Neu im Kino

Kinohit aus Norwegen: "King of Devil's Island"

Eine Gruppe Jugendlicher wagt in einem strengen Gefängnis den blutigen Aufstand. Ein emotionales Drama, das auf wahren Tatsachen beruht.

Hamburg. Zugegeben, es war eine andere Zeit. Aber die Ereignisse berühren immer noch. In Norwegen lebt 1915 eine Gruppe straffälliger Jugendlicher in einer staatlichen Einrichtung auf der kleinen Insel Bastøy, 75 Kilometer südlich von Oslo. Der Direktor (Stellan Skarsgård) führt ein strenges Regiment, einige der Aufseher sind Sadisten, die die Jugendlichen schikanieren und sie wie Gefangene behandeln. Als der selbstbewusste Erling (Benjamin Helstad) zu den Jugendlichen stößt, der bereits auf einem Walfänger gearbeitet und etwas von der Welt gesehen hat, ändert sich der Ton. Die Jugendlichen begehren gegen ihre Aufseher auf und wagen den Aufstand gegen die Erwachsenen. Und der verläuft blutig.

Das Drama "The King of Devil’s Island" lief im vergangenen Jahr erfolgreich beim Filmfest Hamburg und den Nordischen Filmtagen in Lübeck und konnte bei beiden Festivals Preise gewinnen. Marius Holst erzählt eine düstere, aber emotional sehr wuchtige Geschichte, die auf Tatsachen beruht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts habe man mit der Erziehung noch andere Ziele verfolgt, sagt der Regisseur. "Man dachte damals, Kinder sollte man zwar sehen, aber nicht hören. Man war der Ansicht, einigen Eltern dürfe man die Erziehung ihrer Kinder nicht länger überlassen. Das waren fast immer Leute vom unteren Ende des sozialen Spektrums."

So wurden unter staatlicher Aufsicht de facto ein Jugendgefängnis geschaffen, in dem die Jungendlichen viel arbeiten mussten und nur wenig unterrichtet wurden. Weil die Eltern oft arm und ungebildet waren, wagten sie kaum, dagegen zu protestieren. Die Öffentlichkeit nahm die Einrichtung jedoch ganz anders wahr. "Die Regierung wurde von der Presse dafür kritisiert, so viel Geld für 'nichtsnutze' Jugendliche auszugeben. Aber wenn man so viele junge Leute zur Sprachlosigkeit verdammt und auf engem Raum zusammenpfercht, kann man nicht richtig atmen. Auch im übertragenen Sinne.“

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Die ursprünglich erzieherische Intention ging teilweise einfach in Machtfragen unter. "Die Unterdrückten und die Unterdrücker wurden so entmenschlicht“, sagt Holst, der sich mit ähnlichen Situationen gut auskennt, weil er drei Jahre lang in einer geschlossenen Psychiatrie gearbeitet hat. Dort hat er eine seltsame Beobachtung gemacht. "Auch wenn man voller guter Absichten angefangen hat, sinkt die Moral zentimeterweise, wenn man sich unbeobachtet fühlt. Nach drei, vier Monaten habe ich mich dabei ertappt, dass ich einige Dinge im Umgang mit den Patienten, die mich zuerst empörten, später nicht mehr so schlimm fand. Ich hatte mich daran gewöhnt."

Bastøy ist keine Ausnahme, denn Menschen haben unliebige Mitmenschen schon immer gern auf Inseln weggesperrt, von Napoleon bis Nelson Mandela. Das norwegische Eiland ist eigentlich wie ein eigener Charakter im Film, aber ganz authentisch ist es nicht. Auf der tatsächlichen Insel befindet sich heute ein sehr offen geführtes Gefängnis für 150 Insassen. Deshalb konnte das bis zu 230 Leute große Filmteam dort nicht drehen, denn es gab keine Übernachtungsmöglichkeiten, und jeden Morgen vom Festland überzusetzen war zu aufwendig und teuer. Also suchte und fand Holst eine vergleichbare Insel in Estland. Die Jugendlichen zu inszenieren war für ihn eine Herausforderung. "Es war schwierig, weil fast alle Jungs Anfänger waren. Einige von ihnen hatten Vorgeschichten, die denen der Charaktere ähnelten, die sie spielten. Ich habe mich gefragt: Wer wäre heute ein Bastøy-Junge? Danach habe ich sie ausgesucht. Einige habe ich in Heimen gefunden."

So kam sich Holst manchmal beinahe selbst wie ein Heimleiter vor, der Strenge walten lassen musste. "Sie sind ja nur Teenager, die man morgens um sechs Uhr aus dem Bett werfen musste, damit sie ihr Kostüm bekamen und geschminkt werden konnten. Es waren meine bisher anstrengendsten Dreharbeiten."

"The King of Devil’s Island" war nicht nur in Deutschland ein Festival-Erfolg sondern trug auch zu einem außergewöhnlich guten Filmjahr in Norwegen bei. Normalerweise sorgen in Skandinavien die Dänen und Schweden für die größte internationale Aufmerksamkeit, 2011 waren es die Nachbarn mit der Hauptstadt Oslo. Kassenknüller war der Thriller "Headhunters", den 2,8 Millionen Zuschauer sahen – bei einer Einwohnerzahl von 5 Millionen. Nur "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Teil 2" lockte mehr Zuschauer in die Kinos. Überhaupt boomte die norwegische Filmindustrie. 40 einheimische Produktionen kamen ins Kino, sonst liegt der Durchschnittswert bei 25. Das Norwegische Filminstitut NFI gibt als Grund die Digitalisierung zahlreicher Kinos an, die ihnen erlaubt hätte, ihre Programmplanung anders zu gestalten und mehr Filme zu zeigen. Tatsächlich findet man in den Charts eine große Bandbreite zwischen Mainstream-Themen und Arthouse-Filmen. Marius Holst sieht noch andere Gründe. "Die Zuschauer vertrauen uns. Außerdem hat die Kulturpolitik den Film entdeckt und möchte da wirklich etwas in Bewegung setzen. Das zahlt sich aus. Und die Regisseure bekommen mehr Unterstützung. Es war lange so, dass 70 Prozent von ihnen nur einen einzigen Film drehen konnten." Für ihn ist seine vierte Inszenierung der bislang größte Erfolg.

Auch die deutschen Kinozuschauer bekommen von dem Boom etwas mit. Zurzeit laufen neben "The King of Devil’s Island" und dem Thriller "Headhunters" auch der Jugendfilm "The Liverpool Goalie" in unseren Kinos.