Hamburger Bandprojekt

Zwei deutsche EM-Gewinner dank der Gema

Die Fanfare in Oceanas Uefa-Song stammt vom Hamburger Duo Die Vögel. Geschrieben haben beide sie vor Jahren. Dank der Gema fließt jetzt Geld.

Hamburg. Er trägt Tweedjacket und Knickerbocker, diese wadenlangen Hosen, in denen der Comic-Held aus Tim und Struppi herumläuft. Auch Torwarte zogen sie gerne zu Spielen an, allerdings nur bis in die 20er-Jahre. Ist der Aufzug von Jakobus Siebels ein verstecktes Bekenntnis zum Ballsport, wenn auch ein altmodisches? Passen würde es, schließlich begegnet in diesen Wochen nahezu jeder Fußballfan seiner Musik. Die wissen es nur nicht.

Doch Die Vögel, so heißt seine Band, sind keine Sportfans. "Fußball und Autos, beides interessiert uns nicht", sagt Siebels über sich und seinen Partner Mense Reents. Das mag man schade finden, vor allem aber ist es kurios. Die Vögel haben den offiziellen Song zur Europameisterschaft geprägt, auch wenn sie es nicht darauf angelegt hatten. "Endless Summer" von der Sängerin Oceana. Das Lied, eine Eurodance-Nummer, läuft im Supermarkt ebenso wie im Radio, vor dem EM-Finale wird sie es im Stadion in Kiew singen. Die Kameras senden in rund 200 Länder. Hookline ist eine Fanfare, ein hübsches "Düttütdüdeldüdeltütüt".

Sie stammt von den Hamburgern Reents und Siebels, nachgespielt aus "Blaue Moschee", ihrem minimalistischen Technobeat mit Tuba und Trompete. Das war ein Hit im Jahr 2009, aber nur für eine kleine Szene. Gerade mal 3000 Vinylplatten wurden gepresst. Und nun Eurodance. Es ist eine Geschichte über Urheberrechte und überraschende Umwege in den Mainstream.

Es fing vor einem Jahr mit einer E-Mail des Produzenten von Oceana an. Der schrieb, es gehe um den offiziellen Uefa-Song, und bat um ein Treffen. "Wir haben erst gar nicht geantwortet", sagt Reents. "Irgendwie war es uns auch egal." Bis ihnen klar geworden sei, dass es bei dieser Anfrage nicht um ein gemeinsames Projekt ging, sondern um Musikrechte und ihren Preis. Da baten sie ihr Berliner Label, Pampa Records, sich das anzuschauen. "Um das Business kümmern sich besser Manager als Musiker", sagt Reents. Warum eine Kumpelbasis aufbauen, wenn es nur um Verwertung gehe?

+++ Kommentar: Deine Disco braucht dich +++

Die Verbindung zwischen den Vögeln und Oceana ist nun vor allem die Verwertungsgesellschaft Gema. Der Band gehören 30 Prozent der Komposition, die aber nur die Hälfte des EM-Hits ausmacht. Die andere Hälfte ist der Text ("Endless summer, oh, oh, oh, oh, yeh, yeh, yeh"). Wie viel man an Urheberrechten verdient, hängt auch von der Größe des Publikums ab. 90 Millionen Zuschauer weltweit sahen das Viertelfinale England gegen Italien, zum Finale dürften es noch mehr werden. Wie sehr Die Vögel profitieren, ist schwer vorauszusehen, doch einige Zehntausend Euro können es werden. Irgendwas zwischen 5000 und 50 000 Euro. Klarheit werden Abrechnungen bringen; die der Gema in einem Jahr, die aus anderen Ländern erst viel später.

Natürlich verfolgen beide, wie sich der Oceana-Song entwickelt. Auch die Zugriffe auf ihre Facebook-Seite sind gestiegen. Viele Leute hätten sie aber nicht auf den Song angesprochen. Es sei eben kein "Vögel-Stück", sondern weit weg. "Aber verrückt ist die Sache schon", sagt Reents.

Ihren Hit "Blaue Moschee" nahmen sie - inspiriert von einer Reise nach Istanbul - auf. Damals hatte der Golden Pudel Club aus Hamburg gefragt, ob sie sich etwas Neues für die Sommerparty ausdenken könnten. Dort also spielten die Vögel ihren Techno mit Bläsern und Hawaiigitarre. Zwei Tage im Studio, das Konzept funktionierte. Siebels, der zu Hause auch mal Richard Wagner spielt, bläst die Tuba. Reents holte eine Trompete aus dem Keller. "Blaue Moschee" schlug ein.

Die Vögel sind erfahrene Musiker, aber so etwas wie mit dem EM-Song haben sie noch nie erlebt. Reents bekam früher schon Anfragen, seine Beats für Werbespots freizugeben, aber er lehnte ab. Er war mit dem Technoprojekt Egoexpress erfolgreich und spielt auch bei den Goldenen Zitronen. Siebels bei JaKönigJa. Es sind allesamt eigenwillige Projekte. Beide leben von Musik, von Auftritten, weniger von Verkäufen. Der Geldsegen wird beiden etwas Freiheit bringen, gewissermaßen ist der Kommerzhit eine Quersubventionierung für ihre Kunst. Siebels etwa tourt nahezu jedes Wochenende, erholt sich dann ein oder zwei Tage, ehe er wieder das Wochenende vorbereitet. "Da bleibt wenig Zeit, konzentriert an Projekten zu arbeiten." Das könnte sich nun ändern.

Eigentlich nehmen sie es mit Urheberrechten ihrer Stücke nicht so genau, elektronische Musik lebt schließlich auch vom Sampeln. "Blaue Moschee" ist so schlicht gehalten, dass es nach Remixen ruft. Davon gibt es viele im Internet, inoffizielle, über die sich Die Vögel freuen. "Schluss ist aber, wenn jemand richtig Geld damit verdienen will."

Aber Reents und Siebels sind durchaus froh, dass ihnen kaum jemand die Fanfare des EM-Hits zuordnet. "So müssen wir unseren Underground-Arsch nicht dafür hinhalten, was im Mainstream verbrochen wird", sagt Siebels. Es klingt nicht böse, eher belustigt, wenn er das sagt. Würden die beiden nun Oceana, die Sängerin treffen, würden sie vor allem von ihr wissen wollen, wie sie den "ganzen Zirkus" überstehe, sagen sie. Sie seien keine "Feinde des Mainstreams", sagt Reents. Mit Stella, auch eine seiner Bands, war er in den 90er-Jahren auch in den Charts. Darauf hatte er es auch angelegt. Dass Teile seiner Musik nun ganz oben in der Hitparade stehen, sei allerdings ein Umweg, den er nicht erwartet habe.

Jakobus Siebels zieht an seiner Pfeife. Seine Hose mag längst aus der Mode sein, aber wer weiß? Vielleicht setzt er bereits den nächsten Trend. Wenn bei der Weltmeisterschaft 2014 die Torwarte wieder in Knickerbocker auflaufen, dann dürfte klar sein, wem sie es nachgemacht haben.