Serie: Die Band, Teil 4

Was Tonbandgerät und Coldplay gemein haben

Sophia Poppensieker, Songschreiberin und Gitarristin der jungen Hamburger Popgruppe, trifft sich mit ihrem Musikverleger Lukas Pizon.

Hamburg. Wer Sophia Poppensieker und Lukas Pizon sieht, wie sie gemeinsam durchs Karoviertel schlendern, der könnte auf die Idee kommen, dass da ein Popduo die Straße entlangläuft. Sie mit akkurater Ponyfrisur, er mit fransigem Seitenscheitel. Sie mit coolem Wolfsshirt, er lässig geringelt. Doch die beiden bilden kein Nebenprojekt von Poppensiekers Band Tonbandgerät. Pizon ist der Musikverleger der 23 Jahre alten Gitarristin. Und dieser Beruf ist (mittlerweile) wesentlich weniger angestaubt, als er klingen mag.

"Man nehme eine Sängerin wie Rihanna", erläutert Pizon, der beim Musikverlag Sony/ATV in Berlin arbeitet, sein Geschäft. "Rihanna ist eine Interpretin, die ihr Geld hauptsächlich dadurch verdient, dass sie bei einer Plattenfirma unter Vertrag steht und prozentual an den Verkäufen ihrer Tonträger beteiligt wird. Hinzu kommen Werbeverträge und Gagen von Konzerten", sagt Pizon. Da die Musikerin ihre Lieder jedoch nicht selbst schreibt, kommen die Musikverlage ins Spiel. Jene bieten dem Superstar Stücke der Autoren an, die sie unter Vertrag haben.

Die Songschreiber leben in diesem Fall davon, dass die von Rihanna interpretierten Nummern im Radio und Fernsehen laufen oder live zur Aufführung kommen, also verwertet werden. Gesellschaften wie die GEMA in Deutschland oder die Ascap in den USA schütten die Erlöse dann an die Verfasser aus. Die Administration des Verlags wiederum überprüft, wo die Songs zu hören waren und ob die Gelder korrekt an ihre Klienten abgeführt wurden.

"Es gibt aber, Gott sei Dank, noch Künstler, die selbst ihre Songs schreiben. Etwa Coldplay oder Tonbandgerät", erläutert Pizon und grinst. "Chris Martin und Sophia sind da nicht so weit auseinander, da sie beide sowohl Autor als auch Interpret ihrer Songs sind."

Der 32-Jährige traf Tonbandgerät vergangenes Jahr in der Popakademie in Mannheim, wo er ein Seminar zum Thema Musikverlag gab und die Band auch spielen sah. "Da haben wir uns kennen- und lieben gelernt", sagt er.

Das junge Hamburger Pop-Quartett hatte zuvor bereits Angebote von anderen Verlagen erhalten. Aber nach längeren Gesprächen fanden Tonbandgerät, ihr Manager Gerne Poets und Pizon schließlich einen Deal, um die Zusammenarbeit zu starten. Sony/ATV, die die US-Rocker One Republic und die deutschen Elektro-Heroen Kraftwerk zu ihren Künstlern zählen, schloss einen sogenannten Autorenexklusivvertrag mit Poppensieker als Songschreiberin und Komponistin ab. Ein Geben und Nehmen. Einerseits schenkt die Firma einem unbekannteren Talent ihr Vertrauen. Andererseits bindet sich die Urheberin exklusiv an den Verlag.

"Ich bin 100-prozentig überzeugt, dass Sophia ein Ausnahmetalent ist, was Songwriting angeht. Sie hat eine ganz eigene Handschrift entwickelt. Und das schon in ganz jungen Jahren", sagt Pizon. Langfristig ist daher geplant, dass Poppensieker auch Songs für andere Künstler schreiben soll. "Momentan liegt der Fokus aber ganz klar auf der Band, das müssen wir erst einmal alle auf die Kette kriegen", sagt der Musikverleger. Er will dafür sorgen, dass die Songs von Tonbandgerät möglichst vielfältig zu Gehör gebracht werden - und nicht "nur" auf dem Debütalbum, das im Frühjahr 2013 erscheinen soll.

Als Artist-and-Repertoire-Manager, kurz A&R, unterstützt Pizon Tonbandgerät auf der kreativen Ebene. Gemeinsam mit dem Sony/ATV-Team versucht er, die Musik in Film, Werbung und im Internet unterzubringen - allerdings nur, so weit es dem Selbstverständnis der Band entspricht. Wenn es gewünscht ist, spricht er mit Poppensieker über ihre Texte, jedoch ohne Attitüden wie "Ich hör den Hit noch nicht!" Mitunter kümmert sich Pizon aber auch schon mal um neue Instrumente.

Früher habe es das - nicht ganz ungerechtfertigte - Vorurteil gegeben, dass die Musikverleger einen Vorschuss zahlen und dann einfach abwarten, ob ein Act erfolgreich wird. Heute gestalte sich das Berufsbild wesentlich komplexer, erläutert Pizon.

Viele junge Leute in der Branche seien so wie er früher selbst Songschreiber gewesen, oder sie kämen zum Beispiel von der Popakademie in Mannheim. "Ich habe aus den Fehlern, die an mir begangen wurden, gelernt und glaube zu wissen, wie man es nicht machen sollte", sagt Pizon. In den 90er-Jahren, der Goldenen Ära der Industrie, seien Bands oft sehr schnell unter Vertrag genommen worden. Ohne große Betreuung. Mittlerweile habe jedoch ein Paradigmenwechsel stattgefunden. "Weg von der Quantität, hin zur Qualität."

Tonbandgerät live: 8.3.2013, Uebel & Gefährlich; Bandwebsite: www.musikvomband.de

Alle bisherigen Teile der Abendblatt-Serie zu Tonbandgerät unter www.abendblatt.de/tonbandgeraet