50. Todestag

Hermann Hesse - Ein deutscher Weltklassiker

Vor 50 Jahren starb Hermann Hesse, der ewige Lieblingsautor aller Eigenbrötler. Noch immer ist Hesse ein Dauerbrenner.

Hamburg. Hermann Hesse ist ein deutscher Literatur-Superstar. Wahrscheinlich der Einzige: Seine Gesamtauflage beläuft sich auf 100 Millionen verkaufte Bücher. Hesse, der am 9. August vor 50 Jahren starb, ist ein Dauerbrenner, dessen Bücher interessanterweise eine widersprüchliche Aura umgibt: Zum einen wirken sie zeitlos, weil sie, obwohl 80, 90 oder 100 Jahre alt, immer noch und immer wieder Leser finden, zumal unter den Jungen. Zum anderen scheinen sie, wenn man sie, selbst älter geworden, in die Hand nimmt, wie von feinem Staub überzogen. "Siddhartha", "Der Steppenwolf", "Demian" - das hat man in der Pubertät gelesen oder knapp danach.

Aber jetzt, Jahre und Jahrzehnte später, wo man seinen Platz im Leben mehr oder weniger gefunden hat? Sind Hesses große Romane über Selbstfindung, Individualität und Spiritualität Nachrichten aus einem vergangenen Zeitalter, Äonen von Jahren her. Sie berichten von Zuständen, die man hinter sich gelassen hat. Ja, es ist sogar so, dass sich frühere begeisterte Hesse-Leser heute manchmal ihrer einstigen Leidenschaft schämen. Was Blödsinn ist: Der Literaturnobelpreisträger von 1946 mag zwar Schöpfer eines Werkes sein, das insbesondere junge Leser fasziniert. Seine literarische Kraft verliert es aber bei eingehender Betrachtung keineswegs: Warum im Hesse-Jahr nicht noch einmal zu "Narziß und Goldmund" oder zum "Glasperlenspiel" greifen? Denn die Krisen und Hoffnungen, die Untergänge und Auferstehungen von Hesses Helden sind doch immer noch beispielhaft für uns alle.

Es war das eigene Leben mit seinen Einschränkungen und Entgrenzungen, seinen Möglichkeiten und Zumutungen, das Hermann Hesse in den Romanen erkundete. Geboren wurde Hesse am 2. Juli 1877 im schwäbischen Calw. Er litt unter der streng pietistischen Erziehung der frommen Eltern, die seine Kreativität unterdrückte und einen rebellischen Behauptungswillen herausforderte. Hesse war ein Schulversager, der in Internate und Besserungsanstalten gesteckt wurde: Es ist eine, von heute aus betrachtet, fremde Welt, in der erbarmungslose Pauker ihre Eleven triezen, bis sie an den Anforderungen zerbrechen. Dem deutschsprachigen Schulroman verhalfen die pädagogischen Hardliner zu seiner Blüte: Hesses "Unterm Rad" gehört, neben Musils "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß", zu den großen Romanen vom Anfang des 20. Jahrhunderts.

Dass schon der junge Hesse ein Einzelgänger war, war der familiären Enge und der Gefühlsstrenge der Eltern geschuldet. Was nicht heißt, dass er nicht um die Anerkennung gerade der Mutter gekämpft hätte: Nach seiner frühen Selbstausrufung zum Dichter (mit 15!) schickte er seiner Mutter immer wieder die Ergebnisse seines künstlerischen Schaffens. Hesse schuf sich in der Literatur eine eigene Welt, er wurde selbst zum Schöpfer. Und er zahlte einen Preis dafür, den unter den Schreibern (und Lesern) viele entrichten müssen: Hesse suchte das Alleinsein, er war reizbar, neurotisch und jemand, "der andere Menschen - sogar die eigenen Ehefrauen - immer nur in gehöriger Distanz zu ertragen vermag", wie Gunnar Decker in seiner anschaulichen Biografie schreibt ("Hesse. Der Wanderer und sein Schatten", Hanser-Verlag).

+++ Hesse für Einsteiger +++

+++ Hesse für Romantiker +++

+++ Hesse für Individualisten+++

Zum populären Autor wurde er mit seinem "Peter Camenzind" (1904), der ersten Etappe auf dem großen Selbsterfindungstrip des Hermann Hesse. Man ist heute geneigt, gerade die fernöstlichen ("Siddhartha", 1922) und anderweitig spirituellen ("Narziß und Goldmund", 1930) Dichtungen Hesses unter erheblichen Kitschverdacht zu stellen, und es ist tatsächlich so, dass Hesses beste Figur der eher realistische und moderne Mensch Harry Haller ist. Der Held des "Steppenwolf" also, Hesses erfolgreichsten Buchs aus dem Jahr 1927. Dieser Haller, auch er ist eine literarische Spiegelfigur Hesses, ist uns Heutigen ähnlich in seiner Zerrissenheit: Heute würde zwar niemand mehr so eindringlich wie Hermann Hesse nach der Seele des Menschen fragen, die in der sich immer schneller drehenden Welt der Rationalitätszwänge bedroht ist. Aber unter dem Konformitätsdruck der Gesellschaft kann man auch heute noch leiden.

Hesses Werk steht unter einer Grundspannung zwischen bürgerlicher Anpassung und Ausbruchssehnsüchten. Den Hippies gefiel das sehr: Die Flower-Power-Generation entdeckte den Erlösung im Rausch suchenden Autor Hesse und machte ihn auch in Amerika zum viel gelesenen Autor - posthum. "Am besten verstehen mich wohl die Japaner und am wenigsten die Amerikaner", hatte der späte Hesse noch gesagt: ein Irrtum. Das superkapitalistische Amerika war trotzdem nicht sein Ort, Hesse lebte die letzten vier Jahrzehnte seines Lebens im Tessin, auch vorher war stets die Provinz sein Zuhause. Unumstritten war Hesse nie: Seit 1923 war er Schweizer Staatsbürger, und die Deutschen nahmen ihm seine pazifistische und antinationale Haltung übel.

Nur ganz kurz ließ sich Hesse bei Beginn des Ersten Weltkriegs vom Ungeist des Chauvinismus mitreißen. So war er nach 1945 das Paradebeispiel des guten Deutschen, eine moralische Autorität aber keinesfalls. Hesse wurde wie viele Emigranten wegen seines Platznehmens auf den vermeintlichen Logenplätzen des Auslands gescholten - man nannte ihn den "Leckerlifresser aus der Schweiz".

Auch in den 60er-Jahren spottete man in literarischer Hinsicht milde über den preisgekrönten Großschriftsteller. Der "naive Naturschwärmer" (auch das eine ätzende Herabsetzung) wurde nicht ernst genommen. Verwundert reagierten die Deutschen, als Erzähler wie Henry Miller ihrer Bewunderung für Hesse Ausdruck gaben. Der Meisterkritiker Joachim Kaiser habe, erzählt Gunnar Decker in seiner Hesse-Biografie, Millers Faible für den großen Lebenssinnsucher als Zeichen offenbarer Senilität genommen und in Hamburg schadenfroh darüber getratscht - "alle grinsten über den alten Miller". Dabei hatte der in den bewegten 60er-Jahren, als der Eiserne Vorhang die Welt teilte, vielleicht einfach nur etwas Naheliegendes getan. Wer damals "Siddhartha" las, der begab sich in die Sphäre des komplett Unpolitischen, Unideologischen und auf die Suche nach innerer Einkehr und äußerer Harmonie mit allen Dingen und Menschen.

Das war nicht verkehrt damals, und heute ist es das bestimmt auch nicht. Die Sprache Hesses ist eher konventionell, aber um literarische Noblesse ging es ihm ja auch nie. Auch in Hamburger Klassenzimmern und Studentenbuden ist Hesses Werk verschlungen, analysiert und bewundert worden. Und für den der Romantik verpflichteten Schriftsteller Hesse kann man heute immer noch schwärmen, besonders wenn man seinen Weg noch sucht oder in der eigenen Biografie an einer Weggabelung steht.

Der zeitweiligen Hesse-Vergessenheit und mancher Übertreibungen in der Verehrung dieses Meisters zum Trotz: Er ist ein Autor jenseits aller Moden. Ein deutscher Klassiker.