Tod in London

Amy Winehouse, die Königin der Nacht

Amy Winehouse machte keinen Unterschied zwischen Leben und Kunst. Daran ging die Sängerin zugrunde. Zum Tode einer Ausnahmekünstlerin.

Hamburg. Sie wird enden wie viele vor ihr, schrieb der User auf dem Clip-Portal YouTube, "die besten sterben jung. Nur schade, dass sie sich selbst kaputtgemacht hat". Vor einem Monat war das; nach einem bizarren Auftritt der britischen Soul-Sängerin Amy Winehouse in Serbien. Es sollte eine Comeback-Tournee werden. Von einer, die mit Anfang 20 bereits Musikgeschichte geschrieben hatte. Von einer, die jetzt tot ist.

Amy Jade Winehouse, geboren am 14. September 1983 in London, war ein Weltstar. Sie war eine gewaltige Erscheinung, wenn sie ihrer Kunst nachging, und eine derangierte Diva, die schon früh von der großen Drift erfasst wurde. Die Drift zog sie aus der ruhigen Bahn von Talent und Fleiß hinaus in die Sphären des Exzesses und der selbstzerstörerischen Ausschweifung. Ein Ort der Unruhe und des Skandals, der von sensationsheischenden Journalisten eingefangen wurde, unerbittlich. Und wenn die Paparazzi nicht zur Stelle waren, dann sprangen die Fans ein wie die in Serbien. Die letzten Konzertaufnahmen der Winehouse sind mit der Handykamera aufgenommen, sie zeigen eine besoffene und lustlose Sängerin. Eine zierliche Frau mit majestätischer Frisur, die über die Bühne schwankt und ihre Hits eher lallt als dass sie sie singt.

Man muss sagen: Das könnte als Metapher für ihr ganzes Leben herhalten. Die Sängerin Amy Winehouse, die 27 Jahre alt war und am Sonnabendnachmittag in ihrer Wohnung im Londoner Stadtteil Camden tot aufgefunden wurde, schwankte und stolperte, wo andere auf sicherem Grund gingen.

Sie nahm zwei Alben auf ("Frank", 2003, "Back To Black", 2006) und sang auf ihnen betörend, verletzt, schmeichelnd und düster, sie sang mit einer Stimme, die kunstvoll krächzte und klang, als würde sie eine glatte, edle Fläche mit kratzendem Papier aufrauen. Sie war eine Sängerin, die weiß war und doch den Soul der Schwarzen sang.

Sie nahm aber auch Drogen, war alkoholsüchtig, rauchte Kette, litt unter Essstörungen und Depressionen. Als Winehouse im Jahr 2008 mit fünf Grammys ausgezeichnet wurde, war dies nur eine Meldung unter unzählbar vielen, die sich mit ihrem verkorksten Privatleben beschäftigten. In den Boulevardmedien und auf den einschlägigen Seiten des Internets begegnete einem die Künstlerin als sich selbst zugrunde richtendes Party Animal .

Die überlieferten Abstürze mit ihrem Ex-Ehemann Blake Fielder-Civil sind Legion, und man fragt sich immer noch: Ist das der Exhibitionismus einer Schamlosen - oder das Gefangensein im eigenen Ruhm?

Auf den Fotos der Paparazzi, die sie vor ihrem Wohnhaus belagerten (Winehouse servierte ihnen mitunter Tee), wirkte das Objekt der allgemeinen Begierde oft erschrocken, das Blitzlicht stellte offen aus, wie fertig und hinüber die dürre Stilikone war. Auf dem Kopf trug sie ein Vogelnest und Katzenaugen im Gesicht; sie war sexy und verrucht.

Das Blitzlicht beleuchte den "Heroin Chic" einer Frau, die keinen Unterschied zwischen Leben und Kunst machte. Modezar Karl Lagerfeld sagte mal, Winehouse sei eine Inspiration für ihn. Er nannte sie "eine neue Brigitte Bardot". Wenn überhaupt, war Winehouse die dunkle, die Nacht-Seite der Bardot. Das Kaputtsein gehörte untrennbar zum Entwurf ihrer selbst. Soul heißt Seele, und in ihren Songs erklärte sie sich in einer Art und Weise, die vor allem eines verdeutlichte: Hier litt jemand nicht an mangelnder Selbstdefinition, wie es Taumelnden oft nachgesagt wird, die ihren Alltag nur unter den Imperativen einer Sucht bewältigen können; hier war jemand unrettbar in seine eigene Verzweiflung verstrickt.

Im Liebeskummer-Song "Back To Black" singt Winehouse davon, wohin sie im Zweifel geht, wenn "er" weg ist: zurück "ins Schwarz" eben. In ihrem anderen großen Hit "Rehab" ist von dem die Rede, was die Käufer der bunten Blätter in schöner Regelmäßigkeit lesen durften: dass Amy Winehouse nicht auf Entziehungskur ging, obwohl ihr Vater genau dies immer wieder wollte. "They tried to make me go to rehab but I said ,no, no, no'/Yes I've been black but when I come back you'll know know know/I ain't got the time and if my daddy thinks I'm fine/He's tried to make me go to rehab but I won't go go go."

Der Vater, das ist Mitchell Winehouse. Er erfuhr am Flughafen in New York vom Tod seines Kindes. Oft hatte er "vom langsamen und schmerzhaften Sterben" der Tochter gesprochen. Mitchell Winehouse, Taxifahrer und Jazzmusiker, war es, der Amy mit der Musik der Sechzigerjahre bekannt machte. Überliefert ist das Winehouse-Zitat, wonach sie sich für zeitgenössische Musik nicht interessiere. Ihr Sound war ein Amalgam aus Pop, Soul, Jazz, R'n'B und Reggae. Und es war die persönliche Verzweiflung, die wunderbare Kunst schuf. Sie wurde zum Vorbild der Britinnen Adele und Duffy, und auch Lady Gaga nannte die Winehouse einen wichtigen Einfluss. Mit dem Auftauchen einer neuen Generation von Sängerinnen klang die Popmusik weiblicher Prägung mit einem Male nicht mehr wie sündiger und glatt produzierter Schlafzimmer-R'n'B, sondern nach tief empfundenem Soul. Winehouse war keine 25, sie hörte sich an wie eine vom Schicksal geschlagene Frau aus der Bronx.

Dabei entstammte sie behüteten Verhältnissen. Sie wurde als zweites Kind in eine jüdische Familie geboren, die im Stadtteil Southgate lebte. Als sie neun war, ließen sich Vater Mitchell und Mutter Janis, eine Apothekerin, scheiden; sie besuchte Theaterschulen und spielte im Jazz-Orchester. Sie trat in Londoner Klubs auf und unterschrieb mit 18 ihren ersten Plattenvertrag. Danach ging alles rasend schnell. Ihr Debüt wurde ein durchschlagender Erfolg, dann, mit dem bis heute zehn Millionen Mal verkauften zweiten Album "Back to Black", wurde Winehouse zum Superstar. Und zum Fetisch der Öffentlichkeit, die sich genüsslich an ihren Eskapaden labte. Man kam ja, als von Medien umgebener und manchmal sogar: umstellter Mensch des 21. Jahrhunderts nicht an dem Protokoll eines Lebens an der Borderline vorbei.

Weshalb das scheinheilige Interesse der Voyeure bisweilen in kühlen Zynismus mündete und die Frage nach dem Sieger eines geschmacklosen Wettkampfs stellte: Wer würde zuerst seinen gefährlichen Lebenswandel mit dem Leben bezahlen - Winehouse oder der Rocksänger und Junkie Pete Doherty?

Es gab zwei Amys, die Künstlerin und die Zugedröhnte. Sie waren wie Zwillinge. Das Doppelgänger-Motiv, es lässt einen ratlos fragen: Was ist zuerst da, der Wahnsinn, der keinen Überlebensinstinkt kennt, oder das Genie? Ist Talent eine voraussetzungslose Erscheinung? Oder ist die Kaputtheit der Humus, auf dem die Kunst gedeiht?

Amy Winehouse starb wahrscheinlich an einer Überdosis, heute soll ihr Leichnam obduziert werden. Sie gehört jetzt in den 27er-Club. In dem sind nur Künstler, die ihr Heldenstatus in der Musikgeschichte und das frühe Ableben im Alter von 27 Jahren eint. In diesem elitären Club thront Amy Winehouse jetzt neben Janis Joplin, Jim Hendrix, Jim Morrison und Kurt Cobain. Sie ist jetzt eine Legende, dabei hätte sie noch so viele Lieder singen können.

Es ist traurig.