Theater

Überragend: Aribert Reimanns "Lear" an der Staatsoper

Ein gewaltiges Stück, hoch musikalisch und schlüssig inszeniert: Karoline Gruber verlegt Aribert Reimanns "Lear" in die moderne Geld-Welt.

Hamburg. Wann hat es das zuletzt gegeben: Simone Young betritt nach einer von ihr musikalisch geleiteten Opernpremiere die Bühne und wird einhellig gefeiert. Und ganz zu Recht: Aribert Reimanns gewaltige „Lear“-Partitur befand sich bei ihr und den Musikern des Philharmonischen Staatsorchesters in sehr guten Händen. Auch wenn sich die Musik über weite Strecken als eine Art existentielles Klangdickicht präsentiert, das sich gegen Ende des ersten Teils dafür um so eindrucksvoller lichtet (um sich später wieder mächtig einzudunkeln): der „Lear“ ist nicht ohne Grund eine der meistgespielten tragischen Opern der Gegenwart. Die Musik ist einfach ungeheuer stark.

Bo Skovhus in der Titelrolle führt ein souveränes Ensemble von Sängerinnen und Sängern an, die die Regisseurin Karoline Gruber klug, tiefgründig und hoch musikalisch durch ihre Sicht aufs Werk führt. Sie siedelt das von Shakespeare überlieferte Geschehen um den törichten, amtsmüden König Lear, der sein Reich unter den Töchtern Goneril und Regan aufteilt und die einzige ihn wahrhaft liebende Tochter Cordelia verstößt, in einer unbestimmt bleibenden Geldbankerwirtschaftsbossewelt an. Die Verortung bleibt hinreichend diffus, Gruber verrät die komplexe Tragödie weder an den Zeitgeist noch an die Willkür des Regietheaters. Man kann darüber streiten, ob ihre sprachlich-visuellen Überhöhungen zwingend sind – ist das Libretto von Claus H. Henneberg nicht schon wortmächtig genug? Mit ihrem Bühnenbildner Roy Spahn spielt Gruber fortlaufend zentrale Begrifflichkeiten des Werks durch, projiziert Worte an den Bühnenhintergrund, die durch Wegfall oder Permutation von Buchstaben ihren Sinn verändern (reich/ich/arm/reich/Wirklichkeit etc). Das fügt dem Stück eine neue, signalhafte Sprach-Zeichenebene hinzu, die aber durch den fortschreitenden Sprachverlust Lears und dessen bisweilen hellsichtig irres Gestammel gedeckt erscheint. Gruber zeigt, wie weit Identitätsverlust immer auch Sprachverlust ist und wie umgekehrt das Davonschwimmen der Wörter die Grenzen zwischen dem Ich und allen/allem anderen perforiert.

Bretter, die die Welt neu deuten

"Quijote": Ein Ritter von bezaubernder Gestalt

"Der Große Gatsby": Sahne, Sahne und noch mehr Sahne

Wer erleben möchte, wie weit sich zeitgenössische Musik der elementaren Wucht eines Shakespeare-Dramas anverwandeln kann, wie sich zwei zeitlich und von ihren Ausdrucksmitteln her weit voneinander entfernte Kunstformen zu einer bezwingenden Einheit fügen, überkrönt von einer aus der Musik heraus entwickelten Regie, der muss in diese Aufführung gehen.

Der „Lear“ ist kein Gesellschafts-Spiel , nichts, wofür das kleine Schwarze und die Klunkern aus dem Schrank geholt werden müssen. Wer deswegen in die Oper geht, bleibt lieber gleich zuhause. In der Pause zu gehen, wie es unübersehbar viele Premierengäste taten, ist ein Akt des freien Willens – und der sträflichen Bequemlichkeit. Nein: Es ist ein Akt der Feigheit.