Hafencity

Neue Gedenkstätte - Wie gestaltet man Erinnerung?

Wegweisersystem, Toncollagen und mehr: Hamburger Jugendliche erarbeiteten ein Konzept für eine Gedenkstätte in der HafenCity.

Hamburg. Wenn Besucher künftig den abgedunkelten Eingangsbereich betreten, werden sie Geräusche von Dampflokomotiven hören, das Kreischen von Eisenbahnrädern und das Rattern von Güterzügen, die sich langsam in Bewegung setzen und entfernen. Dazu eine Stimme, die erklärt, dass hier am Lohseplatz bis 1955 der Hannoversche Bahnhof stand, von dessen Gleisen zwischen 1940 und dem letzten Kriegsjahr 20 Güterzüge mit insgesamt etwa 7700 Juden, Sinti und Roma nach Osten gefahren sind. Zielort war das Vernichtungslager Auschwitz.

Die eindrucksvolle Toncollage stammt von Hamburger Jugendlichen, die seit mehr als einem Jahr in mehreren Arbeitsgruppen Ideen für die Gestaltung des Gedenkortes in der HafenCity entwickelt haben. Jetzt fand im Museum für Hamburgische Geschichte die Abschlusspräsentation des Projekts "Wie wollt ihr euch erinnern?" statt, an dem sich Jugendliche im Alter von 15 bis 19 Jahren beteiligt haben. Im Museum stellten sie zum Beispiel bedruckte Taschen vor, die später in der Gedenkstätte verkauft werden können, ein Wegweisersystem und einen mobilen Stand, der schon vor der Eröffnung in Schulen und an öffentlichen Orten über die künftige Gedenkstätte informieren soll. Ein Rap über die Deportation machte deutlich, dass die Jugendlichen den Mut aufbrachten, sich in den für sie üblichen, verständlichen Ausdrucksmöglichkeiten mit dem historisch so belasteten Ort auseinanderzusetzen.

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Und genau darum ging es, denn nicht zuletzt weil Jugendliche einen großen Teil der Besucher von Gedenkstätten stellen, hatten der Landesjugendring Hamburg und die Kulturbehörde im vergangenen Jahr das Projekt initiiert. "Das Interesse war sehr groß. Es gab 80 Bewerbungen, von denen wir 45 berücksichtigen konnten", sagt Projektleiter Oliver von Wrochem von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Er gehört zu dem Expertenteam, das die Schüler bei den insgesamt sieben Workshops begleitet hat. Sie lernten den historischen Ort kennen, begegneten Zeitzeugen, beschäftigten sich mit medialen Formen der Erinnerung und besuchten die KZ-Gedenkstätte Neuengamme und Erinnerungsorte in Berlin. "Für mich war vor allem die Begegnung mit den Zeitzeugen wichtig. Dadurch konnte ich mir erst vorstellen, was damals tatsächlich passiert ist", sagt Alexa Novell, 19. Und Sureija Gotzmann, 18, weiß recht genau, welchen Problemen ein Gedenkstättenkonzept ausgesetzt ist: "Einerseits muss man die Menschen emotional ansprechen, andererseits darf es auf keinen Fall zu einem Erlebnispark werden."

Manche Ideen der Jugendlichen werden in die Realisierung des Gedenkortes Hannoverscher Bahnhof einfließen, auch wenn bis dahin noch einige Jahre vergehen. Kultursenatorin Barbara Kisseler (parteilos) war von der Präsentation beeindruckt. Die Idee, Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, sich aus ihrer Sicht mit der Vergangenheit der Heimatstadt auseinanderzusetzen, nannte sie "einen in dieser Form bisher einzigartigen Ansatz". In den Jahren 2013/14 soll zunächst ein Dokumentationszentrum entstehen, die künstlerische Gestaltung der historischen Bahnsteigkante, deren Gelände zurzeit noch vermietet ist, folgt dann ab 2017.