Premiere im St.-Pauli-Theater

Ein raffiniertes Spiel um Lüge und Wahrheit

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Die gelungene Beziehungskomödie „Die Wahrheit" ist bei der Premiere im Hamburger St.-Pauli-Theater bestens aufgenommen worden.

Hamburg. Wie viel Ehrlichkeit verträgt eine Beziehung? Für Michel ist Wahrheit etwas sehr Zweifelhaftes. Dementsprechend gibt er sich als Verfechter der Lüge: Seit einem halben Jahr betrügt er seine Frau mit Alice, der Gattin seines besten Freundes Paul. Um sich aus brisanten Situationen herauszuwinden, verstrickt er sich immer mehr in einem Lügengeflecht. Doch irgendwann endet der notorische Schwindler selbst in der Rolle des von allen Seiten getäuschten Opfers.

Mit begeistertem Applaus wurde die Beziehungskomödie „Die Wahrheit“ am Montagabend vom Publikum im Hamburger St.-Pauli-Theater aufgenommen. Das sehr unterhaltsame Stück des angesagten französischen Jungautors Florian Zeller (31) hatte gerade erst im Januar am Pariser Theater Montparnasse seine Uraufführung gefeiert. Jetzt folgte – wenige Wochen später – die Deutschlandpremiere unter der Regie von Ulrich Waller. „Ein Leben, das die schonungslose Wahrheit als Basis hat, ich weiß nicht, wer das aushält. Ich möchte das nicht haben“, hatte Waller bereits vorab in einem Zeitungsinterview gesagt.

„Die Wahrheit oder Von den Vorteilen, sie zu verschweigen und den Nachteilen, sie zu sagen“, lautet eigentlich der komplette Titel des Stückes, das ausschließlich aus Dialogen besteht. Michel, grandios dargestellt von Herbert Knaup, setzt ganz auf die Lüge. Er hintergeht seine Frau Laurence (Leslie Malton) und vermittelt ihr dreist ein schlechtes Gewissen, nachdem diese misstrauisch wurde. Dem gehörnten besten Freund Paul (Thomas Heinze) spielt er hemmungslos etwas vor. Als die Situation zu kippen droht, lässt er Paul absichtlich im Tennis gewinnen, um ihm ein gutes Gefühl zu geben. Und als seine Geliebte Alice (Johanna Christine Gehlen) ankündigt, reinen Tisch machen zu wollen, versichert er, sie beide würden doch nur aus Respekt vor den Mitmenschen lügen. Die Wahrheit zu sagen, „um das eigene Gewissen zu erleichtern“, sei gänzlich egoistisch.

Doch im Laufe der raffiniert aufgebauten Geschichte sieht sich Michel plötzlich in der Rolle des Opfers. Warum hat er zuvor wohl nie beim Tennis gegen Paul verloren? Verbarg sich etwa Absicht auf Seiten des Freundes dahinter? Und was hat seine Frau im Sinn, wenn sie nach 20 Jahren Ehe von ihm „keine Treue, aber Diskretion“ verlangt. Für die Zuschauer ist es höchst amüsant, mit anzusehen, wie Michel, der glaubt, alles im Griff zu haben, immer verunsicherter zum Spielball der anderen wird.

Die Komödie schafft es, durchweg zu unterhalten ohne in Klamauk abzudriften. Sie überzeugt mit überraschenden Wendungen, präzisen und pointierten Dialogen und nicht zuletzt durch die Leistung der prominenten Darsteller. Thomas Heinze, bekannt aus Film- und Fernsehproduktionen („Allein unter Frauen“, „Das Superweib“) bietet nach jahrelanger Theater-Pause eine gelungene Rückkehr auf die Bühne. Viel Applaus gibt es auch für die weiblichen Darsteller Malton und Gehlen. Aber vor allem der großartige Knaup begeistert als ein die Wahrheit zunächst bezweifelnder und schließlich sichtlich verzweifelter Michel.

„Die Wahrheit oder Von den Vorteilen, sie zu verschweigen, und den Nachteilen, sie zu sagen“ von Florian Zeller, Regie: Ulrich Waller; Vorstellungen bis 13. März, Tickets: 15,70 bis 41 Euro