Kampnagel

"Firmenhymnenhandel": Der Sound des Kapitalismus

Für seine Komödie "Firmenhymnenhandel" hat Thomas Ebermann Werbelieder analysiert - und viele Hamburger Künstler für wenig Gage gewonnen.

Hamburg. Der Song klingt cool. Leicht schräger Indie-Pop mit einem melancholischen Intro. Kristof Schreuf, eine Ikone des Hamburger Pop-Undergrounds, singt das Lied, das als Video an die Rückwand einer Probebühne auf Kampnagel projiziert wird. Doch was singt er da? "Ein Postpaket wurde an mich geschickt. Ich hole es ab von der Packstation." Der Refrain wird geradezu fröhlich: "DHL Pakete holen tut so gut. Zum Glück gibt's die Packstation und sie hat immer für mich Zeit." Der Text klingt wie reiner Nonsens, ist aber ernst gemeint. Allerdings nicht von Schreuf, denn der hat sich diese Zeilen nicht ausgedacht.

Der Song ist die offizielle Firmenhymne der DHL Packstation. "Nicht das Richtige. Weiter!", befiehlt Pheline Roggan. Robert Stadlober drückt auf die Fernbedienung und der nächste Videoclip flimmert über die Leinwand. Schorsch Kamerun singt mit Bitterleichenmiene "Ein bisschen Spaß muss sein, sonst kommen keine Kunden rein. Ein Lächeln ist mehr wert, als du denkst." Doch auch das Kaufland-Lied findet keine Gnade vor den Ohren von Roggan und Rainer Schmitt.

+++ Der Lange +++

Die drei Schauspieler plus Tillbert Strahl-Schäfer proben auf Kampnagel das Stück "Der Firmenhymnenhandel", das Thomas Ebermann geschrieben hat und bei dem er auch Regie führt. Schmitt spielt den Chef eines mittelständischen Unternehmens, Roggan seine Tochter. Der Patriarch, hinter dessen Bürosessel ein Ölgemälde von ihm prunkt, möchte eine Firmenhymne kaufen, um die Motivation seiner Mitarbeiter mit fröhlichem Gesang zu heben. Stadlober und Strahl-Schäfer präsentieren in seinem Büro eine ganze Auswahl an Liedern, sie sind die Firmenhymnenhändler.

"Ich bin auf das Thema während einer langen Zugfahrt gekommen, als ich nur eine Zeitung dabeihatte und dort einen Artikel über Firmenhymnen gefunden habe", erzählt Ebermann. Der Schriftsteller, Publizist und Regisseur war fasziniert von der unfreiwilligen Komik dieser Gesänge und recherchierte, welche Konzerne und Unternehmen solche Hymnen von ihrer Belegschaft singen lassen. Mehr als 80 dieser Lieder fand er, eins grotesker als das andere. "Ich freu mich so auf Montag", heißt es zum Beispiel in der Hymne einer deutschen Kugellagerfabrik. Oder: "Wir sind die Edekaner", singen die Mitarbeiter einer großen Einzelhandelskette. Aus diesen Vorlagen hat Ebermann ein Stück geschrieben.

Ein paar Tage vor der Premiere am 9. März auf Kampnagel ist bei den Proben von Anspannung kaum etwas zu spüren. "Wir sind schon ziemlich weit", sagt Ebermann. "noch ein paar kleine Textunsicherheiten, aber wir haben ja noch ein paar Tage." Bevor die Proben auf Kampnagel mit den vier Schauspielern begonnen haben, nutzte Ebermann sein Netzwerk in die Hamburger Musikszene und ließ von einer ganzen Reihe von Sängern und Sängerinnen Firmenhymnen neu arrangieren und zum Teil schreiben und für die Aufführung auf Video aufnehmen. Die Liste liest sich imposant: Ferris MC von Deichkind ist dabei, Dirk von Lowtzow von Tocotronic, Ja,Panik, Bernadette LaHengst, 1000 Robota, Harry Rowohlt, Gilla Kremer, Nina Petri, Dieter Glawischnig und noch eine Reihe weiterer Künstler aus Musik, Literatur und Theater. "Alle haben auf Gage verzichtet. Sonst wäre so ein Projekt gar nicht möglich", sagt Ebermann. Auch seine Schauspieler spielen nur für eine geringe Gage, weil sie Lust haben, mit Ebermann zu arbeiten, und es sich aufgrund anderer lukrativer Engagements leisten können, auf die übliche Bezahlung zu verzichten.

Ebermann, der einmal im Monat mit seiner Vers- und Kaderschmiede im Polittbüro zu Gast ist, verpackt seine Kapitalismuskritik in die Form einer Komödie. Arbeiter und Angestellte werden für ihn zum Humankapital degradiert. "Die Zuspitzung ist dann das Besingen der Schönheiten der Firma, deren Lohnarbeiter man ist", sagt er. "Wenn man diese Lieder hört, weiß man nicht, ob man lachen oder erschrecken soll."

Für den Firmenhymnenhändler in seinem Stück ist das Ganze natürlich Geschäft. "Arnold Schönberg hat Operetten orchestriert, als er klamm war, Brecht hat 'nen Werbetext für die Autoindustrie geschrieben", sagt er zu seinem zweifelnden Partner Tillbert. Und spielt das nächste Video ab: "Flugzeuge im Bauch, im Blut Kerosin. Kein Sturm hält uns auf, unsere Air Berlin."

"Der Firmenhymnenhandel" Premiere Fr 9.3., Kampnagel, weitere Aufführungen 10.3., 14. bis 17.3., Karten ab 12 Euro, www.kampnagel.de