Berlinale 2012

Drama über den 11. September: Der Junge mit dem Schlüssel

| Lesedauer: 6 Minuten
Barbara Möller

An der Seite von Sandra Bullock und Tom Hanks gibt der 13-jährige Thomas Horn ein beeindruckendes Debüt in "Extrem laut und unglaublich nah".

Berlin. Der Film beginnt mit Bildern von einem Körper, der durch die Luft fliegt. Beine und Schuhe schweben vorbei, das sieht leicht aus, ist aber Sinnbild der Katastrophe. Das weiß man, wenn man die Romanvorlage kennt: Jonathan Safran Foers Buch über den 11. September 2001. "Extrem laut und unglaublich nah" war schließlich ein Weltbestseller.

Der englische Meisterregisseur Stephen Daldry hat ihn verfilmt. Ein Mann, der das Thema Verlust bisher in all seinen Filmen thematisiert hat. Bei ihm ist der neunjährige Oskar Schell also in den besten Händen. Ein direkter Nachfahre von Oskar Matzerath, der statt der Blechtrommel ein Tamburin mit sich herumschleppt, um sich die Gespenster vom Leibe zu halten.

Dieser Oskar Schell (Thomas Horn) findet ein Jahr, nachdem die Twin Towers in sich zusammengestürzt sind, unter den Sachen seines Vaters einen Schlüssel. Sicher, dass dieser Schlüssel eine Bedeutung haben muss, macht sich Oskar auf die Suche nach dem passenden Schloss, hinter dem er die Antworten auf die Fragen seines unglücklichen Lebens vermutet. Zunächst allein und zu Fuß - die Terroristen werden sich, davon ist er überzeugt, als nächstes Ziel die New Yorker U-Bahn aussuchen -, später in Begleitung eines alten Mannes (Max von Sydow), der als Untermieter bei der Großmutter (Zoe Caldwell) eingezogen ist. Der spricht kein Wort, sondern verständigt sich durch Zettelschreiben. Oder durch Handhochheben, denn er hat sich praktischerweise ein "Ja" auf die linke und ein "Nein" auf die rechte Handfläche geschrieben. Oskar braucht nicht lange, um zu begreifen, dass das sein Großvater ist, der die Familie nach der Geburt seines Sohnes verlassen hat und nun, nach dem gewaltsamen Tod dieses Sohnes, wieder aufgetaucht ist.

Daldrys Film ist eine klassische Coming-of-Age-Geschichte , und wer vor zwölf Jahren "Billy Elliott" gesehen hat, wird ein Déjà-vu-Erlebnis haben, so ähnlich sieht Thomas Horn dem Jamie Bell von damals. Und man darf immer wieder darüber staunen, wozu Kinder vor einer Kamera in der Lage sind. Thomas Horn bewältigt seine mehr als zweistündige Parforcetour jedenfalls glanzvoll. "Extrem laut und unglaublich nah" ist übrigens sein erster Film, und auf einer Theaterbühne hat er vorher auch nur ein einziges Mal gestanden. "Ich war ein Grashüpfer", erzählte der Dreizehnjährige gestern in Berlin und löste damit einen Heiterkeitsschub auf der Pressekonferenz aus. Thomas legte Wert auf die Feststellung, dass er während der Dreharbeiten trotz der schwierigen Rolle viel Spaß gehabt habe, und sein Regisseur erklärte, grundsätzlich sei es nicht schwieriger, mit Kindern zu arbeiten als mit Erwachsenen. Mit Blick auf die lange Zeit, die inzwischen seit dem Terroranschlag vergangen ist, gab Stephen Daldry seiner Verwunderung darüber Ausdruck, dass es nicht mehr Filme über 9/11 gebe. "Mich überraschen in dem Zusammenhang immer noch viele Dinge, zum Beispiel, dass es in amerikanischen Schulen nicht auf dem Lehrplan steht. In den USA wachsen Kinder auf, die schlichtweg nicht wissen, was passiert ist, warum es passiert ist und welche Konsequenzen es hatte." Andererseits hat Daldry von "hartem Stoff" gesprochen. Und berichtet, dass er im Vorfeld der Dreharbeiten engen Kontakt mit Familien gehabt hat, die Angehörige bei den Anschlägen verloren haben. "Um einschätzen zu können, was wir zeigen können, was wahrhaftig und angemessen ist." Und er hat am Ende Tom Hanks und Sandra Bullock verpflichtet. Die Zuschauer, so seine Begründung, bräuchten solche Leute in einem Film über 9/11. "Sie sollen von Anfang an wissen: Das ist kein Film, der mir schlaflose Nächte bereiten wird."

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Dieses Konzept geht auf. Tom Hanks ist tatsächlich der ideale Vater. In anrührenden langen Rückblenden beschreibt Daldry das enge Verhältnis zwischen Vater und Sohn, die New York mit ihren Expeditionen zu Leibe rücken und das Geheimnisvolle im vermeintlich Normalen entdecken. (Derart gewappnet kann sich Oskar nach dem Tod des Vaters auf die Suche nach dem Schloss für seinen Schlüssel begeben.) Dieser Oskar, das sieht man, erlebt eine originelle Kindheit, in der die Mutter vor allem für das Praktisch-Alltägliche zuständig ist. Und Sandra Bullock richtet sich in dieser Nebenrolle viel überzeugender ein als in den meisten der leicht überdrehten Filme, die sie bislang gemacht hat. Am besten aber ist Max von Sydow. Der ist zu Recht für den Oscar als bester Nebendarsteller nominiert und kommt aus dem Staunen nicht heraus. "Das ist sehr aufregend", bekannte der 82-Jährige in Berlin. Und sehr bewegend. Von den Kollegen werde man nominiert?, fragt von Sydow. "Meinen Konkurrenten!" Wenn die also zufrieden seien mit seiner Leistung, dann sei das einfach "wunderbar".

In Berlin kann keiner der Beteiligten etwas gewinnen, denn "Extrem laut und unglaublich nah" läuft im Wettbewerb außer Konkurrenz. Genauso wie James Marshs "Shadow Dancer", der am Sonntag auf dem Programm steht, oder Zhang Yimous "Flowers of War", der am Montag läuft. Trotzdem hat Daldrys Film dieser 62. Berlinale schon gutgetan. Weil er beweist, dass es möglich ist, Kunst und Kommerz zu verbinden, das heißt, einen sehr guten Film zu machen, der ein großes Publikum erreicht. Was Kritiker ja zuweilen in Abrede stellen. Dass Tom Hanks und Sandra Bullock nicht nach Berlin kommen, wird das Festival verschmerzen.

Am Ende setzt Daldry seinen Oskar übrigens auf eine Schaukel. Und während der Junge lachend durch die Luft fliegt - er hat im Laufe seiner Odyssee viele Mutproben bestanden und dieses ist die letzte -, fällt einem die Eingangssequenz wieder ein. Wie schön.

"Extrem laut und unglaublich nah" kommt am nächsten Donnerstag in die Kinos.