Malerei

Heinrich Vogeler - Ein Sommerabend in Worpswede

Kultur erfahren: Der Maler Heinrich Vogeler steht im Mittelpunkt einer gemeinsamen Schau der vier Worpsweder Künstlerdorf-Museen.

Worpswede. Rosen, Rhododendren, Geranien und Hortensien blühen, eine schöne junge Frau in kostbarem Kleid steht am oberen Ende einer geschwungenen Freitreppe des Hauses. Rechts musizieren drei Herren, links hören drei junge Frauen sitzend zu, im Hintergrund steht ein bärtiger Mann. Ganz vorn liegt auf der Treppe ein großer russischer Windhund. Zeigt dieses prächtige Gemälde eine Idylle? Keineswegs, denn trotz der Musik, der scheinbaren Geselligkeit und aller Blütenpracht ist das Bild in Wahrheit ein trauriger Abgesang.

Als Heinrich Vogeler (1872-1942) im Jahr 1905 sein Gemälde "Sommerabend" vollendete, steckte er in einer schweren Krise, denn er musste begreifen, dass er mit seiner Ehe und der Vision einer künstlerischen Arbeits- und Lebensgemeinschaft gescheitert war. Das berühmte Gemälde ist eines der Schlüsselwerke der großen Ausstellung "Vom Romantiker zum Revolutionär - Worpswede auf den Spuren Heinrich Vogelers", mit dem vier Worpsweder Museen jetzt erstmals gemeinsam an die Öffentlichkeit treten.

+++ Komm, wir häkeln uns ein Korallenriff +++

Vorausgegangen war ein neun Millionen Euro teurer Masterplan, auf dessen Grundlage sich das arg in die Jahre gekommene historische Künstlerdorf in den letzten beiden Jahren völlig neu erfunden hat. Die denkmalgeschützten Museen wurden restauriert, heutigen Standards angepasst und erhielten deutlich vergrößerte Ausstellungsflächen. Hinzu kamen ein modernes Besucherzentrum, vor allem aber ein inhaltliches Gesamtkonzept. Die vier Häuser Barkenhoff, Große Kunstschau, Haus im Schuh und Worpsweder Kunsthalle, die früher eher konkurriert als kooperiert haben, treten nun erstmals gemeinsam auf und können auf diese Weise die vielen verschiedenen Facetten der berühmtesten deutschen Künstlerkolonien erlebbar machen.

Den Auftakt bildet nun also Heinrich Vogeler, der mit Hans am Ende, Fritz Mackensen, Otto Modersohn und Carl Vinnen zu den Gründern der Künstlerkolonie gehörte. Auf dem Gemälde "Sommerabend" sind viele der historischen Akteure versammelt: Sich selbst hat Vogeler ganz rechts halb verdeckt, Cello spielend dargestellt, links neben ihm sein Bruder Franz mit Geige, der stehende Flötist ist sein Schwager Martin. Martha, Vogelers junge Frau, steht in der Mitte zwischen den beiden dekorativen Empire-Schmuckvasen des Eingangs. Ganz links ist Paula Modersohn-Becker zu sehen, neben ihr Agnes Wulff und Clara Rilke-Westhoff. Der Bärtige im Hintergrund ist Otto Modersohn. Glücklich sind sie alle nicht, Martha blickt traurig in die Ferne, die anderen wirken in sich gekehrt und verschlossen. Die Gemeinschaft der Künstler und ihrer Frauen und Musen ist gestört, man hat sich nichts mehr zu sagen, wird bald auseinandergehen.

Das großformatige Bild, das zu den Ikonen der deutschen Kunst des frühen 20. Jahrhunderts zählt, hängt jetzt im Barkenhoff, dem Haus, vor dem sich die Szene abspielt und das Vogeler 1894 erworben und später nach eigenen Vorstellungen zum Gesamtkunstwerk aus- und umgebaut hat. Hier war der Kristallisationspunkt der Künstlerkolonie, wo man, wie Otto Modersohn schwärmte, "unvergessliche Sonntage bei Vogeler" verbrachte, "von Musik und literarischen Erzeugnissen auf die schönste Weise verklärt".

Mit mehr als 300 Exponaten, von denen viele aus Privatbesitz stammen und manche noch nie öffentlich gezeigt wurden, zeichnet die Ausstellung an vier Stationen Vogelers außergewöhnliches Leben nach, der als Jugendstilmaler begann, unterschiedlichste Genres erprobte, als Revolutionär in die Sowjetunion ging und dort 1942 unter erbärmlichen Bedingungen starb.

In den vier Museen werden je ein Aspekt und Bild dieses Künstlerlebens beleuchtet: Im Haus am Schuh ist es das Jugendstil-Frauenbildnis "Frühling" von 1897, das Martha Vogeler in märchenhafter Pose zeigt. Im Barkenhoff steht der "Sommerabend" im Fokus, in der Großen Kunstschau Worpswede ist es das 1924 entstandene propagandistische Bild "Winterkommando", eines jener futuristischen Komplexbilder, die in der Sowjetunion aufgrund ihrer Modernität bald auf Ablehnung stießen. Und in der Worpsweder Kunsthalle, in der Vogelers Einsatz gegen Krieg und Nazis beleuchtet wird, steht das eindringliche Gemälde "Die Leiden der Frauen im Krieg" im Zentrum, das 1918 entstanden ist.

"Vom Romantiker zum Revolutionär. Worpswede auf den Spuren Heinrich Vogelers" Worpsweder Museumsverbund, bis 30.9., tgl. 10.00-18.00. Die Worpsweder Museumskarte kostet 15, erm. 10 Euro. Sie ist ein Jahr gültig, übertragbar und ermöglicht den einmaligen Besuch in allen vier Museen. Info: www.worpsweder-museen.de

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