Die Stadtteilserie

HafenCity

Leben und arbeiten im Modellprojekt: Fast jeder in Hamburgs jüngstem Stadtteil ist ein Pionier.

Alles so schön sauber hier. Die Gehwegplatten sind so hell, dass bei Sonnenschein eine Sonnenbrille in der HafenCity empfehlenswert ist. Dazu das glitzernde Wasser. Typisch ist auch dieser Wind, der zwischen den Häusern entlangdüst. Ist in Eimsbüttel im Sommer T-Shirt-Wetter, darf in der HafenCity der Pullover nicht fehlen. Hamburgs jüngster Stadtteil unterscheidet sich eben in vielerlei Hinsicht von den alten Quartieren. Feiner Rollrasen bedeckt die Hügellandschaft an der Straße Großer Grasbrook. Dreck, Müll, gar Hundekot scheint es nicht zu geben. Noch nicht. Und die Hügellandschaft ist mehr als eine grüne Wiese. Sie heißt, vielleicht ein wenig großspurig, Sandtorpark.

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Kurz & knapp +++

+++ Name & Geschichte +++

+++ Bekannte Söhne +++

Großveranstaltungen wie die Hamburg Cruise Days und das Getöse um die Ankunft der "Queen Mary 2" strapazieren die Bewohner manchmal arg. Sicherlich, wer hierherzieht, weiß, was ihn erwartet. Dennoch möchten manche weniger Show. Der Stadtteil mit dem großen C im Namen war einmal und ist immer noch ein Projekt. Doch längst wird in dem Viertel zwischen Elbe, Altstadt und Elbbrücken eben auch gelebt, besonders in dem Teil um die Straße Kaiserkai mit den Restaurants, Geschäften und Wohnungen und Richtung Überseeboulevard.


Der Parkplatzmangel ist gewollt

Manchmal wird das Leben der Menschen, die hier tatsächlich wohnen, fast übersehen. In der Woche prägen Männer in Anzügen und Frauen in Kostümen das Bild auf den Straßen und in den Restaurants beim Mittagessen. Am Wochenende kommen die Touristen und die übrigen Hamburger zum Bummeln und zum Gucken. Sie scheinen stolz auf ihre HafenCity zu sein und führen auswärtigen Besuch gern herum und flanieren.

Ein typisches Bild sind deshalb Menschen mit einer Kamera um den Hals, die mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger auf Bauwerke zeigen. Viele von jenen, die nur zu Besuch sind, äußern sich begeistert über das Flair, um dann aber gleich hinzuzufügen: "Wohnen möchte ich hier nicht, das ist zu steril." Die HafenCity sei ein überdimensionales Neubaugebiet ohne Grün. Dabei ist das Grün der HafenCity das Wasser. Basta! Grüne Oasen sind neben dem Sandtorpark in Zukunft der Lohsepark und der Spielpark Grasbrook. Die Architektur sei langweilig und eintönig, ist auch so eine Meinung von vielen. Kaum ein anderer Stadtteil wird so kritisch beäugt.

Er ist eben ein Modellstandort mit innovativen Ideen. So gibt es keine Fahrradwege. Stattdessen sind die Promenaden und breiten Gehwege für Radfahrer und Fußgänger gleichermaßen. Autos parken zumeist in Tiefgaragen. Wer klug ist, kommt mit dem Rad und öffentlichen Verkehrsmitteln, denn Parkplätze sind Mangelware. Das ärgert manche Autofahrer, tut dem Straßenbild aber gut. Bis 2025 soll der Stadtteil fertiggestellt sein, 10,5 Kilometer Promenade an der Wasserkante sollen es einmal sein.

Bereits 1991 hatte der damalige Erste Bürgermeister Henning Voscherau inoffiziell den Auftrag erteilt, die Umwandlung des innerstädtischen Hafenrands zu prüfen. Am 29. Februar 2000 schrieb der Senat mit dem an diesem Tag verabschiedeten Masterplan für einen neuen innerstädtischen Stadtteil Geschichte. Die westlichen Quartiere haben sich schon als Wohn- und Arbeitsort etabliert.

Mehr als eine Spielwiese der Reichen

Vielen gilt das Gebiet als Spielwiese der Reichen. Noch so ein Klischee. Sinnbild dafür ist auch der 17-stöckige Marco-Polo-Tower. Wer sich dort eine der luxuriösen Eigentumswohnungen gönnen will, zahlt für den Quadratmeter mehr als 10 000 Euro. Es ist ein Stadtteil der Doppelverdiener, derjenigen, die sich montags morgens mit ihren Rollkoffern auf den Weg zum Flughafen oder zum Bahnhof machen, um woanders in Deutschland und weltweit zu arbeiten und Geld zu verdienen. Am Wochenende kommen sie dann zurück in die HafenCity, die für viele Zweit- oder Drittwohnsitz ist. Es ist auch ein Stadtteil der alleinstehenden beruflich Erfolgreichen, die sich in den neu gebauten Wohnungen mit den großen Fensterfronten (mit Glück auch Elbblick inklusive) eingerichtet haben. Manche in Wohnungen, die von Designern gestaltet worden sind, andere in Objekten der Hamburger Wohnungsbaugenossenschaften. Die Mehrzahl der Bewohner gehört wohl zum Mittelstand. Auch Rentner und Frührentner leben hier.

Und es ist auch und immer mehr der Stadtteil der Familien, die sich in Bauherrengemeinschaften und Wohnprojekten wie Nidus und Hafenliebe zusammentun, um in einer familienfreundlichen Umgebung zu wohnen. Die sich ihre eigene wohlige Welt schaffen. Diese Familien, die aus Eimsbüttel, Ottensen oder St. Pauli kommend das Abenteuer HafenCity eingehen, finden hier ein fast beschauliches Leben, in dem sich die Kinder in geschützten und stetig grüner werdenden Innenhöfen frei bewegen. Weil es kaum zugeparkte Nebenstraßen gibt, dafür aber breite Bürgersteige und Uferpromenaden, lassen Eltern ihren Kindern viel Freiraum. In kleinen Gruppen gehen die HafenCity-Kinder zum Inlineskaten in den Sandtorpark.

Aufbruchstimmung allgegenwärtig

Die HafenCity umgibt ein ganz besonderer Geist, es herrscht eine Aufbruchstimmung, sagt Michael Klessmann. Der IT-Experte gibt im Stadtteil die Zeitung "HafenCity News" heraus. Geht er am Wochenende vormittags zum Einkauf in den Edeka-Markt am Überseeboulevard, kehrt er manchmal erst abends zurück. Immer trifft er Nachbarn und andere Anwohner. Man verquatscht sich eben gern mal. Spricht man mit Herrn Klessmann und anderen Anwohnern, versprühen die meisten von ihnen jede Menge Enthusiasmus.

In gewissem Sinne ist hier jeder ein Pionier, weil er die Chance hat, einen Stadtteil von Anfang an mitzugestalten. Im Verein Netzwerk HafenCity e. V. arbeiten die Bewohner in Arbeitsgemeinschaften an Themen wie Verkehr, Soziales, Ökologie. Sie mischen sich ein, auch wenn es darum geht, Plätze und Straßen zu benennen. Die Sandtorhafenklappbrücke an der Elbphilharmonie wurde in Mahatma-Gandhi-Klappbrücke unbenannt. Das gefällt vielen Anwohnern nicht. Sie wünschen sich mehr Bodenständigkeit.

Vom Kiosk bis zum Klub

Die Bewohner der ersten Stunde kennen ihren Stadtteil noch als reine Baustelle. Bis August 2011 gab es noch nicht einmal einen Supermarkt. Inzwischen aber hat die HafenCity alles, was zu einer vernünftigen Infrastruktur gehört: Läden, Cafés, Restaurants, Ärzte. Thomas Jeche mit seinem Feinkost HafenCity am Kaiserkai gehört längst zu den Etablierten, genau wie der Kiosk HafenCity Tabak. Und auch das Nachtleben ist mit dem Chilli-Club, der Bar im Hotel 25hours und dem Club 20457 langsam ernst zu nehmen. Aber noch immer wird gebaut. Die bekannteste Baustelle ist die Elbphilharmonie. Auf die Eröffnung hoffen auch die Gewerbetreibenden. Dabei ist sie längst nicht die einzige Attraktion. Sehenswert sind das Maritime Museum, das Miniaturwunderland, das Speicherstadtmuseum und der Traditionsschiffhafen. Die schönste Attraktion aber bleibt die Elbe.

+++ Die Stadtteil-Patin: Geneviève Wood +++

Die Serie finden Sie auch unter www.abendblatt.de/stadtteilserie

In der nächsten Folge am 21.5.: Borgfelde