ZDFneo: "German Angst"

Wenn aus der Angst vor Gewalt Fernsehen wird

Die Reihe "German Angst" mit Reporter Micky Beisenherz auf ZDFneo will intelligent und unterhaltsam sein - leider verfehlt sie beide Ziele.

Sieben Jahre ist es her, dass Stephan an einer öffentlichen Haltestelle von einem Jugendlichen angegriffen und mit vier Messerstichen verletzt wurde. In der Reportage "German Angst" trifft der 34-Jährige sich auf einem Bahnsteig mit dem ZDFneo-Reporter Micky Beisenherz, um über sein Schicksal zu reden. Vorsichtiger sei er geworden, wenn er nachts aus dem Haus gehe, erzählt Stephan. Und dass er bei dem Attentat die Messerstiche erst gar nicht bemerkt habe.

In seiner Reportage lässt Beisenherz neben Stephan zwei Polizisten, die an Wochenenden bei Fußballspielen für Ordnung sorgen müssen, einen Ex-Hooligan, einen Rap-Sänger und einen Grundschullehrer zu Wort kommen. Dabei geht es um Angst vor Gewalt. Leider erklärt Beisenherz nicht, warum er den Begriff "German Angst" verwendet, der außerhalb Deutschlands für eine den Deutschen allgemein zugeschriebene Angststörung - eine unbegründete wie diffuse Furcht vor der Zukunft - steht.

Unerklärt bleibt auch, warum Beisenherz gerade jetzt dieses Thema in seiner Reportage behandelt. Das ist umso ärgerlicher, weil es sich um die Folge eins einer Reportage-Reihe handelt. Stattdessen reiht sich in den ersten beiden Minuten des Halbstundenfilms ein allgemeiner Satz an den anderen, wie: "Ich habe das Gefühl, dass das Gewaltpotenzial in Deutschland immer mehr zunimmt" oder "Jeden Tag lese ich Schlagzeilen über willkürliche Gewalt gegen Unbeteiligte".

Gewöhnungsbedürftig ist sicher auch die Kameraführung. Bei dem Gespräch mit Stephan beispielsweise zeigt die Kamera im steten Wechsel Beisenherz und seinen Gesprächspartner. Das sorgt für Unruhe. Vor allem aber wird die Chance vergeben, eine Geste Stephans einzufangen, die etwas erklärt, was dieser nicht mit Worten ausdrückt. Stattdessen - das soll sich bei den anderen Porträts wiederholen - rückt Beisenherz sich selbst immer wieder ins Bild, seine Fragen, seine Bemerkungen, seine Befindlichkeit. Die Befindlichkeit eines Journalisten aber ist im günstigen Fall uninteressant und im ungünstigen Fall störend. Zudem: Aufgeklärte Fernsehzuschauer - ZDFneo will gerade diese ansprechen - brauchen keinen Übersetzer.

Journalisten sollten im Hintergrund bleiben, sollten Porträtierte aufschließen und für den Zuschauer nacherlebbar machen. Es geht um Motive, um Gedanken, um Gefühle. Der Zuschauer soll sich mit den Hauptakteuren einer Reportage auseinandersetzen, ihr Schicksal reflektieren und - im Idealfall - eigenes Verhalten (kritisch) hinterfragen. Daher ist es fraglich, ob man als Zuschauer bei einer Reportage "alle" Fragen des Journalisten (oder dessen flapsige Bemerkungen) mithören will. Gerade eine 30-Minuten-Sendung muss mit Zeit geizen, sodass die Gefahr groß ist, dass bei zu vielen Nachfragen (Fernseh-)Zeit verschwendet wird oder die Gespräche an der Oberfläche bleiben, weil nicht nachgebohrt wird. Natürlich sind Informationen von Autoren unverzichtbar. Sie sollen einordnen, erklären, den Zuschauer mit "unsichtbarer Hand" führen. Warum aber erfährt man in dieser Sendung nichts über Jugendkriminalität in Deutschland?

Wenn Stephan von seinem Schicksal erzählt, hätte dem Zuschauer der Hinweis geholfen, dass Jugendkriminalität in Gänze zwar rückläufig, die Zahl schwerer Gewalttaten und die Brutalität aber gestiegen ist.

Schade ist auch, dass Beisenherz in seiner Reportage mit keinem Wort auf die aktuelle Diskussion über Gewalt in deutschen Fußballstadien eingeht. Die Problematik ist so wichtig, dass vor wenigen Wochen sich sogar das Bundesinnenministerium damit beschäftigte. Der Zuschauer erfährt davon nichts. Das wiegt umso schwerer, weil drei der sechs Porträtierten exemplarisch für dieses Thema stehen.

Dass Beisenherz sich von dem Sportlehrer Ralf Schmitz, der Kindern beibringen soll, Gewalt zu vermeiden, in einer Sporthalle auf die Matte werfen lässt, ist Effekthascherei und passt in die Sendung - genauso wie das Resümee des Autors: "Letztendlich ist Angst immer das, was du selbst draus machst. Und trotzdem: Jeder hat Angst vor Gewalt. Die Frage scheint nur: Wie gehe ich mit der Angst um?"

Nachsatz: ZDFneo-Chefin Simone Emmelius sagte Anfang April dieses Jahres in einem Interview mit jetzt.de, man habe den Anspruch, "intelligentes und unterhaltendes Fernsehen für Menschen zwischen 25 und 49 Jahren zu machen".

"German Angst" 23.8., 23.00 Uhr, ZDFneo