"Platonow" im Thalia Theater

Tolle Schauspieler in zerquälten Begegnungen

Pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum startete das Thalia Theater am Sonnabendabend mit "Platonow" von Tschechow in die Spielzeit 2012/2013.

Hamburg. Es gab viel zu feiern am Sonnabend im Thalia-Theater, das hundertjährige Bestehen des Gebäudes am Alstertor, die offizielle Spielzeiteröffnung, die Verlängerung der Intendanz Joachim Lux bis 2019, zu der der Kultursenatorin Barbara Kisseler gewohnt markige Worte fand: „Lassen Sie es sich ja nicht einfallen, vorher woanders hinzugehen.“

Die Eröffnungspremiere versprach eine starke Setzung: Anton Tschechows ausuferndes Frühwerk „Platonow“ in der Regie von Jan Bosse. Die Stadtgesellschaft klemmt sich in der Provinz in einen Campingwagen: Zeitgemäß Überschuldete, unglücklich Verheiratete und wodkaselig Liebende in der Hitze des Sommers. Wenn allerdings die großartige Victoria Trauttmansdorff als Gutsbesitzerin Anna Petrowna am Anfang stöhnt: „Langeweilig! Jetzt schon“, klingt es wie eine Warnung.

Weil nichts anderes mehr geht, plaudert sich diese Untergangsgesellschaft von Essen zu Essen in eine intellektualisierte Ironie hinein. Lange Zeit ist es eine Freude, diesem sprühenden Ensemble zuzusehen, in der jeder seinen Auftritt hat. Jörg Pohl, als Arzt Triletzkij, wie er sich in einen slapstickhaft taumelnden Trunkenbold verwandelt, Sebastian Zimmler, der den Ehemann Wojnizew der feurigen Sofja, Patrycia Ziokowska, als kreuzbraven Stenz gibt. Und natürlich Jens Harzer als Platonow, ein abgebrochener Student und Provinzlehrer, der seine Ideale längst verloren hat, nur noch Lethargie am Rande der Lähmung verströmt und damit eine Schar weiblicher „Retterinnen“, die Petrowna, Sofja, die junge Grekowa und seine Frau Sascha um den Verstand bringt.

Im zweiten Teil verwässert und zerfasert der Abend zunehmend in aneinandergereihten Auf- und Abgängen. Bosse führt sein Personal in zerquält auserzählten Begegnungen seinem Untergang zu. Das Leichte kommt mitunter zu federgewichtig daher, dafür geht die Tiefe mancherorts in einer Zähigkeit verloren. Das Stück ist von ursprünglich acht auf vier Stunden verkürzt, eine weitere hätte dem Abend gutgetan. So fahren viele längst weggedämmerte Besucher in ihren Sitzen zusammen, als dann doch der erlösende Schuss erklingt, mit dem Sofja Platonow erledigt. Die Langeweile ist dem Stück eingeschrieben, es hätte allerdings einer entschiedeneren Tat der Regie bedurft, sie zu ironisieren.