Wie die Musik von früher immer wieder Gegenwart wird

Christoph Eschenbach, Christiane Oelze und das NDR Sinfonieorchester eröffnen das 25. Schleswig-Holstein Musik Festival mit Sinfonien von Schumann und Mahler

Lübeck. Beim zweiten Auftritt gestern Vormittag war seine Rolle viel bescheidener, doch jetzt sah Peter Harry Carstensen geradezu selig aus. Der Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein tat nichts weiter, als der großartigen Sopranistin Christiane Oelze im Schlussapplaus des Eröffnungskonzerts des Schleswig-Holstein Musik Festivals in der Lübecker Musik- und Kongresshalle artig einen Blumenstrauß zu überreichen und dem Dirigenten Christoph Eschenbach zweimal die Hand zu schütteln.

Als er um elf Uhr die Bühne das erste Mal betreten hatte, war ihm ein Chor aus Buhrufen entgegengeschallt. Zwei Konzertbesucher hatten auf der Balustrade über dem Orchester ein Spruchband mit der Losung "Lübeck kämpft für seine Uni" ausgerollt. Carstensen bekundete Verständnis für den Protest und mahnte, das Land könne nicht wie Felix Krull ständig über seine Verhältnisse leben. Dann verwies er auf seine Rettungsbemühungen für die Universität unter Zuhilfenahme von Bundesmitteln - und wurde vom Auditorium ausgelacht. Nicht ohne Bonhomie ging Carstensen anschließend zur Tagesordnung über, die ein staatstragend-launiges Grußwort des Ministerpräsidenten zu 25 Jahren SHMF vorsah.

So endete gestern Mittag auch für den Spitzenpolitiker glücklich, was im Vorfeld von einigem kulturpolitischen Unwetter begleitet gewesen war. Das stolze Jubiläum des SHMF fällt mit den womöglich drastischsten Haushaltseinsparungen zusammen, die das Land je zu verkraften hatte. Davon bleibt auch das Festival nicht verschont. Aber gestern Vormittag traten für zwei Stunden die Interessenskonflikte zwischen den Finanzzuchtmeistern und dem murrenden Volk zurück - hinter das Staunen über den Reichtum an kompositorischer Kraft und klanglicher Delikatesse und hinter das Auskosten einer Stille, die nach dem tiefen Basston der Harfe am Ende von Mahlers vierter Sinfonie eine kostbare halbe Minute lang die Interpreten auf der Bühne und die Zuhörer einte wie ein Gebet ohne Worte.

Robert Schumanns 3. Sinfonie, die "Rheinische", ließen Eschenbach und die NDR-Sinfoniker mit ungebremstem, gleichwohl sehr norddeutsch anmutendem festlichen Geläute in den Saal rauschen. Schon der unerschütterliche Optimismus, der dem Kopfsatz dieser Sinfonie entströmt, musste alle Stirnfalten der Rotstiftspitzer und des Festivalintendanten glätten.

Mahlers Vierte dann präsentierte Christoph Eschenbach in des Wortes seltenerer Bedeutung: Er machte die Musik präsent. Er holte die vor 110 Jahren vollendete Sinfonie derart in die Gegenwart, dass sie passagenweise so klang, als sei die Tinte auf der Partitur noch kaum getrocknet. Der ehemalige Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters und ehemalige Intendant des SHMF erwies sich als großer Dialektiker, dem das Antithetische von Wissen und Unschuld zur Quelle authentischer und unmittelbarer Kunsterfahrung wird. Erst die genaue Kenntnis des Werks eröffnet ihm die Chance zur denkbar frischesten Deutung, nur der Anfänger-Geist dringt bis in die Tiefenschicht der Partitur vor. Erregend wurde deutlich, wie viel Motivik Alban Bergs schon in dieser letzten von Mahlers "Wunderhorn"-Sinfonien liegt.

Die jenseitig-hedonistischen Zeilen "Wir genießen die himmlischen Freuden / drum tun wir die irdischen meiden" aus "Des Knaben Wunderhorn", die den letzten Satz bestimmen, sang Christiane Oelze mit ihrem die Töne wunderbar nuancenreich modellierenden Sopran. So viel Glück hält nicht ewig vor; für diesen langen Festivalsommer wird es wohl reichen.