Kriegsheimkehrer-Drama

"Draußen vor der Tür": Beckmann mit Band

Foto: armin smailovic / armin smailovic/Thalia Theater

Wolfgang Borcherts Kriegsheimkehrer-Drama "Draußen vor der Tür" am Thalia-Theater bleibt zu sehr eine oberflächliche Rock-Revue.

Hamburg. Was war das jetzt? Ein Konzert? Eine Performance? Ein musikalisch-poetischer Bilderbogen mit Dramenversatzstücken? Ein Rock-Musical? All das gibt die Aufführung von Wolfgang Borcherts Kriegsheimkehrer-Drama "Draußen vor der Tür" her, die Regisseur Luk Perceval nun mit drei Schauspielern, drei Musikern, sechs jungen Darstellern mit Downsyndrom der Gruppe Eisenhans, viel Musik und einem fantastischen Bühnenbild von Katrin Brack am Thalia-Theater inszeniert hat. Doch die Rock-Inszenierung des Stückes über den müden, lebensmüden Kriegsheimkehrer, der keinen Halt mehr findet - 1947 war das Ausdruck einer ganzen Generation - wirkt wie ein Experiment, packt und ergreift die Zuschauer nur oberflächlich. Es mangelt an wirklich bannenden Szenen. Sicher, der Abend ist ungewöhnlich und interessant. Aber ist interessant nicht der Ausdruck für etwas, das Menschen nicht leidenschaftlich packt?

Zu oft verliert sich der Abend in leisen Tönen, fahlem Licht, Langsamkeit und leerer Symbolik, auch wenn die Musiker (Marco Schmedtje, Dirk Ritz, Martin Dog Kessler) großartig spielen. Der Hörspielcharakter des Stückes schmuggelt sich durch. Man bleibt Zuschauer einer bebilderten Geschichte und weiß nicht, was diese Figuren bewegt. Es sei denn, sie erzählen es.

Der knapp zweistündige Abend über die Verlorenheit eines Traumatisierten überzeugt eben nur teilweise durch fesselnde Bilder, wirkt insgesamt zu langatmig, zu statisch erzählt, statt durch Spielszenen die Zerrissenheit eines Ausgestoßenen erfahrbar zu machen. Sicher, Felix Knopp, der den Kriegsheimkehrer Beckmann spielt, der sich im Leben nicht mehr zurechtfindet, singt, flüstert, schreit und windet sein Elend hervor, wie man es bisher eher von Joe Cocker auf dem legendären Woodstock-Festival kannte. Aber er bleibt dabei stets der Rock-Sänger, der eine Revue mehr oder weniger starker Nummern vorführt. Lange steht er zu Beginn auf der leeren Bühne vor dem Mikrofon und sucht einen Anfang. Einen Ausdruck für all das Leid, das ihn quält, die Lemuren, die ihn verfolgen und die Wunden, die er im Krieg erlitten hat. Er stammelt zögerlich ins Mikrofon, während Barbara Nüsse in einer ihrer vielen Rollen des Abends in Chaplin-Verkleidung - oder sind es Wladimir oder Estragon, die aus Becketts "Warten auf Godot" übrig geblieben sind? - auf die Bühne schleicht.

All das können die Zuschauer wunderbarerweise gleich zweimal sehen, denn über der leeren Bühne hängt gekippt ein Riesenspiegel, der irritierende und erhellende Ansichten des Bühnengeschehens liefert. Wie ein Dach schirmt er die Bühne ab.

Allein durch einen kleinen Spalt winden sich die Eisenhans-Darsteller, tanzen oder verfolgen Beckmann. Sie, die ebenso gesellschaftlich ausgegrenzt sind wie er, verkörpern Beckmanns schlimmste Albträume: die Soldaten, die Untoten und Toten, die Gespenster seiner Vergangenheit. Dutzende Runden dreht Beckmann auf der Rundbühne, bis er sie abgeschüttelt hat. Dies ist eine der erhellendsten Szenen des Abends. Auch als Mann im Mond, der sich im ausgeleuchteten Kreis schmerzhaft auf der Bühne windet, ergreift uns sein Leid.

Großartig zeigt sich immer wieder Barbara Nüsse: als Oberst, der durch lautes Schmatzen beim Essen den Takt angibt, als Kabarettdirektor, der sich minutenlang vergeblich eine Zigarette anzuzünden versucht. Sie ist eben eine Darstellerin alter Schule, die jeder Figur ein eigenes Leben einhauchen kann. Sie gibt ihnen wiedererkennbare, identifizierbare Charakterzüge. Wenn sie mit Peter Maertens das alte Ehepaar Beckmann spielt, die Eltern des Heimkehrers, die sich das Leben genommen haben, sehen wir die ergreifendste Szene des Abends. Dann erkennen wir diese Menschen, während vieles andere auf der Bühne nur behauptet wird.

Das Stück als Textbaustein einer völlig neuen, musikalischen Interpretation funktioniert nur bedingt. Es hat Patina angesetzt. Und das Thema brennt uns - Afghanistan hin oder her - nicht eben auf den Nägeln. Am Ende sagt Beckmann, der Gott verloren hat, die Liebe, die Hoffnung und beinahe auch das Leben: "Hat denn keiner eine Antwort?" Nein, natürlich nicht. Das Theater ist auch dazu da, Fragen zu stellen. Aber wie hieß die Frage an diesem Abend eigentlich noch mal?

Draußen vor der Tür: Thalia-Theater, Alstertor, 7., 20., 23.4. sowie 10. 5., Karten-Tel.: 32 81 44 44; www.thalia-theater.de