Uni Hamburg

"Es gab aggressive Grenzüberschreitungen"

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Kai-Hinrich Renner

Foto: picture-alliance / Sven Simon / picture-alliance

Volker Lilienthal, der an der Uni Hamburg am Wochenende die Konferenz "PR und Journalismus" organisiert, über manipulative Pressearbeit.

Hamburg. Die erste Veranstaltung der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur an der Universität Hamburg widmet sich am Freitag und Sonnabend im Westflügel des Uni-Hauptgebäudes dem Thema "PR und Journalismus". Im Vorfeld der Tagung sprach das Abendblatt mit Volker Lilienthal, der für die Stiftung die Praxis des Qualitätsjournalismus lehrt und zusammen mit der Journalistenorganisation Netzwerk Recherche die Konferenz organisiert.

Hamburger Abendblatt:

Herr Professor Lilienthal, wird Ihre Konferenz "PR und Journalismus" von Sponsoren unterstützt?

Volker Lilienthal:

Ja, von der Medienstiftung Hamburg/Schleswig-Holstein, der Otto-Brenner-Stiftung, der Uni und der Freien und Hansestadt Hamburg.

Ein ganz normales Unternehmen wäre als Sponsor einer Konferenz, die sich kritisch mit PR auseinandersetzt, wohl auch nicht infrage gekommen.

Lilienthal:

Es gibt auch Unternehmen, die dem Konzept der Corporate Responsibility folgen und eine aufgeklärte PR betreiben. Mit denen würde ich auch kooperieren.

Ist der Eindruck zutreffend, dass sich trotz einiger vorbildlicher Unternehmen in den letzten Jahren PR und Journalismus immer stärker vermischt haben?

Lilienthal:

Ihr Eindruck ist richtig. In den letzten Jahren hat es von Seiten der PR immer mehr manipulative und aggressive Grenzüberschreitungen gegeben. Das war mitunter schon keine PR mehr, das war Schleichwerbung. Dass dies möglich ist, liegt auch daran, dass PR-Abteilungen großer Unternehmen heute viel besser ausgestattet sind als Redaktionen.

Welche Grenzüberschreitungen meinen Sie konkret?

Lilienthal:

Beispielsweise an die fertig produzierten Beiträge, die im Auftrag von Bundesministerien in Radioredaktionen lanciert wurden. Die Bahn versuchte mit verdeckter PR Internetforen und Radioprogramme zu manipulieren. Oder, ganz aktuell, der Fall der Blogger, die dafür bezahlt wurden, bestimmte Beiträge in soziale Netzwerke zu schmuggeln. Da wird unsere Öffentlichkeit immer mehr von einem diffusen Gespinst infiltriert. Letztlich weiß der Medienkonsument gar nicht mehr, wo die Information herkommt.

Was können Journalisten gegen unlautere PR tun?

Lilienthal:

Als Profi weiß man, es gibt gute und schlechte Pressesprecher. Bei Dampfplauderern, die einem ein X für ein U vormachen wollen, ist generell Vorsicht geboten. Pressemeldungen müssen Journalisten stets auf Relevanz und Wahrheitsgehalt abklopfen.

Seit Beginn der Medienkrise gibt es neue Allianzen. Medienhäuser tun sich mit Sponsoren für gemeinsame Produktlinien zusammen, über die dann berichtet wird. Ein Fall von unlauterer PR?

Lilienthal:

Das kommt darauf an: Wenn Medienhäuser neue Märkte erschließen, ist es in ihrem eigenen Interesse, eine größtmögliche Unabhängigkeit der Journalisten sicherzustellen. Denn auf dem Spiel steht stets die Glaubwürdigkeit eines Blatts oder eines Senders. Auch was die Aktivitäten des eigenen Hauses angeht, müssen Journalisten unabhängig sein.

Seit Beginn der Medienkrise sind auch die Honorare freier Journalisten stark zurückgegangen. Die wenigsten von ihnen können allein vom Journalismus leben. Manche verdienen sich mit Auftragsarbeiten für Pressestellen und PR-Agenturen ein Zubrot. Im Medienkodex ihres Mitveranstalters Netzwerk Recherche heißt es aber: "Ein Journalist macht keine PR". Ist das nicht weltfremd?

Lilienthal:

Beim Blick auf die Marktlage scheint es weltfremd zu sein. Es ist aber ein Grundsatz, der als Norm verteidigt werden sollte und der hoffentlich eines Tages durch veränderte Marktverhältnisse von allen wieder einzuhalten ist.

Aber macht man sich nicht angreifbar, wenn man an einem Satz festhält, den derzeit viele Journalisten nicht erfüllen können? Selbst dem SWR-Chefreporter und Netzwerk-Vorsitzenden Thomas Leif wird vorgeworfen, er habe Texte über das Gastronomie-Spektakel "Pomp Duck" geschrieben, die verdächtig nach PR klangen.

Lilienthal:

Dazu kann ich nichts sagen. Für mich steht fest: Die Norm ist sinnvoll. Wir sollten die Trennung von Journalismus und PR nicht leichtfertig aufweichen, nur weil der Markt so ist, wie er ist. Am Ende unserer Tagung werden wir übrigens auch den Medienkodex von Netzwerk Recherche diskutieren. Auf dem Podium sitzen dann auch freie Journalisten, die den Satz "Ein Journalist macht keine PR" wohl kritisch hinterfragen werden.