" Young Turks/Xl Recordings/Beggars (Indigo); www.thexx.info