Kammermusik als fröhliche Wissenschaft

Prächtig gelungen: der Auftakt der 65. Sommerlichen Musiktage in Hitzacker

Hitzacker. "Kalbendes Schelfeis"? Ein Begriff fürs Wörterbuch der Eindruckschinder. Wenn Schelfeis kalbt, muss das was mit Eisvermehrung zu tun haben. Vor allem aber macht es Geräusche, jedenfalls, wenn man ausreichend empfindliche Mikrofone im Eis versenkt - und lauscht. 50 Stunden Klangmaterial aus dem in antarktischer Tiefe geparkten Container "Palaoa" standen dem Winsener Klangtüftler Matthias Kaul als Quellenmaterial zu einer Auftragskomposition der 65. Sommerlichen Musiktage Hitzacker zur Verfügung, die jetzt beim Eröffnungskonzert am Wochenende ihre Uraufführung erlebte. Kaul spielte das knapp viertelstündige Werk namens "Glowing Sea" mit seinem Ensemble L'art pour l'art in einer ebenso strengen wie skurrilen Performance, die den verspielten Ernst des diesjährigen Festival-Mottos "Ins Labor!" spiegelte.

Kauls knisternde, geheimnisvolle Musik kam aus Flöte (Astrid Schmeling) und Kontrabass (John Eckhardt), aus einem Hybrid aus Konzertgitarre und E-Bass und zwei Trommeln, die über Drähte mit den Bass-Saiten verbunden waren. Vor allem aber musizierte er auf einem höchst merkwürdig anzusehenden, zauberhaft klingenden Instrumentarium Marke Eigenbau. Sein Klanglabor ist wohl zuerst Spielzimmer oder Bastelwerkstatt.

Instrumentale Hexerei boten zuvor Konstantin Lifschitz (Klavier) und Andrej Bielow (Violine), die im Wechsel mit von Siegfried W. Kernen herrlich gesprochenen Zitaten aus Goethes "Faust" und dem "Zauberlehrling" entsprechend ausgewählte Piècen von Ligeti, Skrjabin, Szymanowski und Nathan Milstein vortrugen. Die feine Dramaturgie - Markenzeichen von Hitzacker spätestens seit 2002, als Markus Fein die künstlerische Leitung übernahm - setzte sich auch am Abend mit dem umjubelten Auftritt des Percussion-Quartetts Via Nova fort. Deutlich stärker geerdet in der Folklore Ost- und Südeuropas als etwa Martin Grubinger mit seinen Weltmusik-Trommlern, spielten die beiden Bulgaren und die beiden Österreicher ihr Publikum aufs Schönste mit krummtaktigen Tänzen und Virtuosenstückchen schwindlig.

Performance auch hier: ein prächtiger Versuchstisch aus der Hexenküche der Chemie mit Phiolen, einer fluoreszierend grünen Flüssigkeit, Schwefeldampf und bengalischem Feuer illuminierte schwach das auf sechs Billigfeuerzeugen vorgetragene Entertainment-Stückchen "Vous avez du feu?"

Ein halbes Dutzend ortsansässige Laiengruppen und -Chöre musizierten am Sonntag zu Ehren von Charles Ives in der Kirche und im Freien. Fabelhaft die Profis vom Boulanger-Trio mit Ives' Klaviertrio von 1905, einer irren Mitte zwischen den Polen Haydn und Free Jazz. Wahrlich visionär.