Hamburger Regisseur

Auf Augenhöhe mit Quentin Tarantino

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Der Langenhorner Regisseur Daniel Stamm wollte immer nach Hollywood. Heute ist sein Film "Der letzte Exorzismus" auf Platz zwei in den USA.

Hamburg. Ein trüber Hamburger Morgen, der Himmel ist grau, es sieht nach Regen aus. Kein Wetter, das ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Außer bei Daniel Stamm. Der 34-Jährige sitzt zufrieden im "Dialog", einer gemütlichen Restaurantkneipe mit schweren Holztischen und Kegelbahn mitten in Langenhorn. "Endlich mal keine Sonne", freut sich Stamm, der seit 2002 in Los Angeles lebt, dort, wo immer Sommer ist. Einmal im Jahr kommt er nach Hause, besucht Freunde und seine Eltern, die nur einen Steinwurf vom "Dialog" entfernt wohnen. Doch diesmal ist für die Familie wenig Zeit, denn Stamm ist auf Interviewreise.

"Ein Hamburger Junge und sein Traum von Hollywood" war im Juli 2005 ein Abendblatt-Artikel überschrieben , der den Nachwuchsregisseur porträtierte. Fünf Jahre später ist der Traum wahr geworden. Mit seinem zweiten Spielfilm, "Der letzte Exorzismus", einem Psychothriller im Doku-Stil, hat Stamm am Startwochenende Platz zwei der amerikanischen Kinostarts erreicht. In England ist der nur 1,8 Millionen Dollar teure Nackenhaaraufsteller sogar bis auf Platz eins vorgerückt. Auch in Russland, der Mongolei, Italien, Frankreich, Spanien und natürlich Deutschland (Start: 30.9.) wird er zu sehen sein. Stamm hat es geschafft - und ist doch der geerdete Junge aus Langenhorn geblieben, der noch genau weiß, wann Markttag ist, sich nach seinen Lehrern am Heidberg-Gymnasium erkundigt und beim Gang über die Tangstedter Landstraße überrascht feststellt, dass Aldi umgezogen ist.

+++ Ein Hamburger Junge und sein Traum von Hollywood +++

Dass er bei Größen wie Martin Scorsese Regie studiert hat, dass Quentin Tarantino nach der US-Premiere auf ihn zukam, um über den "Letzten Exorzismus" zu diskutieren, und Filmagenten inzwischen Schlange stehen, um ihn unter Vertrag zu nehmen, scheint sein Ego kein bisschen aufgeplustert zu haben. Im Gegenteil, Stamm blickt fast ein wenig ungläubig auf das, was da gerade passiert. "Toll, dass der mich so ernst nimmt", kommentiert er, dass Regisseur M. Night Shyamalan ("The Sixth Sense") ihm ein Drehbuch zu lesen gab. "Der redet mit mir, als wäre er mein Kollege."

Ist er natürlich auch, inzwischen - zumal Shyamalan Stamms nächsten Film produzieren wird. Irgendwie ist Stamm eben immer noch Fan. Wie damals, als er die Schule schwänzte, um sich in eigentlich Journalisten vorbehaltene Pressevorführungen im Streit's zu schleichen. Hollywood-Blockbuster wie "Forrest Gump" oder "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" sah er da, doch ein von den Verheißungen der Traumfabrik Geblendeter war Stamm nie, und wenn er heute sagt, er habe Glück gehabt, dann ist das schwer untertrieben. Vielmehr hat er verstanden, worauf es ankommt, wenn man Erfolg haben will.

"Nachwuchsregisseure denken häufig, sie müssten den Look großer Hollywood-Produktionen kopieren, aber damit beeindruckt man niemanden", sagt Stamm. Um eine eigene, unverwechselbare Note gehe es, um die Arbeit mit Schauspielern und am Drehbuch. Um all das eben, was in Hollywood Mangelware ist.

Und so hat er seinen ersten Langfilm extrem kostengünstig auf Video gedreht: die dokumentarisch anmutende Geschichte eines Suizids. "Daran hast du drei Jahre gearbeitet? Das sieht ja eher nach einem Wochenende aus", kommentierten die Eltern, als Stamm ihnen "A Necessary Death" vorführte. Doch beim renommierten AFI Fest in Los Angeles gab's den Publikumspreis und die filmische Visitenkarte wurde über Nacht zum Hollywood-Türöffner. Zur Eintrittskarte in eine Welt, in der ganz eigene Gesetze gelten. In der ein Film schon vor dem ersten Drehtag in ein Dutzend Länder verkauft wird, in der das Budget für den Dreh bei 1,8 Millionen Dollar liegt, die dazugehörige Werbekampagne aber 16 Millionen Dollar kostet, und in der es auf die Frage "Kannst du das?" immer nur eine Antwort geben darf: "Ja, natürlich!"

Grenzwertig auch die Interviews, von denen er berichtet. 40 an einem Tag im Sieben-Minuten-Takt. "Das war manchmal so langweilig, dass ich die Geschichten vom Dreh im Laufe der Stunden immer weiter ausgeschmückt habe." Und so wurde dann aus einer ziemlich unspektakulären Begegnung mit einem Alligator (erstes Interview am Morgen) ein Kampf auf Leben und Tod (letztes Interview am Abend). "Seitdem glaube ich nichts mehr, was ich lese", sagt Stamm und lacht.

Auch wenn er manchen Interview-Marathon in den vergangenen Monaten wie auf Autopilot abgespult hat, weiß er ganz genau, worauf es jetzt ankommt. "Ich muss wach bleiben, denn ein Flop reicht und ich bin wieder weg vom Fenster." Danach jedoch sieht es derzeit nicht aus. "Der letzte Exorzismus" ist mit einem Einspielergebnis von bisher 40 Millionen Dollar höchst lukrativ, hinzu kommen die Einnahmen durch TV-Rechte und DVD-Verkäufe.

Daniel Stamm hat viel erreicht, nur für eines kommt sein Erfolg zu spät: für eine Premiere seines Films im "Palette"-Kino an der Norderstedter Ohechaussee. "Da habe ich viele Stunden meiner Jugend verbracht", erinnert er sich mit Wehmut. "Den 'Letzten Exorzismus' dort zu zeigen wäre toll gewesen." Doch die "Palette" musste 2001 einem Bürohaus weichen und überhaupt ist Stamm inzwischen einer für die großen Multiplexe. Ob seine Eltern stolz auf ihn sind? "Für die bleibe ich immer der Sohn, der besser einen Schal mitnimmt, weil es draußen kalt ist", sagt er mit einem Lächeln, das ziemlich zufrieden wirkt. Sie haben ja auch recht - jedenfalls an diesem trüben Tag in Langenhorn.