Kino

Juliette Binoche: "Ruhm hat mich nicht interessiert"

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Heinrich Oehmsen

Foto: dpa / dpa/DPA

Ein Porträt der französischen Schauspielerin Juliette Binoche, deren neuer Film "Die Liebesfälscher" am Donnerstag in den Kinos anläuft.

Hamburg. Nach Hollywood hat es sie nie gezogen. Dabei spricht Juliette Binoche perfektes Englisch. Ohne französischen Akzent. "Der mögliche Ruhm hat mich nicht interessiert. Dass manche Filme, die ich gemacht habe, dennoch populär wurden, war für mich eher ein Nebeneffekt", sagt sie mit sanftem Lächeln. Ihre dunklen Haare sind ein wenig zerzaust, beim Interview in einem Berliner Hotel trägt sie ein sportliches Jerseyhemd, Jeans und High Heels mit so spitzem Absatz, dass sie dafür eigentlich einen Waffenschein benötigt.

Glamour strahlt die 47 Jahre alte Actrice nicht aus, ihre Aura ist eher eine Mischung aus Schönheit und Natürlichkeit. Man kann sie sich in ihrem Outfit - bis auf die Stilettos vielleicht - genauso gut in ihrer Küche vorstellen, wenn sie das Essen für ihre beiden Kinder zubereitet.

Juliette Binoche hat mit vielen der großen europäischen Regisseure gearbeitet: mit ihren Landsleuten Jean-Luc Godard, Leos Carax, Louis Malle und André Téchiné, mit Michael Haneke, Mike Figgis und Krysztof Kieslowski. Nach Berlin ist sie zur Premiere ihres aktuellen Films "Die Liebesfälscher" gekommen, den sie mit dem iranischen Filmemacher Abbas Kiarostami gedreht hat. Der in der Toskana spielende Liebesfilm ist die erste Arbeit von Kiarostami außerhalb seiner Heimat und mit professionellen Schauspielern. "Kiarostami glaubt nicht an gespielte Emotionen von Schauspielern. Für ihn sind das Täuschungen. Der Schmerz ist nicht echt, weil man ihn nach jeder Szene wieder ablegen kann. Aber das stimmt natürlich nicht. Als Schauspielerin dringt man für diese Gefühle in die dunklen Orte der eigenen Persönlichkeit vor", sagt sie.

Ihr nuanciertes Spiel in so unterschiedlichen Filmen wie den Literatur-Adaptionen von "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" und "Der englische Patient", der romantischen Komödie "Chocolat" oder in Michael Hanekes verstörendem Bedrohungsszenario "Caché" hat die in Paris geborene Binoche zu einer der herausragenden Schauspielerinnen ihrer Generation werden lassen. Regisseure reißen sich um sie, aber sie sucht sich ihre Rollen sehr sorgfältig aus. Steven Spielberg hat sie zweimal einen Korb gegeben. Auch das Angebot, in "Mission Impossible" mitzumachen, schlug sie aus, weil ihr die Rolle einer hinterhältigen Geheimagentin zu stereotyp vorkam. "Es ist wichtig, sich einen Regisseur auszusuchen, zu dem man eine kreative Verbindung hat und der es einem ermöglicht, die eigene Kunst zu entfalten", sagt sie und bekommt kurz einen ernsten Gesichtsausdruck. "Ich bin genauso Schöpferin eines Films wie der Regisseur."

An Kiarostami schätzt Binoche seine Ruhe, seine Art zu schweigen und die Spiritualität seiner Filme. Bereits 2008 hat sie in seinem "Shirin" mitgewirkt, zu "Die Liebesfälscher" hat Binoche ihn überredet. Sie war fasziniert von einer Begegnung zwischen einem Mann und einer Frau mit vielen unvorhergesehenen Wendungen, die Kiarostami ihr bei einem Treffen in Teheran erzählt hat. Im Film spielt sie eine Kunstkennerin, die mit einem britischen Autor (gespielt vom englischen Bariton William Shimell) einen Ausflug in die Toskana macht. Im Laufe des Trips stellt sich heraus, dass beide sich seit Jahren kennen. Oder das zumindest vorgeben. "Die Geschichte hat mich gepackt, weil nicht klar ist, wo die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verlaufen. Außerdem ist die Rolle fantastisch, weil die Filmfigur in viele verschiedene emotionale Bereiche vordringt."

Für ihre Rolle mit den vielen Gefühlswendungen wurde Binoche im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Noch mehr Eindruck machten ihre Tränen und ihr Engagement für den inhaftierten iranischen Filmregisseur Jafar Panahi, der sich im Hungerstreik befand. Denn auch das ist eine weitere Facette dieser so fröhlichen und optimistischen Künstlerin: Juliette Binoche mischt sich in soziale und politische Fragen ein. Das geht bis zu offener Kritik an Staatspräsident Sarkozy. Dessen Regierungsstil nannte sie "monarchistisch". Auch für Sarkozy selbst fand sie eine wenig schmeichelhafte Bezeichnung: der "neue Napoleon".