Deutscher Kinostar

Matthias Schweighöfer: Himmelsstürmer mit Bodenhaftung

Foto: Marcelo Hernandez

Er spielte in "Operation Walküre", in "Keinohrhasen" und in "Mein Leben" - so vielseitig wie der 28-Jährige ist kaum ein Schauspieler.

Hamburg. "Krass", sagt er oft und "weiß nicht". Antworten gibt Matthias Schweighöfer lieber in seinen Filmen. Er schleicht an diesem Wintervormittag in die Lounge des Streit's-Kinos, als klebte unter seinen Turnschuhen eine sehr zähe Masse. Kennt man eher weniger von ihm, dieses Auftreten im Energiespar-Modus. In seinen Rollen wirkt er stets, als sei die Leinwand ein Stück zu klein für ihn, als würde seine Power für mehr als nur einen Film reichen. Schweighöfers Spielfreude fällt den Zuschauer an wie ein Hundewelpe auf der Suche nach Streicheleinheiten - unmöglich, sich zu entziehen.

In der schneegrauen Hamburger Realität allerdings gibt es keine Kamera, kein Drehbuch und kein Publikum, das erwartungsvoll im Dunkeln sitzt - ebenjene Zutaten, die der Schauspieler braucht, um sich zu verwandeln in einen der vielseitigsten seiner Generation. Das große Versprechen des deutschen Films. Einer, bei dessen Anblick Teenie-Mädchen entlang des roten Teppichs mit gezücktem Fotohandy in der Hand herumhüpfen und das in die Jahre gekommene öffentlich-rechtliche Stammpublikum wohlwollend nickt. Junge Frauen verknallen sich für eine Filmlänge, und ihre Männer finden das so schlimm nicht: Hey, ist doch nur Kino. Und Schweighöfer einer der Guten.

Schlechte Filme umschifft er, als folge er einem inneren Navigationsgerät, das ihn vor Irrwegen und Fehlentscheidungen bewahrt. Inneres Navi? Der müde Schweighöfer-Kopf nickt heftig, der Begriff gefällt ihm. Er hat Denker, Draufgänger und Drogenwracks gespielt. Schiller und Marcel Reich-Ranicki. Tom Cruise hat ihn in "Operation Walküre" besetzt. In seinem neuen Film "Friendship", der heute in den Kinos startet, ist er ein erlebnishungriger Ossi, der zum ersten Mal im Leben nach Amerika reist, zusammen mit seinem allerbesten Kumpel seit Grundschultagen. Es sind Jungs-Männer, keine Männer-Männer, denen er ein Gesicht gibt. Solche, die man hereinlassen und denen man einen Teller Suppe vorsetzen würde, stünden sie unangekündigt vor der Haustür.

"Das erste Stichwort, das mir zu ihm einfällt, ist Energie. Die springt einen wirklich an, sobald man mit Matthias zusammen ist", sagt der Hamburger Wüste-Film-Produzent Björn Vosgerau, der ihn im Piratenfilm "12 Meter ohne Kopf" als Störtebekers Kompagnon besetzt hat.

"Wenn ich munter bin, habe ich sehr viel Energie", sagt Schweighöfer und blinzelt müde aus gebirgsbachblauen Augen. "Ich bin immer irgendwie unterwegs, im Kopf und körperlich. Es rast immer alles. Wenn jemand dabei ist, der gerne einfach nur ruhig sitzen möchte, der hat es schwer mit mir." Und ja, doch, er sei ein Morgenmensch, "nur bin ich dann eben müde". Lauerndes Grübchengrinsen. Schweighöfer antwortet, wie er spielt: geradeheraus. Die Ironie nur einen Schritt weit entfernt.

Solange er müde ist, endet jeder Gesprächsversuch mit ihm wie ein gescheiterter Doppelpass. Nach fortgeschrittener Interviewzeit und einer Munterkeitsdosis bestehend aus frisch gepresstem O-Saft, berlinert er drauflos, "weeßte", "icke", schwärmt von den "Friendship"-Dreharbeiten in Amerika ("super professionell") und seinem Bauernhof bei Berlin ("ganz einfach, ganz erdig").

So virtuos wie die Unverstelltheit beherrscht er die Begeisterung. Für Filme, Regisseure, den Schauspielberuf. Seit einem Vierteljahrhundert übt er ihn aus, stand als Dreijähriger zum ersten Mal mit seiner Mutter auf der Bühne, in Brechts "Kaukasischem Kreidekreis". Sportler erleben Jubiläen wie dieses nur in Ausnahmefällen, Politiker feiern sie im Großvateralter. Matthias Schweighöfer ist 28 Jahre alt. "Himmelsstürmer", hat ihn das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" einmal genannt.

Die erfolgreichen deutschen Um-die-dreißig-Schauspieler lassen sich grob in zwei Lager einteilen: Auf der einen Seite finden sich die nachdenklichen Grübler wie August Diehl und Christoph Bach. Auf der anderen diejenigen, die nicht zu überhören sind. "Hoppla, hier komm ich"-Typen wie Moritz Bleibtreu, Wotan Wolke Möhring und Robert Stadlober. Schweighöfer gehört zweifellos zu Letzteren - mit dem feinen Unterschied, dass ihm auch ernstere Rollen mit Tiefgang gelingen. Außenseiter wie der junge Reich-Ranicki in dem Fernsehfilm "Mein Leben" im vergangenen Jahr. Die Zweifel waren laut im Vorfeld. Wie Schweighöfer aber schließlich eins wurde mit der angespannten, verletzlichen Müdigkeit der Figur des jüdischen Literaturkritikers, gehört zu jenen filmischen Momenten, die sich ins Bewusstsein der Zuschauer pressen wie Kieselsteine in eine Profilsohle. Wenn es gerecht zugeht, gewinnt er für seine Darstellung am 30. Januar die Goldene Kamera.

Das Leben von Schauspielern stellt man sich ja immer irgendwie glamourös vor, dabei besteht es hauptsächlich aus: Warten. Das ist selbst in der (in Zuschauerzahlen bemessenen) darstellerischen Bundesliga nicht anders, in der Schweighöfer seit Til Schweigers Publikumhits "Keinohrhasen" (2007) zuverlässig mitspielt. Warten, dass endlich der richtige Regisseur anruft. Warten, dass das richtige Drehbuch kommt. Wenn Schweighöfer etwas nicht mag, dann ist es Warten. Warum auch?

Deshalb hat er vor einigen Monaten seine eigene Produktionsfirma gegründet. Kein PR-Gag, sondern ernst gemeinter Zweitberuf. Filmstoffe entwickeln, Finanzierungen stemmen, mit Autoren arbeiten. "Das ist ein guter Gegenpol zum Drehen", sagt er. Und langfristig? "Der Wunsch dahinter ist, dass man vielleicht in zwölf Jahren ganz autark funktioniert, unabhängig von allen." Was ein bisschen klingt wie das Pippi-Langstrumpf-Prinzip von der Welt, widdewidde wie sie mir gefällt, ist vor allem ein Stück Selbstbestimmtheit in der Königsbranche der Abhängigkeiten.

2009 war, kurz gesagt, ein Schweighöfer-Jahr. In Schweighöfer-Deutsch: ein krasses Jahr. Vor der Kamera und im Leben dahinter. Mit "Friendship" kommt sein dritter Film in nur kurzem Abstand in die Kinos, im Fernsehen sah man ihn zuletzt in einer Episodenhauptrolle im ARD-"Tatort" als psychopathischen Millionärssohn mit Engelsgesicht. Es sind Rollen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, eines aber haben sie gemeinsam: jene - in diesem Falle sehr erträgliche - Leichtigkeit des Seins, die einen Film irgendwann zum Schweben bringt und die nur wenige Schauspieler auf die Leinwand transportieren können. Schweighöfers Spiel gleicht einem Spaziergang über eine Blümchenwiese - dabei ist bekanntlich nichts so schwer wie die Leichtigkeit.

Im Mai ist er Vater geworden, er hat mit seiner Freundin einen Bauernhof zwischen Potsdam und Berlin gekauft. Eine "feste Insel", auf die er sich zurückziehen kann, wenn in Berlin wieder mal alle durchdrehen. "Und ich wollte für die Zukunft meiner Tochter etwas kaufen, weil ich mich immer ärgere, dass meine Eltern das nicht getan haben", sagt er. An den Wochenenden fahren sie gemeinsam raus: Lesen, Holzhacken, Schlafen - ein Stückchen Welt, das nichts zu tun hat mit Drehplänen und Presseterminen. Die Öffentlichkeit versucht Schweighöfer ohnehin von sich fernzuhalten, sein Image bereitet ihm keine schlaflosen Nächte. "Wenn etwas über mich in der Zeitung steht, dann lese ich das - wie jeder andere Leser auch. Ach guck mal, der Matthias Schweighöfer, denke ich dann - und dann: Ach, das bin ja ich."

Hört sich kokett an, ist aber vielleicht nur ein Rezept, sich selbst zu behalten. Nicht zu viel nachzudenken über die eigene Person und mögliche Ängste. "Zweifel sind nicht gut", sagt Schweighöfer, "nicht, wenn man Figuren spielt." Matthias Schweighöfer kennt keine Zweifel und kein Fragezeichen. Es reicht ihm, was ist.