Premiere im Thaila-Theater

Hamlet im Thalia-Theater - Dort, wo das Gefühl sitzt

Luk Perceval hat sich zur Saisoneröffnung im Thalia-Theater erfolgreich Shakespeares "Hamlet" vorgeknöpft. Die Schauspieler sind brillant.

Hamburg. Verknappt, verkürzt, verdichtet - als eine Art Gesamtkunstwerk erzählt Regisseur Luk Perceval Shakespeares "Hamlet", der am Wochenende die Saison am Thalia-Theater erfolgreich eröffnete. Es ist die Geschichte des vereinsamten, zaudernden, modernen Menschen, der angesichts vielfach möglicher Lebensentwürfe in quälender Entschlusslosigkeit endet. Bei Perceval liegt am Ende nicht das gesamte Personal tot herum, sondern Hamlet ringt bis zur Erschöpfung zwischen verschiedenen Alternativen mit sich: "Töte oder töte nicht". Das ist eine eigenwillige, ungewöhnliche Interpretation des Stücks, doch sie funktioniert. Zumindest bis kurz vor Schluss des zweistündigen Abends, wenn das ewige Zweifeln des Titelhelden und die dräuende Musik, die den Abend hindurch erklingt, zu nerven beginnen. Dann kommen auch schon die Schlussworte: "Der Rest ...". Und das "ist Schweigen" bleibt ungesagt.

Viele der Figuren sind zu einer verschmolzen, was der Verständlichkeit (Bearbeitung: Feridun Zaimoglu und Günter Senkel) gut bekommt. Hamlet aber hat sich verdoppelt. Hier ringen zwei Gestalten um Sein oder Nichtsein, stehen im ständigen Dialog mit sich selbst und zeigen so die Zerrissenheit und den Wahn Hamlets deutlicher, als jeder Monolog es könnte. Der eine, Josef Ostendorf, betont das alt und dabei melancholisch gewordene Kind, der andere, junge Jörg Pohl zeigt den Zorn des Dänenprinzen.

Verblüffend sinnfällig ist diese Interpretation schon am Anfang, wenn Ostendorf als Riesenbaby unter einem schwarzen Häkelumhang mit einer goldenen Pappkrone auf dem Kopf massig und traurig herumsitzt und bockig leiernd seiner Mutter antwortet. Dann schält sich aus diesem Umhang ein zweiter Kopf mit einer Pappkrone, ein Widerpart, ein Alter Ego, die zweite Seite einer Persönlichkeit, die sich verlassen fühlt, später sogar nackt ist. So entfaltet sich das Trauma eines Jungen, der seinen Vater verloren hat - weil der vom Onkel ermordet wurde - und der gleich darauf auch seine Mutter verlor - weil sie den Onkel, den Mörder seines Vaters, heiratete. Er fällt in die Leere, ins Nichts, kennt nur noch Zweifel.

Vor allem der erste Teil des Stücks ist dem Regisseur und seinem Ensemble hervorragend gelungen. Kein Geist von Hamlets Vater erscheint zu Anfang, sondern Hamlets Mutter Gertrud (Gabriela Maria Schmeide) taucht mit ihrem neuen Mann, König Claudius (André Szymanski) in einem Pas de deux auf. Zwei, die in lächerlich komischen Ritualen aufeinander eingeschworen sind. Sie, eine leicht erregbare Frau, er ein Macher und Macho, der hinkend schon mal an den berühmtesten Shakespeare-Fiesling, Richard III., erinnert. Zusammen bilden Mutter und Onkel ein sinnliches Paar, in dem für den Sohn kein Platz ist.

Eine haushohe Wand aus Jacken und Anzügen, die sich im Hintergrund türmt (Bühne: Annette Kurz, Kostüme: Ilse Vandenbussche) dient dazu, lautloses Verstecken und Geheimnisvolles zu betonen. Auf der Vorderbühne liegt ein toter Hirsch. Rätselhafte Mahnung an Vergangenes? Eine Atmosphäre des Dunklen, Unheimlichen umgibt die mal nur von unten, mal nur von einer Taschenlampe beleuchteten Darsteller. Das Gruselige und Faule am Staate Dänemark untermalt musikalisch Jens Thomas, der den Abend mit Klavier und einem Gesang begleitet, der gelegentlich an eine erkältete maurische Sängerin erinnert. Er röhrt und röchelt, stöhnt und seufzt, holt Laute aus dem tiefsten Inneren des Bauches, dort, wo das Gefühl sitzt.

Vieles ist gestrichen an diesem Abend, der neue Herrscher Fortinbras ebenso wie Horatio, Hamlets Freund. Mirco Kreibich, der die Höflinge Rosencrantz und Guildenstern in Personalunion spielt, verkörpert gleich auch noch die Schauspieltruppe, die Claudius als Mörder entlarvt. Dabei verdreht und verrenkt er sich in einer Mischung aus Breakdance und Bodenturnen, die sehr komisch wirkt. Und auch Laertes (Sebastian Zimmer), der als übergroßer Bruder von Ophelia auf Stelzen gehen muss, leistet Akrobatisches. Beider Vater Polonius ist in Barbara Nüsses Darstellung ein unverbesserlicher, verbiestert herrischer Kauz im Rollstuhl.

Die Schauspielleistungen - allen voran die Hamlets - waren brillant, mit Ausnahme vielleicht der Ophelia, die bei Birte Schnöink so auftrat, dass man gar nicht wusste, was sie hier eigentlich spielen wollte. Als Boten oder Gäste an diesem Abend tauchen immer wieder Kinder auf. Auch das erinnert uns daran, dass Hamlet in einer kindlichen Welt einen unschuldigen Menschen, ein ewiges Kind darstellt, das gegen das Böse in der Welt protestiert.