Wider die Phrase

Wie unsere Sprache wurde, was guter Stil ist, erklärt Thomas Steinfelds Deutschbuch "Der Sprachverführer"

Verben sind besser als Substantive, sie machen die Sprache lebendig. Starke Verben sind besser als schwache, das Aktiv ist besser als das Passiv. Wer schreibt, beruflich oder privat, hat all das schon einmal vernommen und hält sich doch nicht immer dran. Thomas Steinfeld, von Berufs wegen als Literaturkritiker bei der "Süddeutschen Zeitung" vom geschriebenen Wort, von den Sätzen gestreichelt und malträtiert, unternimmt in seinem neuen Buch nicht nur einen Ausflug in die reichhaltige Literaturgeschichte des Deutschen. Er verspürt, und da schlägt der ehemalige (Universitäts-)Lehrer durch, durchaus einen Bildungsdrang.

Wie angenehm, dass er diesem in "Der Sprachverführer" eher spielerisch-liberal Geltung verschafft! Es ist neben dem grammatischen natürlich der literarische und literarhistorische Blick, den Steinfeld auf Werden und Zustand der deutschen Sprache und Sprachkultur wirft.

Erfrischend, schlank und bestechend ist seine knappe Erzählung über das Werden des Deutschen als Literatursprache, sie entstand in einer beispiellosen Anstrengung deutscher Dichter und Denker in der Zeit, die sie die klassische nennen. Goethe natürlich, Herder, Wieland, Lessing, Schiller, sie waren es, die Wörter erfanden und ihnen Klang verschafften. Sie gaben dem Deutschen Rhythmus und einten das Land sprachlich - bevor es eine politische Nation gab. Man kann Steinfelds Buch nur mit Gewinn lesen, es führt souverän von einem großen Sprachnutzer zum anderen, beginnend bei Kafka und endend bei Goetz. Es ist mehr Sprachpreisung als Sprachkritik.

Die Stilkunde, die auf diese Weise entsteht, lässt dem Leser Luft und Lust zum Selberlesen. Die gleichsam organische Entwicklung des Deutschen ist für Steinfeld ein Prozess, der in der Vergangenheit eben darum erfolgreich war: wegen seiner Durchlässigkeit. Der Reichtum kommt vom Wandel, und deshalb ist die Angst vor Anglizismen unnötig. Nur die Phrase, die hohle Verstellung und Einschläferung der Sprache, muss weiter bekämpft werden - wer wüsste das nicht.

Thomas Steinfeld Der Sprachverführer. Hanser. 270 Seiten, 17,90 Euro. Der Autor liest auf dem Harbour Front Literaturfestival: 14.9., 19 Uhr, Instituto Cervantes im Chilehaus