"Wrecking Ball"

Neues Springsteen-Album: Gut gepredigt, Boss

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Holger True

Mit seiner neuen Veröffentlichung "Wrecking Ball" hat Bruce Springsteen ein Album aufgenommen, das in Zeiten der Krise Hoffnung spendet.

"I am the President, but he ist the Boss", kommentierte Barack Obama im Dezember 2009 den Besuch von Bruce Springsteen im Weißen Haus. Springsteen wurde damals als herausragender amerikanischer Künstler ausgezeichnet und hatte zuvor Obamas Wahlkampf massiv unterstützt. Sein aktuelles Album hieß "Working On A Dream": Nach den lähmenden Jahren der Bush-Administration, nach sozialer Kältewelle, Irak-Krieg und Guantánamo war die Zeit gekommen, den amerikanischen Traum wieder zu beleben, gemeinsam an ihm zu arbeiten. So schien es jedenfalls vielen, nicht nur Springsteen.

Doch die Hoffnung ist dahin, die Stimmung hat sich geändert. Der Boss ist immer noch der Boss, klar, aber er steigt nicht mehr für ein politisches Lager in den Ring. Sein neues Album heißt "Wrecking Ball", Abrissbirne, und ist auch so gemeint. Als patriotischer Aufschrei gegen den ungebrochenen Werteverfall, gegen die Macht des Großkapitals, der Lobbyisten und Militärs, die nicht einmal ein gut meinender US-Präsident zu bändigen vermag.

+++ Bruce Springsteen und die "katholische Gehirnwäsche" +++

Die Biografie des Protestsängers Woody Guthrie war es, die Springsteen vor mehr als 30 Jahren politisierte, und in der Tradition dieses wütenden Anwalts der Entrechteten steht der Boss auch. "We Take Care Of Our Own" heißt der Opener eines Albums, das im Folk irischer Einwanderer ebenso wurzelt wie im Gospel der Afroamerikaner, sogar einen fein dosierten Rap enthält und Johnny Cash zitiert. Das vom Tonfall immer wieder an Springsteens Meisterstück "Nebraska" erinnert und zugleich die Wucht von "The Rising" hat, jenem Album, das nach dem 11. September so vielen verletzten Seelen Trost bot.

Doch bevor es wirklich aufwärts geht, bevor die zarte Pflanze der Hoffnung blühen kann, muss erst einmal die Analyse des Ist-Zustands kommen, und die fällt bitterböse aus. In "Easy Money" beschreibt Springsteen einen Mann, der ohne Rücksicht seinen Vorteil sucht, der gewissenlos raubt und mordet. Warum sollte er auch nicht, schließlich kommen die großen Tiere der Wall Street damit problemlos durch ... In "Shackled And Drawn" geht es um jene, die die Zeche der global operierenden Finanzspekulanten zahlen müssen, und "Death To My Hometown", im polternden Irish-Folkpunk-Stil der Dropkick Murphys gespielt, erzählt von "greedy thieves", die den Menschen erst die Arbeit und dann ihre überschuldeten Häuser nehmen.

Alles düster also? Nein, denn Springsteen war schon immer ein Prophet der Hoffnung, der unbeirrbar an das "Promised Land" glaubt und dem die Zeile "Baby, we are born to run" auch mit 62 noch etwas gilt. Doch die grundlegende Veränderung, das gelobte Land vielleicht sogar, lässt sich nur gemeinsam erreichen. "There's a new world coming, I can see the light", heißt es in der Ballade "Jack Of All Trades", und später predigt er dann.

Etwa wenn er in "Land Of Hopes And Dreams" davon singt, dass der Glaube Berge versetzen könne und im mitreißenden Gospelduktus auffordert, gemeinsam auf die Reise in eine bessere Zukunft zu gehen. Platz sei für alle, für Verlierer und Gewinner, für Sünder und Heilige, für Huren und Spieler: "People get ready, just get on board". Eine frohe Botschaft ist das, für die Bruce Springsteen im Verlauf des Albums immer wieder Jesus als Zeugen aufruft, emotional maximal aufgeladen durch ein letztes Solo des am 18. Juni 2011 verstorbenen E-Street-Band-Saxofonisten Clarence Clemons.

Springsteen-Konzerte waren auch in den vergangenen Jahren immer wieder Futter für die Seele. Aus ihnen ließ sich jede Menge Energie schöpfen in einem von Zukunftsängsten beherrschten Alltag. Viele konnten davon gar nicht genug bekommen und reisten dem Boss hinterher - in Europa ebenso wie in den USA. Doch die geradezu kathartische Wirkung der Liveshows korrespondierte nur bedingt mit der Qualität der Albumveröffentlichungen. Schon "Magic" (2007) fand ein geteiltes Echo, "Working On A Dream" (2009) galt als bessere Resteverwertung und "The Promise" (2011) war eben nicht mehr als die Sammlung bislang unveröffentlichter Songs aus der "Darkness On The Edge Of Town"-Phase Ende der Siebziger.

"Wrecking Ball", das am 2. März erscheint, schlägt ein neues Kapitel auf: Der Boss ist zurück - mit einer in jeder Hinsicht überragenden Platte, die zum Soundtrack der von Springsteen unterstützten Occupy-Bewegung taugt, die aber nicht im Protest verharrt, sondern Hoffnung schöpfen lässt, und deren letzter Song "We Are Alive" das Versprechen des bedeutendsten US-Musikers unserer Tage in einem Satz zusammenfasst: "We stand shoulder to shoulder in hard times". Wer Präsident ist, spielt vielleicht wirklich keine so große Rolle wie immer angenommen. Solange der Boss auf Kurs bleibt.