Literatur

Süßes Nichtstun - Geh mir aus der Sonne!

Unser Recht auf Faulheit: Die kleine Kulturgeschichte des Nichtstuns. Ein Leitfaden für ambitionierte Müßiggänger, nicht nur für die Ferienzeit.

Hamburg. Vor den Erfolg, so sagt es der Volksmund, haben die Götter den Schweiß gestellt. Aber mit dem Schwitzen fürs höhere Ziel ist das so eine Sache, wenn die niedrigere Daseinsform des Entspannens (neudeutsch: des Chillens und Abhängens) doch viel angenehmer ist. Die Lizenz zum Faulsein haben Sommerfrischler und Urlauber, und deshalb sind die Ferien die schönste Zeit des Jahres. Weil man nur jetzt ganz ohne schlechtes Gewissen einfach einmal nichts tun kann.

Wahrscheinlich ist übrigens das genau das Problem: In unserer schnellgetakteten Arbeitswelt, in der Zeit Geld ist und jeder immer irgendetwas machen muss, ist dieses Nichtstun verpönt. Ein Blick in die Literatur zeigt aber: Die Faulheit ist ein hohes Gut.

+++ Faule Fakten +++

Und die Sache mit dem Nichtstun ist übrigens paradox: Man kann nicht nichts tun, oder? Das Cocktailschlürfen am Pool und das Sonnen am Strand sind, nun ja, auch Dinge, die den Namen "Handlung" verdienen. Nur dass sie die Kräfte der Handelnden alles andere als überstrapazieren, ganz eindeutig dem Lustprinzip folgen und keine Widerstände hervorrufen. Der im Eiscafé (oder vor dem Fernseher) sitzende Mensch, der nicht in irgendwelche Arbeitszusammenhänge eingebunden ist, ist das Gegenbild des aktiven Zeitgenossen, des tätigen Geistes - und damit gleichzeitig ein Wunschbild.

Was riefe größere Sehnsucht in unseren Büros, Schul- und Universitätsräumen, Fabrikhallen und Werkstätten hervor als die Vorstellung von Orten, an denen niemand mehr arbeiten muss?

Die Menschen haben sich diesen mythischen Ort schon immer in den schönsten Farben ausgemalt: Mal hieß er Arkadien, mal Paradies und mal Schlaraffenland. Das Goldene Zeitalter, das Land, in dem Milch und Honig fließen - an den Begriffen für die Vollendung von Genuss und Müßiggang herrscht kein Mangel. Für manch einen ist das sehr reelle Paradies der Ballermann auf Mallorca, und ob nun in der Wirklichkeit oder der Geistesgeschichte: Hauptsache, der Mensch muss keinen Finger krümmen. Man könnte auch sagen: Faulheit, dein Name ist Mensch.

Gut, die notorisch Fleißigen, die Arbeitssüchtigen und Karrieristen erheben jetzt ihre Stimme: "Ist gar nicht so!" Hören wir ihnen nicht zu, das führt zu nichts außer schlechtem Gewissen. Denn Tatendrang hat in der westlichen Gesellschaft einen viel besseren Ruf als Lethargie. Das Faulsein ist eine schwierige Angelegenheit, sagt der Geisteswissenschaftler Manfred Koch. Er hat ein kluges Essay über das populäre Thema geschrieben ("Faulheit. Eine schwierige Disziplin", Zu Klampen Verlag), das uns kaum je einen Gedanken wert ist: Faul ist halt jeder mal.

Dass sich theoretische Gedanken über das bewusste oder unbewusste Aushebeln des Leistungsprinzips durchaus lohnen, zeigt Koch mit seiner kleinen Kulturgeschichte der Faulheit. Diese beginnt, natürlich, mit dem griechischen Philosophen Diogenes. Der lebte in seiner berühmten Tonne, inszenierte sein Dasein als anspruchsloser Faulenzer und ließ sich auch vom Eroberer Alexander nicht aus der Ruhe bringen: "Geh mir aus der Sonne!"

Über die Träume, Utopien und Illusionen der Faulheit lassen sich viele Buchregalmeter füllen: Da ist allein schon die große Menge von Schlaraffia-Texten, die in vielen Kulturkreisen entstanden sind. Und dann die ganze philosophische Pracht, die sich vor dem Leser entfaltet: Kant, Nietzsche, Marx, Rousseau. Die Romane, deren Helden Parteigänger des süßen Nichtstuns sind: Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", Goethes "Wilhelms Meister", Manns "Der Zauberberg".

Und am wichtigsten, na klar, Iwan Gontscharows "Oblomow".

Der stinkend faulste aller Literaturhelden feiert im 200. Todesjahr seines Schöpfers derzeit eine Renaissance. Vera Bischitzkys Neuübersetzung (erscheint im Hanser-Verlag) lässt die gänzlich horizontale Existenz wieder in voller Schönheit erscheinen: Oblomow ist der Bett-Man, halb Mensch und halb Bett, ein russischer Großgrundbesitzer, der sein Leben verdämmert, ohne den Drang zu spüren, aktiv zu werden.

Das Gut verfällt, eine Liebesanbahnung beginnt und endet im lethargischen Nichts. In der Psychiatrie wird mit dem Terminus "Oblomow-Syndrom" gearbeitet, er bezeichnet körperliche Gesunde, die aus mentaler Schwäche das Bett nie verlassen.

Es ist zum Beispiel dieser medizinische Aspekt, der auch abseits der privilegierten Romanfiguren fragen lässt: Ist das eigentlich gesund, faul zu sein? Ist es leicht? Sigmund Freud erklärte den permanenten Unruhestand, in dem sich der Mensch befindet, mit seinen Triebgelüsten. Andererseits sprach der Wiener Forscher auch vom "Todestrieb" und der Sehnsucht nach dem Nicht-mehr-Sein, die auf gewisse Weise mit der Trägheit verwandt ist.

Buchautor Koch ist, wie die meisten unter uns, parteiisch: Wer will schon auf die Freizeit verzichten? Wobei zunächst festgehalten werden muss, dass Faulheit so oder so ihren Ausdruck finden kann: Sie kann pures Phlegma sein oder aber Müßiggang. Letzteres ist die Lieblingsübung der Dandys, Künstler und Bohemiens. Deren Faulheit ist eine schöpferische: Sei es, dass sie das Gesellschaftsleben in Gang halten oder Kulturgut schaffen.

Der fleißige Mensch wurde in der Moderne erfunden, und dass Arbeit nicht nur ein ideeller Lebensinhalt, sondern ein Wert an sich ist, das gilt seit der Industrialisierung. In der Logik der Arbeitswelt dient die Ruhe, also das Nicht-Arbeiten, lediglich dazu, den Akku aufzuladen: auf dass der Arbeitende, geistig und körperlich erquickt, wieder frisch ans Werk gehen kann. Heikle Sache! Klingt nämlich nicht nach der richtigen "Work-Life-Balance", um ein Modewort von Lebenshilfe-Ratgebern zu zitieren. Faul sein nicht um des Faulseins, sondern um der Instandsetzung für neue Höchstleistungen willen: Diese kapitalistische Denkweise ist ja nichts anderes als die Verlängerung des Leistungsdrucks in den Urlaub hinein.

Aber natürlich ist das Nichtstun umso süßer, wenn es auf die Arbeit, die Tat, die Prüfung, den Erfolg folgt: wenn es Belohnung ist. Wer, zumindest in unseren Breitengraden, immer nur in der Hängematte liegt, wer sich dabei nicht auf die Weisheit spiritueller Denker beruft, der wird früher oder später mindestens neurotisch. Jede Wette.

Manfred Koch zitiert in seiner gelungenen Zusammenschau der faulen Utopien, legendären Nichtstuer und tätigen Denker auch die programmatische Streitschrift Paul Lafargues. Sie heißt, beinah zu schön, um wahr zu sein, "Das Recht auf Faulheit" - und erschien 1883. Also in einer Zeit, in der die Fabrikenschlote rauchten und der Klassenkampf ausgefochten wurde. Lafargue war der Schwiegersohn von Karl Marx, er agitierte gegen die Arbeitswut seiner Zeitgenossen, gegen den Leistungswillen. Lafargue forderte eine "Faulheits-Diät", die sich in einem Arbeitspensum von drei Stunden pro Tag äußern sollte.

Wer würde bestreiten, dass die Art und Weise, wie wir heute Entspannung suchen, nicht manchmal auch zu forciert ist? Legionen von gestressten Großstädtern rennen zum Pilates oder Yoga und sind auch dabei ganz rational: Manche machen schon vor der Arbeit Yoga, um relaxt ins Büro zu kommen. Ein Widerspruch in sich, wir sprachen davon. Wellness und Wahn ist ohnehin eine Sache für sich (kann Meditation auf Knopfdruck abgerufen werden?), und das ritualisierte Entschleunigen will halt gelernt sein. Koch ist wie viele vor ihm ein Zivilisationskritiker, wenn er über die Faulheit schreibt. Dabei ist seine Abhandlung weder eine Ehrenrettung der Faulheit noch ein allzu feuriges Plädoyer für sie: Denn ihre Existenz ist unbestritten. Aber wir kämpfen damit, wie viel Faulheit wir uns erlauben können. Koch setzt, ganz im Sinne Lafargues, auf eine Faulheits-Diät, die auf experimentelle Lust und Selbstdisziplin baut. Bloß nicht zu wenig faul sein!

Es war kein Geringerer als Kant, der einst über "die drückende, ja ängstliche Beschwerlichkeit der langen Weile" räsonierte. Er stand um fünfe in der Früh auf, dachte und schrieb von früh bis spät. Er predigte ein striktes Arbeitsethos und begründete dies mit einer kuriosen Annahme: Kant nahm an, dass jedem Menschen nur eine bestimmte Menge an Schlaf zur Verfügung stand, die für ein Leben reichen musste.

Wäre dem so, hätte die Schlaflosigkeit uns schon ergriffen.