"In Bed with Patti"

Eine Bettgeschichte mit Patti Smith

Foto: WTC Hamburg & Feature Inc. New Y

Die Galerie White Trash Contemporary zeigt erstmals in Deutschland Fotografien, die Judy Linn von Punk-Ikone Patti Smith gemacht hat.

Hamburg. "In Bed with Patti" - eine Bettgeschichte ist es also, die uns die Ausstellung verspricht, und so ganz stimmt das nicht: Es sind ungewöhnlich persönliche Bilder, die man hier sieht, die Schau in der Galerie White Trash Contemporary lässt an Schlüpfrigkeit und Schlüssellochguckerei wohltuend zu wünschen übrig.

"In Bed with Patti" ist ein fotografisches Journal intime allenfalls auf einer subtilen Ebene. So nah und so schön in der bohemienhaften Armeleute-Grandezza ihrer frühen Jahre hat man Patti Smith, die Muse und Amazone des New Yorker Punk, noch nicht gesehen. Und das, obwohl sie sich spätestens seit der Veröffentlichung ihrer Autobiografie "Just Kids" im vergangenen Jahr auf dem Weg zum Olymp des Pop befindet. Darin waren bereits einige der Fotos abgedruckt, die ihre Jugendfreundin Judy Linn damals von ihr machte und die nun erstmals in Hamburg zu sehen sind. Aber dass das Material, ausschließlich Schwarz-Weiß-Aufnahmen, locker für einen eigenen Bildband reichen würde, für Ausstellungen - das wussten allenfalls Insider.

Denn Patti Smith hielt die Bilder lange zurück, zumindest sträubte sie sich gegen eine Buchveröffentlichung. Wie Judy Linn sagt, der Kinder wegen, solange sie klein waren. "Patti wollte nicht, dass deren Kameraden sie so sehen. Das hätte ihre Kinder womöglich in Verlegenheit gebracht." Denn so viel Vertraulichkeit war schnell hergestellt zwischen Judy Linn und Patti Smith, dass Letztere sich ohne Zögern auch mal Pullover und T-Shirt abstreifte und auch die Jeans auszog, wenn die Freundin in der kleinen Wohnung an der Hall Street 160 in Brooklyn vorbeischaute. Und ihre Kamera auf die exzentrische, schmale, nur von Gedichten, Romanen und Kunstwollen erfüllte Patti Smith richtete. "Patti wusste schon früh und besser als ich, was ein Foto interessant macht", sagt Judy Linn mit einem kaum merklichen Lächeln.

Kennengelernt hatten sich die beiden 1968, weil ihre damaligen Freunde miteinander befreundet waren. "Als ich das erste Mal in die Wohnung kam, stand Patti am Herd, kochte Spaghetti und würdigte mich kaum eines Blickes", erinnert sich Judy Linn. Die Liaison mit ihrem Boyfriend ging bald in die Brüche, Patti Smith und Robert Mapplethorpe hielten es bekanntlich länger miteinander aus - und Judy Linn wurde beiden zur Freundin. Sie fotografierte das Künstlerliebespaar in seinen wechselnden Behausungen, die immer auch Atelier und Dichterstübchen waren, in Brooklyn, im Chelsea Hotel, in der 23rd Street, zuletzt in der McDougal Street in Greenwich Village. Als Fotografin und Modell lebten die beiden Frauen ihre literarischen, filmischen und ikonografischen Fantasien aus. Die zwischen 1969 und 1975 entstandenen Porträts zeigen eine erregende Vielzahl von Gesichtern, Identitäten und Images der Patti Smith, Jahre vor ihrem Ruhm, der mit der Veröffentlichung der LP "Horses" 1975 begann. "In der Anfangszeit war ich ihr Publikum, später brauchte sie mich nicht mehr", sagt die Fotografin ohne Bitterkeit. Sie meint sogar an den Bildern selbst festmachen zu können, wann das Verhältnis kippte, wann aus den beiden Freundinnen zwei Frauen wurden, von denen die eine immer intensiver als dunkle Sonne des New Wave zu strahlen begann, während die andere immer mehr an Leuchtkraft verlor.

Als Judy Linn durch die Ausstellung geht und nach der Datierung der Bilder gefragt wird, zuckt die freundliche kleine Frau in dem dunkelblauen Kleid die Schultern: "Ich war immer schlecht mit Jahreszahlen", sagt sie entschuldigend. "Ich bin ein ziemlich unordentlicher Mensch." Aber an die Räume erinnert sie sich genau, auch daran, wie beeindruckt sie war, dass Patti ein Foto von James Joyce aus der Zeitung ausschnitt und fein säuberlich ans Fenster klebte, mitten auf die Scheibe.

Ein wundervoll sprechendes Porträt gelang ihr in der Wohnung in der 23rd Street. Patti Smith sitzt auf einem weißen Korbstuhl, die Dielen darunter zernagt und fleckig, und hält einen Zeitschriftenausriss vom Kopf Bob Dylans vors Gesicht. Links neben ihr eine gewachste Packpapiertüte, aus der die Wäsche quillt. So hat sie gelebt: von der Hand in den Mund, aber cool, in dünnem Leder, den Kopf voller Pläne und immer nah an ihren Sternen.

War Judy Linn in Patti Smith verliebt, wenigstens ein bisschen, oder hatten sie am Ende sogar doch was miteinander, das den Ausstellungstitel rechtfertigen würde? Auf manchen Fotos sieht die harsche Poetin und zukünftige Performerin mit den strähnigen Haaren so bezaubernd offen und flirtend, ja, so süß in die Kamera, wie eine Frau nur dann schaut, wenn sie verliebt ist. "Wir haben vielleicht ein bisschen so getan", sagt Judy Linn.

Zu ihrem Hamburger Galeristen reiste die Fotografin, die heute am renommierten Vassar College in New York Kunst unterrichtet, mit derselben Leica, mit der sie vor über 40 Jahren Patti Smith zu fotografieren begann. "Das Objektiv ist neu, aber es verträgt sich leider nicht so gut mit dem alten Gehäuse", seufzt sie, um dann das übliche Loblied der Fotografen alter Schule auf ihr Kultgerät, die Leica, anzustimmen: "Eine Maschine! Keinerlei Elektronik, eine Maschine!"

Richtig im Bett sieht der Ausstellungsbesucher Patti Smith exakt einmal, rechnet man die Bilder mit Robert Mapplethorpe ab, der - abgewandt von seiner ihm langsam fern rückenden Geliebten - telefoniert, vielleicht mit einem Geliebten. Auch da thront Patti vollständig bekleidet auf dem Bett.

Aber was ist das für ein Bett! Eine Auszieh-Couch mit zerschlissenen Polstern, die Rückenlehne belegt mit Stoffen, Kleidern, Decken. Patti guckt grimmig, fast sauer, ihre langen Arme fließen aufs Laken wie dünne Flüsse. Im Hintergrund ein Künstlerdurcheinander schönster Art, vor der Wand mit den Heizungsrohren liegt noch jemand auf einer Pritsche, wohl ein Besucher. Auf der Lehne der Bettcouch griffbereit eine Kneifzange. "Wir standen auf Werkzeuge", sagt Judy Linn. Ein anderes Bild zeigt Patti Smith in Slip und BH, sie lehnt sich gegen eine Zwischenwand. An drei Haken neben der Tür hängen ein Schuh, eine Fuchsschwanz-Säge, ein Kimono. Sehr arty, sehr improvisiert. Und unwiederholbar jung.

In Bed With Patti 12.00- 20.00, White Trash Contemporary, Neue Burg 20 (Rathausmarkt/Eingang Willy-Brandt-Straße), Mi-Fr 13.00-19.00, Sa 12.00-16.00, bis 15.10.

Bildband: "Patti Smith 1969-1975", Knesebeck