Karriere eines Fernsehmannes

Der Alltag von NDR-Intendant Lutz Marmor

Foto: Patrick Piel

Die Mühen der Ebene: Ob Song Contest oder die neuen Rundfunkgebühren. Marmor spricht übers Sparen und die Verpflichtung von Günther Jauch.

Hamburg. Lutz Marmor ist in Eile. Und deshalb spurtet der NDR-Intendant nun mit seiner persönlichen Referentin und dem Reporter im Schlepptau durch das Treppenhaus des Funkhauses an der Rothenbaumchaussee Richtung Foyer. Dort will der Abendblatt-Fotograf noch ein Bild von ihm schießen, während im Intendantenbüro im zweiten Stock bereits der nächste Besucher wartet. Marmors Terminkalender ist eng getaktet.

Der Intendant, der auch wegen seines uneitlen Auftretens innerhalb wie außerhalb des Senders hohes Ansehen genießt, sieht sich derzeit mit den Mühen der Ebene konfrontiert: Da muss Moderatorin Anne Will beruhigt werden, der Marmor im Schulterschluss mit WDR-Intendantin Monika Piel und ARD-Programmdirektor Volker Herres den Sendeplatz nahm und ihr den neuen Startalker des Ersten, Günther Jauch, vor die Nase setzte. Da versteht mancher NDR-Mitarbeiter seinen Chef nicht, weil der dem Drängen der niedersächsischen Landesregierung nachgibt und eine neue Nachrichtensendung für das Dritte in Hannover produzieren lässt - obwohl die geballte Nachrichtenkompetenz des Senders mit NDR aktuell und ARD aktuell in Hamburg konzentriert ist. Und da sind die Vertreter anderer ARD-Anstalten, die sich darüber ärgern, dass Marmor Lena Meyer-Landrut beim nächsten Eurovision Song Contest noch einmal antreten lässt, was bedeutet, dass es keine Castingshows geben wird, von denen zuletzt besonders die ARD-Hörfunkwellen profitierten.

Der Eurovision Song Contest ist immer noch eine Baustelle. Marmor hat für die ARD-Radiostationen ein Konzept entwickeln lassen, "mit dem wir zum Finale im eigenen Land die Spannung aufbauen können". Es soll Ersatz für die wegfallenden Castingshows sein. Abgesegnet haben die ARD-Anstalten das neue Konzept aber noch nicht. Offen ist nach wie vor auch, wo das Finale stattfinden wird, bei dem der NDR die Federführung hat. Ob Hamburg, Berlin, Hannover oder Düsseldorf Austragungsort wird, steht laut Marmor erst "Anfang Oktober" fest.

Endgültig ist dagegen der Beschluss, die neue regionale Nachrichtensendung , die ab 2011 um 21.45 Uhr auf N3 laufen soll, in Hannover zu produzieren. Marmor sagt, dies sei"auch eine standortpolitische Entscheidung". Niedersachsen ist der größte Vertragsstaat des NDR. Zudem wolle er den Sender dezentralisieren. Und "die Produktion der Regionalnachrichten in Hamburg wäre vermutlich eher teurer als in Hannover". Das überrascht. Schließlich sitzen in der Hansestadt alle großen Nachrichtenredaktionen des NDR. Aber Marmor verweist darauf, dass in Hannover schon heute Regionalnachrichten ("Hallo Niedersachsen") gemacht werden. Zudem werde an der Leine die 18.15-Uhr-Schiene von N3 koordiniert. Da laufen im Dritten allerdings Dokumentationen und keine Nachrichten.

Medien-Macher - Die Kolumne

Das Ziel, 50 Millionen Euro bis Ende 2012 einzusparen, glaubt Marmor mit den bisher eingeleiteten Maßnahmen erreichen zu können. Weitere Sparrunden seien jedenfalls nicht geplant. Wie berichtet, streicht der NDR die Radiosendung "Sonntakte", halbiert die Ausgaben von "Hamburg Sounds", bildet bis 2012 statt fünf nur vier Volontärsjahrgänge aus und nimmt den "ARD Ratgeber Technik" aus dem Programm. Hinzu kommen Kürzungen bei Produktion und Verwaltung. Erforderlich sind die Sparmaßnahmen laut Marmor wegen rückläufiger Werbeeinnahmen und niedrigerer Zinserlöse.

Der Intendant glaubt nicht, dass seinem Sender in absehbarer Zeit wesentlich mehr Geld zur Verfügung stehen wird: Angesprochen auf die Auswirkungen, welche die neue haushaltsbezogene Rundfunkgebühr auf den NDR haben wird, sagt er: "Ich weiß es nicht genau, aber ich nehme an, dass unser Gebührenaufkommen dann in etwa auf dem Niveau von heute liegen wird." Dass die öffentlich-rechtlichen Sender durch die Gebührenreform über eine Milliarde Euro mehr als bisher einnehmen werden, kann Marmor sich ganz und gar nicht vorstellen.

Vor teuren Neuverpflichtungen schreckt die ARD dennoch nicht zurück. Günther Jauchs Talkshow wird sie 10,5 Millionen Euro im Jahr kosten. Das entspricht einem Minutenpreis von 4487,18 Euro und liegt damit deutlich über dem von Anne Will, deren Sendung 3164 Euro pro Minute kostet und damit die bisher teuerste ARD-Talkshow ist. Marmor lässt durchblicken, dass die Höhe von Honorar und Produktionskosten Jauch bereits 2007 zugesagt wurde, als die Gespräche mit dem Moderator scheiterten, die damals für den NDR sein Vorgänger Jobst Plog führte. Diese Summe habe man nun nicht mehr unterschreiten können. Für Anne Will gibt es noch immer keinen neuen Sendeplatz. Aber: "Wir haben wieder einen sehr guten Draht."

Zu seinem Anschlusstermin ist Marmor dann doch zu spät gekommen. Da half auch der Schlussspurt des ehemaligen Basketballers nichts.