Frei von Mythen: Die Bassgitarre

Im Schatten der sechs Saiten

Seit fast 60 Jahren kommt kein Pop-Hit ohne Bass aus. Trotzdem blieben das Instrument und seine Spieler frei von Mythen und Verklärungen.

„Warum werden Bassisten seit 60 Jahren unterdrückt? Weil es sich bewährt hat.“ Nur einer von zahlreichen kursierenden Bassisten-Witzen, der aber nicht weit von der Wahrheit entfernt ist.

Wer sich der Kulturgeschichte der elektrischen Gitarre widmen will, der weiß gar nicht, wo er anfangen soll. Jimi Hendrix, Eric Clapton, Jimmy Page oder Slash sind jedem ein Begriff, der sich auch nur am Rande für Rockmusik interessiert. Sie waren und sind Pop-Götter, die aus ihren Gibson Les Pauls und Fender Stratocasters Blitze schossen, Emotionen weckten und den reichen Anekdotenschatz des Rock’n’Rolls dominierten. Superstars an sechs Saiten.

Dabei wäre der Rock’n’Roll nichts ohne Bass. 1951 lag Rockmusik noch in der Kinderwiege, als US-Gitarrenfabrikant Leo Fender seinen zweiten Geniestreich präsentierte. Der erste war im Vorjahr die Fender Broadcaster (später Telecaster) gewesen, die erste in Massenfertigung hergestellte E-Gitarre, welche die Popmusik bis heute entscheidend prägen sollte.

Überzeugt davon, dass sich Musiker mit althergebrachten – und sperrigen – Kontrabässen nicht mehr gegen elektrisch verstärkte Gitarren würden durchsetzen können, entwarf Fender auf Basis der Broadcaster den Fender Precision Bass, eine handliche Massivholz-Gitarre ohne Resonanzkörper, aber mit vier dicken Saiten, Bünden, längerem Hals und Tonabnehmer. Durch Einsparungen am Korpus („Cutaways“) waren auch hohe Tonlagen bequem mit der Greifhand zu erreichen. Für Bassisten eine Revolution des Spielkomforts, des Klangs und des Designs.

Der markante Entwurf wurde nicht nur Vorbild für die 1954 vorgestellte Fender Stratocaster, sondern erfreut sich bis heute als Designklassiker großer Beliebtheit, von Steve Harris (Iron Maiden) bis Mike Dirnt (Green Day).

Seit 1951 begleitete tiefes Grollen, Wummern und Plunkern so ziemlich jeden Rock-, Pop-, Funk- und Jazz-Hit, dennoch blieben Bassisten meistens als Bindeglied zwischen Schlagzeug und Gitarre im Schatten des Ruhms der Herren und Damen am Mikro und an den sechs dünnen Saiten. Belächelt wurden sie für ihren Status und für die Tatsache, dass ihre Instrumente und Verstärker stets schwerer und teurer sind – Angebot und Nachfrage.

Bassisten wie Sting, Paul McCartney oder Motörhead-Lemmy sind nur drei Beispiele für Viersaiter mit besonders prägnantem Sound, bekannt wurden sie aber vor allem als Sänger. Andererseits ist nicht jedem bewusst, dass Geezer Butler (Black Sabbath) auch die Texte für die Metalpioniere schrieb oder John Paul Jones (Led Zeppelin, das Urbild des stillen Bassisten im Hintergrund ) auch als Arrangeur und Organist brillierte. Große Virtuosen wie Pino Palladino, Allen Woody, Andy Fraser, Jaco Pastorious oder Ryan Martinie - Fälle für die Fachzeitschriften.

Nur selten tauchen Bassisten gleichberechtigt im öffentlichen Interesse auf. Einer der ersten war Jack Bruce, der in den 60ern zusammen mit Eric Clapton an der Gitarre und Ginger Baker am Schlagzeug Cream gründete und damit zu den einflussreichsten Rockbassisten überhaupt wurde. Oder Flea, das irre Bühnentier der Red Hot Chili Peppers. Große Künstler ihrer Zunft, aber fern von jeglichem Mythos eines Hendrix oder Page.

Nur innerhalb von Fankreisen genießen die Bassisten an Verklärung grenzende Verehrung. Ein Beispiel ist Cliff Burton, der erste Bassist von Metallica, der Metal-Klassiker wie „For Whom The Bell Tolls“ oder „Orion“ mit grandiosen Soli schmückte, aber 1986 bei einem Tourbus-Unfall viel zu früh verstarb.

Warum die Künstler der vier Saiten (es gib auch Fünf-, Sechs-, und Siebensaiter für noch mehr Dampf) im Schatten stehen, weiß der Himmel, vor allem beim Hören dieser zehn willkürlich ausgewählten Songs, die ohne Bass einfach nicht wirken würden:

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