Autor und Verleger

Ein Verleger, der hinter den Horizont liest

Foto: Juergen Joost

Ein Besuch bei Rainer Groothuis, der in Hamburg den neuen Verlag Corso gegründet hat. Sein Schwerpunkt sind schön gestaltete Reisebücher.

Hamburg. Wir sagen mal: Rainer Groothuis ist mutig. Nicht unbedingt, weil er seine Unternehmungen räumlich ausdehnt in dem ohnehin schon reichlich von ihm in Besitz genommenen ehemaligen Fabrikgebäude in Altona. Interessant ist vielmehr, angesichts der Veränderungen in dem Metier, in dem er sich bewegt, die Art seiner Ausdehnung. Rainer Groothuis, Agenturchef von Groothuis, Lohfert, Consorten, Buchgestalter und Kommunikationsberater, hat einen Verlag gegründet.

Und zwar einen, der ganz besonders sein will. "Corso" ist der Name der neuen Heimstatt guter Bücher, ein Bekenntnis zum Buch in seiner traditionellen Form, wo doch alle derzeit nur von iPads und eBooks reden und man gespannter Erwartung ist, wo es denn so hingeht mit dem Produkt Buch.

Groothuis, 51, lebt seit 13 Jahren in Hamburg, er gestaltet mit einem 25-köpfigen Team Bücher, Programme und Werbemittel für Verlage. Jetzt will er selbst Bücher machen. "Der Verlag ist aber kein Anhängsel der Agentur", sagt Groothuis und nimmt erst mal Platz an dem riesigen Tisch aus widerstandsfähigem Holz. Drei Leute hat er eigens eingestellt, sie arbeiten gerade am Herbstprogramm von Corso, die Broschüren sind fertig. Es ist luftig auf den 330 Quadratmetern, auf denen künftig Literatur für das Publikum zusammengestellt werden soll. Die Wände sind frisch gestrichen, und frischen Wind will Groothuis in die Branche pusten.

Die alte Setzmaschine steht jedenfalls nur zur Zierde hier. Obwohl Groothuis doch eine altmodische Agenda hat: Er will schöne Bücher machen, er will ganz unaufgeregt das "dingliche Lesen" fördern. Denn was ist denn eigentlich so toll daran, am elektronischen Gerät zu lesen? Das iPad bleibt immer gleich. Ein Buch "siegelt" man mit den Aschepartikeln einer Zigarette oder den Kaffeeflecken, findet Groothuis, der im Übrigen in jederlei Hinsicht Gepflogenheiten des 20. Jahrhunderts schätzt: Er steckt sich ab und zu eine Gauloises an.

Das iPad findet er interessant, ohne es als Bedrohung wahrzunehmen (obwohl er die Arme doch schon verdächtig vor der Brust verschränkt, wenn er über die digitale Gefahr räsoniert). Sein Programm ist auf die Lust an der Horizonterweiterung angelegt, es gründet auf dem Prinzip "Reisen und Literatur als Welterfahrung und Herzensbildung", erklärt Groothuis. Pathetisch? Und wenn schon. Er darf das, man merkt seinem selbstbewussten Reden die 30 Jahre an, die er bereits im Geschäft ist.

Groothuis ist vom Willen durchdrungen, Bücher zu verkaufen, dementsprechend ambitioniert ist die Autorenriege, die er für die ersten sieben Produkte verpflichtet hat. Auf zwei Säulen soll die erlesene literarische Zusammenstellung bauen: dem Buchprogramm "corsolibro" und dem anspruchsvollen Magazinvorhaben "corsofolio". Gemeinsam ist beiden, dass sie Reisen, fremde Städte und auf kulturelle Neugierde gepolte Sinnenfreude in den Vordergrund rücken. Es gibt, sagt Groothuis, "bei immer mehr Touristen den Wunsch, eine kulturell orientierte Reise zu unternehmen".

Reisen erweitert Horizonte; das pralle Leben hat Groothuis übrigens in Hamburg direkt vor der Haustür. Gegenüber dampfen auf Wohnwägen kleine Schornsteine, hier befindet sich einer von Hamburgs letzten Baubudenplätzen. Nebenan ist ein Fitnessstudio und zwei Häuser weiter ein Bordell. Allen drei Orten gemeinsam ist, dass sie eher nicht die Klientel beherbergen, die Bücher von Pier Paolo Pasolini und Aby Warburg zur Hand nimmt.

Die beiden sind die Perlen im poetischen Erstschlag des neuen Verlags. Pasolinis Erzählungen aus den 50er- und 60er-Jahren erscheinen erstmals in deutscher Übersetzung. Es geht natürlich um Italien, wie auch bei den Entdeckungstouren Warburgs, des großen Hamburger Kulturforschers, der die Gegend zwischen Bologna und Neapel erkundete.

Außerdem gibt es ein Paris-Buch und eines für Wanderer: auf den Spuren Martin Luthers in Europa (sehr schön die Werbung in der Corso-Broschüre: "Das erste Buch zum Luther-Jahr 2017", Erster!). Schwerpunkt ist unübersehbar trotzdem das Land jenseits der Alpen. In der großformatigen Magazinbuch-Reihe "Corsofolio", deren Ausgaben jeweils einer Metropole gewidmet sein sollen, ist Rom das Ziel der Reise. Als Gastgeber firmiert Martin Mosebach, an seine Seite gesellen sich andere Rom-Flaneure mit Reportagen und Betrachtungen. Es soll in jedem Corso-Programm eine Städtetour geben. "Städtetour" klingt allerdings viel zu prosaisch für das jeweilige Vorhaben, für literarische Qualität bürgen die Wortkünstler: Wilhelm Genazino lädt ein nach Istanbul, Matthias Politycki nach London, Georg Stefan Troller nach Paris.

Das Corso-"Magazin" wird es nicht am Kiosk, sondern im Buchhandel geben. Auf den setzt Groothuis, der Buch-Profi mit Redetalent, ganz grundsätzlich. Es gebe viele Buchhandlungen, die sich um Qualität bemühten und nicht nur Bestseller stapelten, sagt Groothuis, "und angesichts der Veränderungen müssen sie demnächst wieder Ort für kulturelle Begegnungen sein". Der Mann scheut sich nicht, große Worte im Munde zu führen, er sagt: "Es wird, damit die Ware Buch erfolgreich bleibt, künftig auf die etwas verloren gegangene Empathiefähigkeit des Buchhändlers ankommen." Persönliche Beratung statt Internetportal-Tipps, Buch statt iPad, wir sind wieder beim Thema. Groothuis steht unter Dampf, und er ventiliert durchaus Angriffslustiges, wenn er auf das hysterische digitale Gerede zu sprechen kommt: "Man muss nicht das Alte verteidigen, wer sagt das denn? Soll Herr Jobs doch mal das Neue verteidigen, das Neue ist nicht zwangsläufig besser!"

Fürs Erste wichtig jedoch ist ein Erfolg jenseits ideologischer Kämpfe, den der Buch-Fan verbucht hat: Auf der Buchmesse in Frankfurt steht der Corso-Stand direkt neben dem von Großverlag Diogenes.

Wie er das geschafft hat? Da schweigt Groothuis und grinst.