Hafenkunst

Ein bisschen wie Bayreuth in der Hansestadt

Die Kooperation "Kunst und Kultur in der HafenCity" fördert die kommenden drei Jahre Projekte von Kampnagel, Deichtorhallen und Kunstverein

Hamburg. Wenn sie nicht ausgerechnet Kampnagel-Intendantin wäre, erzählt Amelie Deuflhard, dann würde sie liebend gerne "Theater ohne Haus machen". Sprich: "Die Stadt bespielen."

Kunst im öffentlichen Raum - das klingt zunächst spröde. Nach Reißbrett, nach verordneter Kreativität, nach Stadtplanung. Doch ob nun Performance, Skulptur oder Videoschau: Diese kulturellen Interventionen können wie Steine wirken, die in den Fluss des städtischen Alltags geworfen werden. Die Wellen auslösen und dazu führen, neue Wege beschreiten zu müssen. Im Denken, Handeln, Reden und Fühlen.

Kampnagel zählt neben dem Kunstverein und den Deichtorhallen nun zu den Hamburger Institutionen, die für die kommenden drei Jahre diese Steine kunstvoll platzieren dürfen, sie dürfen sie schmeißen, legen und pflegen. Gefördert mit insgesamt 400 000 Euro. Wenn auch örtlich zentriert. Dort nämlich, wo das Leben eine Baustelle ist. Und die Kultur erst recht.

"Kunst und Kultur in der HafenCity" nennt sich die Kooperation, zu der sich Körber Stiftung, Hamburgische Kulturstiftung sowie HafenCity Hamburg GmbH 2005 zusammengeschlossen haben. Mit insgesamt 21 Projekten hat die Initiative bisher versucht, der entstehenden HafenCity so ziemlich alles von Sub- bis Hochkultur einzuhauchen - etwa mit dem Off-Szene-Festival Subvision und der Inszenierung "Wie es euch gefällt" im Thalia-Zelt.

Die neue Strategie sieht jetzt vor, die Aktionen an die Arbeit bestehender Häuser zu koppeln statt Einzelprojekte zu initiieren. Klaus Wehmeier von der Körber-Stiftung sprach bei der Präsentation am Freitag im Kesselhaus von "einem Stück Nachhaltigkeitsanspruch". Gesa Engelschall von der Hamburgischen Kulturstiftung betonte, die Entwicklung dieses "funkelnagelneuen Stadtteils kritisch kommentieren" zu wollen.

Einen spannenden Auftakt zu diesem Prozess könnte die musikalische Inszenierung "Global Design" des Komponisten Christian von Borries liefern. Der gebürtige Schweizer werde, so erläutert Deuflhard, auch "der Schlingensief der Musik" genannt. Und im Hamburger Hafen, genauer gesagt im Bauch des Frachtschiffes MS "Bleichen", soll er mit ausreichend Chuzpe ein "schwimmendes Bayreuth" schaffen. Vom 8. bis 10. April bringt von Borries eine Trilogie zur Weltwirtschaftskrise zu Gehör, in der die ökonomischen Wirklichkeiten des europäischen, arabischen und chinesischen Raums verhandelt werden. Für sein "Kommunikationsmodell mit Musik" kreuzt er das Schaffen der Hamburger Jungen Philharmoniker mit den Erkenntnissen der internationalen Wirtschaftsexperten Gian Trepp (Zürich), Wang Hui (Peking) und Joseph Vogl (Berlin), die die Libretti zu der Uraufführung schreiben.

Wer sich von der Kultur nicht nur als Zuschauer und -hörer anregen lassen möchte, kann ab Mai ganz pragmatisch mit und in ihr baden gehen. Bis September laden die Frankfurter Künstler Dirk Paschke und Daniel Milohnic im Auftrag des Kunstvereins in ihr Hafenbad ein und schaffen so im Viertel einen neuen Treffpunkt, eine "soziale Skulptur", wie sie es nennen. Zwischen Cruise Center und Unileverhaus funktionieren sie Überseecontainer zu Schwimmbecken um. Einerseits thematisieren Paschke und Milohnic mit dem Material die ursprüngliche Bestimmung des Hafens als Handelsquartier. Andererseits verweist die Neudefinition als Freizeitstätte auf die postindustrielle Dimension der HafenCity als Wohn- und eben auch Kulturort.

Dass das Areal südlich der Speicherstadt auch Standort zahlreicher Arbeitgeber ist, will der tschechische Videokünstler Harun Farocki, initiiert von den Deichtorhallen, reflektieren. "Farocki interessiert, wie soziale Situationen funktionieren", erklärt Kuratorin Nina Möntmann. Und zu diesem Zweck wird Farocki, derzeit Professor an der Akademie für Bildende Künste in Wien, in den Firmen Momente filmen, "die Unternehmenskultur widerspiegeln". Dabei geht er Fragen nach, wie etwa Architektur und Büroeinrichtung das berufliche Miteinander prägen. Sein rund 40-minütiger Film soll Ende des Jahres fertiggestellt werden und dann in HafenCity sowie Deichtorhallen zu sehen sein. Das Werk ist Teil und Hamburg-Debüt der Initiative "Neue Auftraggeber", die vor 15 Jahren in Frankreich entstand. Das Kollektiv verfolgt das Ziel, Bürger verstärkt an künstlerischen Prozessen im öffentlichen Raum zu beteiligen. Möntmann ruft auch Schulen, Vereine und Einzelpersonen aller Hamburger Stadtteile dazu auf, die eigene Nachbarschaft auf kulturellen Bedarf abzuklopfen und bei ihr Projekte in Auftrag zu geben.

Wenn die Kunst also aus der und nicht über die Stadt kommt, könnte das ein guter Stein des Anstoßes sein.

Infos zu "Neue Auftraggeber": www.newpatrons.eu