Kultur erfahren, Teil 4

Wie Hundegekläff, nur tierischer

Foto: picture alliance / dpa / picture alliance / dpa/dpa

Die Wikingerstadt Haithabu ging vor 1000 Jahren unter, jetzt kann man sich auf Spurensuche begeben

Schleswig. Kaum vorstellbar, dass das heute so idyllische Haithabu einmal eine Weltstadt gewesen ist, eine für mittelalterliche Verhältnisse große Siedlung, die durch einen halbkreisförmigen Wall geschützt war und sich zu einem Hafen öffnete, in dem Schiffe aus fernen Weltgegenden anlandeten. Seit 1985 gibt es am Ufer der Schlei ein Museum, das daran erinnert, dass hier im neunten und zehnten Jahrhundert mindestens 1000 Menschen auf engem Raum lebten. Sie waren Fischer, Handwerker, Händler, Seefahrer und Krieger, vor allem aber waren es Wikinger - ein Name, der an Drachenboote, waghalsige Seefahrer und tapfere und manchmal auch grausame Krieger denken lässt. Haithabu liegt unweit von Schleswig, nur wenige Kilometer nördlich der Eider, die einst die Grenze zum fränkischen Reich bildete. Händler brachten Waren, die in Haithabu auf Schiffe verladen wurden, um nach Skandinavien oder in den Mittelmeerraum gebracht zu werden. Im Gegenzug transportierten Handelsschiffe aus Byzanz und aus arabischen Ländern Gewürze, Glas, Silberschmuck und andere Luxusgüter nach Haithabu. Im zehnten Jahrhundert notierte ein arabischer Reisender: "Haithabu ist eine sehr große Stadt am äußersten Ende des Weltmeeres. Im Stadtkern gibt es Quellen mit Süßwasser. Die Einwohner beten Sirius an, mit Ausnahme einer kleinen Minderheit, die Christen sind und eine Kirche haben." Im Vergleich zu den Kulturen im Mittelmeerraum war das Leben so weit im Norden freilich karger und beschwerlicher. "Die Stadt ist arm an Waren und Reichtümern. Die Menschen ernähren sich vor allem von Fisch, den es im Überfluss gibt", schreibt der Araber weiter, der offenbar mit dem Gesang der Wikinger Probleme hatte: "Nie hörte ich hässlicheren Gesang als bei den Schleswigern - ein Brummen dringt aus ihren Kehlen, wie Hundegekläff, nur noch tierischer."

Na ja, das ist lange her, Haithabu ging Mitte des elften Jahrhunderts unter und geriet später in Vergessenheit. Erst um 1900 kamen Archäologen der legendären Wikingerstadt wieder auf die Spur und gruben in den folgenden Jahrzehnten deren Reste aus, entdeckten den schützenden Wall, Gräber und das Wrack eines Wikingerschiffs.

Das alles kann man im Wikinger-Museum Haithabu erfahren, das im vergangenen Jahr für 2,1 Millionen Euro komplett neu gestaltet und im Mai wiedereröffnet wurde. Wer das Museum von früher kennt, wird sich an eine ziemlich in die Jahre gekommene Ausstellung erinnern, die modernen Ansprüchen schon lange nicht mehr genügte. Doch heute ist es wirklich auf der Höhe der Zeit, vermittelt historisches und kulturgeschichtliches Wissen anschaulich und spannend. Wie sah der Alltag der Menschen aus? Woran glaubten sie? Wie bestatteten sie ihre Toten? Womit bezahlten sie Waren, die aus fernen Ländern kamen? Auf welche Weise konstruierten sie ihre Boote und wie schützten sie ihre Stadt vor den Angriffen von Feinden? Auf diese und viele andere Fragen liefert die Ausstellung sehr konkrete Antworten, die es den Besuchern im Laufe des Ausstellungsrundgangs immer leichter machen, sich das Leben in Haithabu vorzustellen.

Mit einem modernen Projektionsverfahren werden sogar Steine zum Sprechen gebracht, so ist die Runeninschrift des berühmten Skarthesteins erst in Altdänisch und später in deutscher Übersetzung zu hören. Der auf den ersten Blick eher unscheinbare Stein erinnert daran, dass ein König um einen seiner gefallenen Krieger trauerte. Die Runenschrift lautet "König Sven setzte diesen Stein nach (zum Gedenken an) Skarthe, seinem Gefolgsmann, der nach Westen (England) gefahren war, aber nun fiel bei Haithabu".

Das im Hafen entdeckte Schiffswrack ist restauriert worden, sodass man sich ein Bild davon machen kann, mit welchen Fahrzeugen die Wikinger einst die Meere befuhren. Bis zu dem Wikingerdorf am Selker Noor, das ebenfalls zum Museum gehört, ist es nur ein kurzer Spaziergang am Ufer der Schlei. Mit alten Handwerkstechniken, aber auf der Grundlage neuester Forschungen, sind hier, im einstigen Zentrum von Haithabu, Wohn- und Handwerkerhäuser nachgebaut worden, die man betreten und besichtigen kann. Auf dem 2400 Quadratmeter großen Areal gibt es geflochtene Zäune, Hütten und eine Landungsbrücke. Kunsthandwerker, die wie Wikinger gekleidet sind, stellen Schmuck und Waffen her, die man kaufen kann. Mit ein bisschen Fantasie fühlt man sich hier tatsächlich um 1000 Jahre zurückversetzt - bis man auf dem Rückweg zum Parkplatz am jenseitigen Schleiufer die Silhouette von Schleswig wahrnimmt, die von einem wenig ansprechenden Hochhaus aus den 70er-Jahren überragt wird. Offiziell heißt es zwar Wikingerturm, hat aber mit den einstigen Bewohnern von Haithabu absolut nichts zu tun.

Wikinger-Museum Haithabu , Haddeby bei Schleswig, bis Oktober tgl. 9.00-17.00, Infos www.schloss-gottorf.de