Interview mit Audiolith-Gründer

Lars Lewerenz: Der Mann hinter der Frittenbude

Foto: Roland Magunia

Lars Lewerenz, Gründer der Plattenfirma Audiolith, über Fehlschläge und Erfolge, das Dockville-Festival und staatlich geprüften Elektro-Punk.

Hamburg. Mit Bands wie Frittenbude, Bratze und Egotronic ist die Hamburger Plattenfirma Audiolith dieses Jahr auf nahezu allen namhaften Festivals vertreten. So auch heute und morgen bei Dockville. Das Hamburger Abendblatt traf Labelgründer Lars Lewerenz, 33, vorab im Büro im Karostar am Neuen Kamp.

Hamburger Abendblatt:

Hedonismus, das ungehemmte Streben nach der eigenen Glückseligkeit, ist eine der auffälligsten Triebfedern unserer Gesellschaft. Ist die Musik, für die Ihre Plattenfirma Audiolith steht, der Soundtrack zum Hedonismus in diesem Land?

Lars Lewerenz:

Nein, auf keinen Fall. Das, was wir auf unserem Label präsentieren, soll helfen, den Alltag zu bewältigen. Nichts liegt uns ferner, als nur den Partysong zum Ausrasten am Wochenende zu liefern. Dazu gehört es zum Beispiel, in den Osten zu fahren und für Kids, die unter alltäglichem Terror von Nazis leiden, zu spielen und sie so zu unterstützen.

Wild gefeiert wird aber trotzdem bei den Konzerten.

Wenn man sich anschaut, wer zu den Shows kommt, dann sind das ja eher die Jugendlichen, die mit der Gesellschaft hier nicht klarkommen. Klar feiern die gut ab, aber das ist auch immer ein Ausgleich zum alltäglichen Leistungs- oder Konkurrenzdruck und dem öden Spaßprogramm dieser Gesellschaft.

Wenn man ein Musikgenre auf einen Lebensstil ausweitet, wie sieht dann die Philosophie von Audiolith-Bands als Lebensbegleiter aus?

Im Endeffekt geht es um die Menschen hinter der Musik und den Texten, die bei uns auf Augenhöhe mit den Fans kommunizieren und sagen: Hey, wir sind keine abgehobenen Penner, die das Geld aus euch rausquetschen wollen.

Wie begegnet man zum Beispiel dem Hamburger Duo Bratze auf Augenhöhe?

Bratze berühren mit Texten, die sehr verschachtelt sind und zum Nachdenken anregen. Sie legen einem Worte in den Mund, die man sich vielleicht nicht traut zu sagen und halten trotzdem Hintertürchen auf, das Gesagte zu revidieren und sich zu neuen Ufern aufzumachen.

Die Berliner Audiolith-Bands Supershirt und Egotronic ("Raven gegen Deutschland") klingen plakativer.

Richtig. Supershirt sind zwei Jungs, die einfach einen unglaublichen Humor in ihren Texten beweisen. Egotronic ist die politischste Band auf Audiolith, die sich sehr mit Detailfragen auseinandersetzt und immer für die gute Sache eingestanden ist.

Eindeutig linke Bands wie Egotronic stehen in der Szene automatisch unter dem Zwang der Anti-Haltung gegen kommerzielles Kalkül. Auf der anderen Seite entdeckte Audiolith Gruppen wie Frittenbude aus München, die beim Hurricane-Festival so viele Fans vor die Bühne lockten, dass der Auftritt abgebrochen werden musste. Wann kommen die ersten "Ausverkauf!"-Rufe?

Wir sind eine kleine Firma, die Mieten und Produktionen stemmen muss und trotzdem Risiken eingeht. The Dance Inc. beispielsweise war die Band, die am meisten auf Audiolith veröffentlicht wurde, die aber am wenigsten verkauft hat und dann zerbrochen ist. Frittenbude hat ebenfalls in den kleinsten Löchern gespielt, ist jetzt aber mit dem zweiten Album "Katzengold" auf Platz 57 der Charts eingestiegen. So etwas kann man auch mit dem guten Netzwerk, das wir aufgebaut haben, nicht kommerziell kalkulieren. Und das wollen wir auch nicht.

Viele Hamburger Labels sind an ihren Ansprüchen finanziell gescheitert. Tonträger werfen kaum noch Geld ab, die Kartenpreise für Audiolith-Konzerte sind im unteren Segment angesiedelt. Wie können Sie so überleben?

Ich habe Audiolith als Modulsystem aus Verlag, Merchandise, Label und Booking aufgebaut. Diese Geschäftsfelder laufen mal mehr, mal weniger gut oder schlecht. Deshalb kommt manchmal Geld durch Fanartikel rein, was wiederum in die Produktion gesteckt wird. Wobei die Bands keine großen Studios brauchen, sondern zu Hause produzieren. Da kann man auch mit verkauften Einheiten zwischen 1000 und 3000 Tonträgern schwarze Zahlen schreiben. Ich habe natürlich auch schon viel Geld in den Sand gesetzt. Aber das gehört halt dazu, wenn man solch ein Label betreibt.

Der Senat hat beschlossen, ausgewählte Produktionen Hamburger Independent-Label finanziell zu fördern. Hat Audiolith an diesem Förderprogramm schon teilgenommen?

Teilgenommen noch nicht, aber ich kenne die Anforderungen und werde auf jeden Fall mit unseren Künstlern besprechen, wer sich eine Teilnahme vorstellen könnte.

Ist das nicht ein Widerspruch in sich, eine systemkritische Band wie Egotronic zu betreuen, und auf der anderen Seite im Prinzip staatlich unterstütze Elektro-Anarcho-Musik anzubieten?

Ich persönlich würde dem zustimmen, aber als Label kann ich der jeweiligen Band das Förderprogramm vorstellen und zur Diskussion überlassen. Es geht ja nicht darum, einfach nur die Kohle abzugreifen, es ist auch Standortpolitik. Bevor also die Kritikpeitsche geschwungen wird, sollte man sich klarmachen, dass der Etat dieser Förderung auch weniger sinnvoll investiert werden könnte. Produktionen von Bratze und Clickclickdecker wurden bereits von der Initiative für Musik gefördert, was sich bisher als sehr sinnvoll erwiesen hat. Für die Bands, das Label und die Musikkultur dieser Stadt.

Wenn über Ihr Label berichtet wird, fehlt nie der Zusatz "aus Hamburg". Audiolith blickt aber weit über die Stadtgrenzen hinaus nach München, Zürich, Braunschweig, Berlin. Ist der Begriff "Hamburger Label" eine Last?

Ich habe noch die Hafenstraßen-Kämpfe, Ronald Schill oder die Räumung von Bauwagenplätzen miterlebt. Ich gehe nicht mehr auf die Reeperbahn, die Schanze ist am Wochenende unerträglich geworden. Aber das muss man nach außen tragen, in seinem Mikrokosmos für neue künstlerische Freiräume ackern. In unserem Fall mit Musik. Insofern ist "Hamburger Label" keine Last, sondern Verantwortung, die sich nicht auf Hamburg beschränkt. Denn die Gefahr, dass Kultur langweilig wird, besteht überall.

Bratze und Frittenbude spielen auch auf dem Dockville-Fesival für Musik und Kunst. Ist Audiolith Kunst?

Ich muss gestehen: Ich kenne mich, wie mit vielen Sachen, mit Kunst überhaupt nicht aus. Ich würde Audiolith einfach als Lebenswerk, Philosophie und soziales Netzwerk beschreiben, anstatt es einem Begriff unterzuordnen, bei dem ich nicht weiß, wie er dekliniert wird.

Marcel Duchamp hat 1917 ein Urinal zum Kunstwerk erklärt. Wenn Audiolith Lebenswerk, Philosophie und soziales Netzwerk ist, dann sind Sie doch über den Begriff "Kunst" schon hinaus.

Über das Ziel "Kunst" hinausgeschossen. Ja, das hört sich schon eher nach Audiolith an.

Neben den Audiolith-Bands Bratze und Frittenbude tummeln sich über 90 Bands, DJs und Künstler, darunter Wir Sind Helden, Klaxons, Jan Delay und Jamie T., vom 13. bis zum 15. August beim Dockville-Festival am Reiherstieg Hauptdeich (Ecke Alte Schleuse) in Wilhelmsburg. Tages- und 3-Tageskarten gibt es noch an den Tageskassen (45 bis 80 Euro). Vom S-Bahnhof Wilhelmsburg verkehrt ein regelmäßiger Bus-Shuttle (2 Euro pro Tag). Der Campingplatz ist bereits ausgebucht. Das Hamburger Abendblatt begleitet das Dockville-Festival täglich, mehrmals aktualisiert online auf www.abendblatt.de/dockville