Abendblatt-Bibliothek, Band 19:

Der Tod des Märchenprinzen von Svende Merian

Foto: Marcelo Hernandez

 Foto: Marcelo Hernandez

Das Studentenmilieu der 80er-Jahre, Grindelviertel, Planten un Blomen und "Beziehungsarbeit". Karin Franzke über einen Kultroman der Frauenbewegung.

Hamburg. Er steht da mit meiner Tasche. Wartet auf mich. Lächelt. Umarmt mich. Nimmt mich mit auf sein Pferd und ..." Hals über Kopf verliebt sich Svende in Arne, fasziniert von seinen sanften Berührungen, seinen unbeschreiblich schönen Augen, seinen verständnisvollen Worten. Doch schon nach zwei traumhaften Wochen fällt sie ziemlich unsanft vom Gaul. Arne sieht gemeinsam Erlebtes "etwas anders", versetzt sie, verletzt sie, nutzt ihre Zuneigung aus. Und Svende? Kämpft um den Macker mit Worten, während er schweigt. Schwankt zwischen Schuldgefühlen und "Schwein". Bis sie endlich den Bruch vollzieht - es ist "Der Tod des Märchenprinzen".

In Windeseile wurde 1980 das Tagebuch von Svende Merian ein Bestseller in der Alternativszene. Die damals 25-jährige Hamburgerin traf den Ton, das Thema der Zeit: So dachte, fühlte, redete man über Beziehungen. Die Ideale und Ideen der Frauenbewegung wollten, sollten im persönlichen Umfeld umgesetzt werden. Die Kurzformel lautete: Das Private ist politisch. So gehört das Wort von der "Beziehungsarbeit" seitdem zum aktiven Sprachschatz. Zumindest von Frauen.

Svende Merians Roman ist autobiografisch gefärbt, von der enttäuschten Sehnsucht nach erfüllter Liebe. Von der Suche nach "Mr. Right", wie man im 21. Jahrhundert wohl sagt.

"Linke Frau, 24, möchte gern unmännliche Männer, gerne jünger, kennenlernen. Chiffre 9003". Über eine Kontaktanzeige im Hamburger Stadtmagazin "Oxmox" hat die Protagonistin ganz unromantisch ihren Arne kennengelernt, 26 Jahre alt, autonomer Anti-AKW-Kämpfer, Diskutant in allen Lebenslagen, der sich selbstsicher im studentischen Milieu bewegt, auch wenn er nicht wirklich dazugehört. Das Umfeld bestimmt auch die Sprache der Autorin, die Geschichte, Germanistik und Pädagogik studiert hat. Sie hat den norddeutschen Zungenschlag drauf, die Mentalität, die darin steckt.

Grindelviertel, Planten un Blomen, Dammtor-Bahnhof, Spaziergänge im Wald von Aumühle, an der Elbe - Hamburg-Kundige (er-)kennen die einschlägigen Spielorte. In Altona entlädt sich die Enttäuschung: "Auch hier wohnt ein Frauenfeind" wird auf das Fenster des Verflossenen gesprüht, mit dieser für alle sichtbaren Rache zog auch das Original-Titelbild des Taschenbuchs die Aufmerksamkeit auf sich.

Der persönlichen Abrechnung gehen unendlich oft geführte Debatten über Verhütung voraus (Svende fragt Arne gleich beim ersten Mal, ob er die Pille nehme, sie nehme sie nämlich nicht), über Feminismus, die Frauenfrage an sich, über Frauenfeindlichkeit, Frauenfreundschaften. Svende sieht keine Probleme, mit den Freundinnen ihres Freundes, sogar mit der Ex ihre Sexualität und Beziehungsprobleme auszudiskutieren. Und ihre eigene Widersprüchlichkeit auszuleben, sie hat nämlich auch "Bock" auf den Frauenfeind, Sehnsucht nach seinen Zärtlichkeiten, will "untergehen in diesem Meer von heißer Feuchtigkeit". Und weiß dabei genau, "dass Emanzipation was anderes ist".

"Ich habe mit dem Buch damals eine Debatte losgetreten, die so vorher nur in der Frauenbewegung geführt wurde", erinnert sich Svende Merian, die mit ihrem Erstlingswerk quasi über Nacht zum Shootingstar der Szene avancierte. Eine Situation, die sie damals überfordert habe. Ihre Geschichte, die sie öffentlich gemacht hatte, wurde nun auch öffentlich debattiert, verrissen, als nicht emanzipiert gebrandmarkt. "Heute frage ich mich, warum ich mich vor allem von den dominierenden Radikallesben so habe aus der Ruhe bringen lassen."

Immerhin habe sich in den zurückliegenden drei Jahrzehnten einiges zum Positiven im Verhältnis der Geschlechter verändert, zumindest im studentischen Milieu, in der links-alternativen Bildungsbürgerszene. Dass junge Frauen heute ungezwungener, freier, emanzipierter aufwachsen könnten, sei sicher das Verdienst der inzwischen fast historisch zu nennenden Frauenbewegung.

Männer, die das Buch freiwillig oder auf Druck der Freundin gelesen haben, reagieren übrigens sehr unterschiedlich auf Svende Merians Liebesbeichte. Einige bedanken sich, nach dem Motto: Das sagt einem ja sonst keiner. Vielleicht hätte er einfach mal besser zuhören sollen? Ein anderer schrieb einen ganzen Roman: "Ich war der Märchenprinz". Spaßkopf Henning Venske (mit dem Merian 1981 das Lesebuch "Lasst mich bloß in Frieden" herausgegeben hat) dementiert nicht, unter dem Pseudonym Arne Piewitz in dem 1982 erschienenen illustrierten Büchlein seine Sicht der (Männer-)Dinge aufgeschrieben zu haben.

Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer hat sich in seinem Bestseller "Angst vor Nähe" die Kommunikationsstörungen und Missverständnisse zwischen Svende und Arne vorgenommen. Eine Ehrung, die auch nicht jedem Buch zuteil wird ...

Svende Merian beschäftigt sich noch immer mit dem Märchenprinzen, die Suche nach ihm hat sie inzwischen jedoch aufgegeben - "das entspricht doch nicht der Wirklichkeit". Die Schriftstellerin, die 1991 von Othmarschen nach Bergedorf gezogen ist, weil man "als Freiberufler mehr Platz braucht und sich meine Wünsche hier finanzieren lassen", gibt Lesungen und Workshops, wird mit ihrem Buch immer wieder in Schulen eingeladen. Unterrichtsfach: Gesellschaftskritik der Siebziger. Ihr Eindruck: "Die Handygeneration hockt natürlich nicht zu Hause vorm Telefon, bis der oder die Angebetete endlich anruft. Aber unglückliche Lieben gibt es heute noch."

Das beweist auch der kürzlich entdeckte Slogan: "Wo bleibt eigentlich der Prinz mit seinem scheiß Gaul?"

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