Szenen einer Hassliebe

Beim Cinefest 2010 geht es eine Woche lang um deutsch-italienische Beziehungen im Film und in der Branche

Metropolis. Bier gegen Wein, Kartoffeln gegen Pasta, Wagner gegen Verdi, VW gegen Fiat, Gründlichkeit gegen Leidenschaft: Deutschland und Italien - das ist spätestens seit Goethes "Die italienische Reise" eine ganz besondere Beziehung, geprägt von Mythen und Klischees. Zwei Völker, die sich bezüglich Temperament, Kultur und Essgewohnheiten ganz schön unterscheiden. Und doch: Eine eigentümliche Mischung aus Anziehung und Ablehnung, Respekt und Misstrauen prägt das Miteinander von Deutschen und Italienern. Nicht zu vergessen das Auf und Ab in den politischen Beziehungen im vergangenen Jahrhundert, geprägt durch zwei Weltkriege. Und dass die Squadra Azzurra immer die wichtigen Fußballspiele (1970, 1982, 2006) gewinnt - auch nicht schön.

Und wo ließen sich die wechselvolle Entwicklung und die unterschiedlichen Facetten des Verhältnisses zwischen den Nationen besser festmachen als im Kino. Das diesjährige Cinefest, wie gewohnt veranstaltet von Cinegraph und dem Bundesarchiv-Filmarchiv in Berlin, widmet sich nun den deutsch-italienischen Beziehungen von 1910 bis heute. Dabei geht es um den Austausch von Regisseuren und Schauspielern, um Produktionsverknüpfungen zwischen Berlin und Rom, um die Darstellung des jeweils anderen Landes und seiner Bewohner. Themen, die im begleitenden filmhistorischen Kongress ab Mitte kommender Woche vertieft werden. Doch keine Angst! Im Vordergrund stehen ab heute die Filme im Metropolis, darunter Klassiker wie Luchino Viscontis "Tod in Venedig", Liliana Cavanis "Nachtportier" oder Roberto Rossellinis "Deutschland im Jahre Null", aber auch Neues (Tom Tykwers "Heaven" oder Klaus Emmerichs "Pizza Colonia" etwa) und Unbekanntes.

Hamburger dürfen sich wegen des Lokalkolorits vor allem auf Jürgen Rolands "Zinksärge für die Goldjungen" von 1973 freuen. Ein italo-amerikanischer Mafiaboss will darin Hamburgs Unterwelt übernehmen: "Welch schöne Stadt, ganz anders als bei uns, ganz anders. So friedlich, so gepflegt, so ruhig. Das wird meine Stadt, das schwöre ich." Selbstverständlich haben die einheimischen Gangster etwas dagegen, und so kommt es hier zu einer unterhaltsamen Mischung aus ruppiger Action und, der schönen Frauen wegen, amourösen Zwischenspielen.

Auch Francesco Rosis "I Magliari" (1959) spielt in Hamburg, der deutsche Verleihtitel verrät's: "Auf St. Pauli ist der Teufel los". Hier geht es um einen italienischen Gastarbeiter, der durch Landsleute auf die schiefe Bahn gerät und sich in die Frau eines Teppichgrossisten verliebt. Rosi beobachtet die Probleme eines Auswanderers und den Alltag im Wirtschaftswunder-Deutschland genau - ebenso interessant wie kritisch.

"Kanonen-Serenade", 1958 von Wolfgang Staudte inszeniert, erzählt die kuriose Geschichte des Kapitäns eines italienischen Tomatendampfers, dem im Mittelmeer ein britisches U-Boot begegnet. Sein heroischer Plan: Mit der altersschwachen Bordkanone will er es versenken. Doch seine kriegerischen Ambitionen gehen der Bordmannschaft rasch auf die Nerven. "Mit trefflicher Ironie hat Regisseur Wolfgang Staudte hier die gefährliche Verlockung bunter Uniformen und klimpernder Orden geschildert", so eine zeitgenössische Kritik. Das klingt nach großem Spaß.

Keine Angst vorm Genrekino: In Mario Bavas "Blutige Seide" meuchelt ein maskierter Mörder makellose Models - nicht nett, aber spannend. "Giallo" heißen diese italienischen Krimis, und "Blutige Seide" ist einer der besten. Eröffnet wird das Cinefest heute Abend im Metropolis. Erika Wottrich von Cinegraph und Karl Grieb vom Bundesarchiv sowie Francesco Bono aus Rom führen durch den Abend, zeigen mehrere Kurzfilme und verleihen den Reinhold-Schünzel-Preis an die Filmhistorikerin Heide Schlüpmann. Mehr zum Festival, alle Termine, alle Filme, alle Events, alle Gäste und noch mehr Infos gibt es auf der vorbildlich gestalteten und höchsten informativen Website www.cinefest.de .

Cinefest - Deutsch-Italienische Filmbeziehungen: 13.-21.10., Kino Metropolis (U/S Hauptbahnhof) Steindamm 54, T. 34 23 53